Mehr Grün für die Dobrudscha

MEDGreen Cluster setzt sich für umweltfreundliche Technologien in der Dobrudscha ein

Donnerstag, 03. März 2016

Dr. Ernst Lutz, Prof. Eden Mamut, Iuliean Horneţ, Bürgermeister Marian Iordache (v.l.)

Dr. Ernst Lutz (li) und Prof. Eden Mamut: Brainstorming im Gemeindesaal von Medgidia
Fotos: George Dumitriu

Grün - das passt zur Dobrudscha. Man denkt an das Schilfdickicht des Donaudeltas, an von Walnussbäumen gesäumte Straßen, die sich durch hügelige Graslandschaften schlängeln. Bald soll die Dobrudscha noch grüner werden... Doch gemeint ist nicht die Landschaft, sondern - ausgerechnet - die Industrie. Rauchende Schlote und Fließbandarbeit an stampfenden Maschinen muss man sich dabei freilich nicht vorstellen. Für das gesunde Plus an Grün in der Wirtschaft will der MEDGreen Cluster sorgen - das „MED“ steht für Medgidia, Standort der 2013 begonnenen Initiative, ins Leben gerufen durch eine Gruppe Lehrbeauftragter der Universität „Ovidius“ in Konstanza unter Koordination von Prof. Dr. Eden Mamut, dem Direktor des Instituts für Nanotechnologie und Alternative Energieressourcen, sowie lokale Firmenvertreter mit Unterstützung des Gemeinderats Medgidia. Vorsitzender des Clusters ist der Erfinder und Unternehmer Iuliean Horneţ.

Das Ziel dieser Vorreiter für eine grüne Re-Industrialisierung ist die langfristige Bündelung von Kräften für eine nachhaltige Entwicklung der Dobrudscha. Im Vordergrund stehen erneuerbare Energien, umweltschonende Müllverwertung, die Reduzierung des Rohstoffkonsums, Synergieeffekte durch Vernetzung von Forschung und Anwendung bereits erfahrener Spezialisten und Unternehmen aus dem In- und Ausland. Als Orientierung dient ihnen hierfür der 2013 von der EU-Kommission angenommene Strategieplan, der Schwerpunkte auf erneuerbare Rohstoffe, Energiesparen, Reduzierung des Kohlenstoff-Fußabdrucks, Minimalisierung von Umwelteinwirkungen sowie soziale Inklusion setzt. Die Mehrzahl der Studien weltweit akzentuiert die Notwendigkeit einer „Wiedergeburt“ der Industrie durch Innovationen im Bereich Technologie, im Management und in den sozialen Beziehungen. Neue Märkte, neue Geschäftsmodelle und ein kreatives Unternehmertum sollen erschlossen werden. Für die Bewertung eines Produkts in diesem Sinne gilt die holistische Betrachtung des gesamten Lebenszyklus: von der Rohstoffgewinnung über die Herstellung bis zur Entsorgung; Energieverbrauch, Umweltimpakt, soziale Konsequenzen fließen ein. An der MEDGreen-Konferenz am 10. Februar unter dem Titel „Reindustrialisierung der Dobrudscha - Chancen und Perspektiven“ im Rathaus Medgidia nahmen neben Vertretern rumänischer und lokaler Unternehmen, der Präfektur und des Rathauses, der Universität „Ovidius“ und der Handelskammer Konstanza auch Spezialisten aus Deutschland, Polen, Österreich und Spanien teil.

Die EU setzt neue Horizonte

Der Gastvortragende Dr. Ernst Lutz, Generaldirektor von EIT Raw Materials (www.eitraw materials.eu), stellte das Konzept des Europäischen Institutes für Innovation und Technologie (EIT) vor, eines seit 2008 bestehenden Organs der EU-Kommission zur Förderung der grenzübergreifenden Vernetzung von Innovation, Handel, Forschung und Ausbildung auf EU-Niveau. EIT Raw Materials ist ein Sektor davon. Eckpfeiler der Aktivitäten sind: die Schaffung von Arbeitsplätzen und Förderung von Startups; marktorientierte Forschung und Technologie; Ausbildung, sowohl auf Universitätsniveau als auch durch das Konzept des lebenslangen Lernens - all dies ausgerichtet auf die Anforderungen des Marktes. In Europa gibt es sechs Zentren, die als Hub oder Knotenpunkte fungieren und 120 Business-Partner vernetzen. Die Aktivität von EIT Raw Materials konzentriert sich auf Abbau, Recycling und Substitution von begrenzten oder umweltschädlichen Rohstoffen. Vor allem letzteres gewinnt zunehmend an Bedeutung: „Bisher war die EU sehr abhängig von Rohstoffen außerhalb der EU - dies muss sich ändern, da wird jetzt viel Energie reingesteckt“, erklärt Dr. Lutz. Die ressourcenreiche Dobrudscha könnte eine Art Eldorado für EIT sein, ihre Entwicklung kann auch der EU zu mehr Unabhängigkeit verhelfen. Die Herangehensweise soll jedoch eine tiefgreifend neue sein - und ein Modell für die Zukunft.

Neue Zauberworte

Prof. Eden Mamut liefert einen Abriss über die Entwicklung der Industrie, die er in vier Stufen einteilt: 1. Mechanisierung, 2. Massenproduktion, 3. Automatisierung, 4. Kommunikation der Maschinen im Cyberspace. Mit letzterem ist eine Vernetzung der Produktionslinien gemeint: Maschinen kommunizieren miteinander und produzieren nur noch maßgeschneidert auf Nachfrage. Es gibt keine Lagerhaltung mehr, höchstens für sechs Stunden wird auf Vorrat produziert. Im Zentrum des neuen Trends steht der Mensch und die Nachhaltigkeit. Interkonnektivität, Interdisziplinarität, Cluster und Cloud-Universities - so lauten die neuen Zauberworte.
Ein Beispiel aus dem Ausbildungsbereich ist das Black Sea Universities Network aus 120 Hochschulen im Schwarzmeerraum: Zusammen werden nachhaltige Entwicklungen, Öko-Innovationen, grüne Energien, holistische Produktzyklen und die Schaffung nachhaltiger Arbeitsplätze erforscht.

Die Idee für das Netzwerk ist 1998 auf einem Meeting von über 60 Universitätsrektoren in Konstanza entstanden. Es soll den Mitgliedern der akademischen Community eine Plattform zur Kooperation liefern. Die „Ovidius“-Universität Konstanza ist dort im mit EU-Geldern geförderten Argos-Programm vertreten, einem Master-Studienprogramm über das Management von erneuerbaren Energiequellen, neben Universitäten aus der Republik Moldau, Bulgarien, der Ukraine, der Türkei und Italien. In internationalen Sommer- und Herbstschulen werden interessante Themen geboten: Zum Beispiel konnte man sich 2013 in Simferopol (Ukraine) über „Thermofluid Engineering erneuerbarer Energiesysteme“ fortbilden, oder 2012 in Konstanza zum Thema „Fortgeschrittene Konzepte und Perspektiven im Management erneuerbarer Energieressourcen“ teilnehmen.

Müll als Rohstoff erkennen

Wie man einen Albtraum in ein Ass verwandeln kann, zeigen Beispiele aus der Müllverarbeitung: Eine bahnbrechende und bereits einsatzreife Technologie zur Energieerzeugung auf Basis von Brennstoffpellets unter anderem aus Müll oder Klärschlamm stellt der Vorsitzende des MEDGreen Clusters, der Erfinder und Unternehmer Iuliean Horneţ (EcoHornet), vor. Das Verfahren ist nicht nur klimaneutral, was den CO2-Ausstoß betrifft, sondern auch günstiger als andere Energiequellen und sichert dem Betreiber energetische Unabhängigkeit. Die von EcoHornet entwickelten Anlagen liefern kalorische Energie, Wasserdampf oder Strom und funktionieren auf der Basis von automatisiert zugeführten Pellets, herstellbar aus einer ganzen Palette von Rohstoffen, die in verschiedenen Tätigkeiten als Müll anfallen - etwa Biomasse wie Erntereste, Unkraut, schmutzige Einstreu oder sogar Klärschlamm - und fördern damit im Gegensatz zu Weißholzpellets keine Abholzungen von Wäldern. Weil sie mit über 1250 Grad nahezu rückstandsfrei verbrennen, entstehen auch keine Dioxine und kein Russ. Horneţ schlägt als Idee eine Produktionslinie für Pellets aus dem Klärschlamm der Kläranlage von Konstanza zur Energiegewinnung vor. 

Auch CONVEX S.A. in Konstanza, spezialisiert auf Verschiffung und Lagerung von Feststoffen, konzentriert sich neuerdings auf Müll als Rohstoff, erklärt Generaldirektor Gabriel Panait. Bisher waren die Häfen nur Umschlagplätze für Rohstoffe wie Bauxit, Eisenerz, Kohle, Treibstoffe, heute wird auch direkt vor Ort verarbeitet - z.B. Granulate gemischt - und damit Transportwege, vor allem aber Kosten, gespart.  Javier Cartagena von der AVANZA International Group berichtet über automatisierte Müllsortierung. Das Konsortium verarbeitet Müll aus aller Welt durch automatisches Screening auf der Basis optisch unterschiedlicher Materialeigenschaften. Identische Komponenten werden aussortiert und so Plastik, Glas, Papier und Metalle zur Wiederverwertung getrennt. Der organische Rest wird kompostiert und mit Hilfe des Dry Fermentation Verfahrens Biomethan hergestellt. Am Ende bleiben nur 20 Prozent des Mülls zur Entsorgung übrig. Die Entwicklung der Technologie geschah auf Basis von EU-Fonds, zahlreiche Patente waren die Folge. Vor allem wenn ab 2017 hohe Abgaben für die Entsorgung von Müll zu erwarten sind, ist eine Kooperation mit lokalen müllverarbeitenden Unternehmen ein Riesenvorteil, illustriert Bürgermeister Marian Iordache, der für das Rathaus Medgidia längst entsprechend vorgesorgt hat.

Biomasse auch in Bukarest im Gespräch

Konkrete weitere Ideen seitens aller Teilnehmer werden auf schriftlichem Wege erwartet und sollen auf der Seite des MEDGreen Clusters veröffentlicht werden, schloss Mamut die Brainstorming Sitzung. Einen Bremsklotz für die industrielle Neuerfindung der Dobrudscha stellen jedoch die Banken dar, kritisiert der Gelehrte. Während in Deutschland zwei bis drei Prozent Zinsen für Investitionskredite verlangt würden, seien es in Rumänien glatte sieben Prozent, moniert er und schlägt einen entsprechenden Vorstoß bei den Finanzinstituten vor. Der unermüdliche Vorreiter und Netzwerker trug auch in Bukarest auf der zweiten Konferenz der Vereinigung der rumänischen Privatunternehmer (PSPR) zum Thema „Biomasse, Ressourcen und Reichtum Rumäniens“ über „Wertschöpfung aus Abfällen“ vor. Auch EcoHornetpräsentierte dort den anwesenden Staatsfunktionären und Unternehmern seine Palette an bahnbrechenden Erfindungen. Ermutigende Initiativen, die hoffen lassen, dass Gesetzgeber und Banken bald mit an einem Strang ziehen, um die Umstellung auf nicht-fossile Energien zu erleichtern, denn die Klimawandel-Zeituhr tickt. Und gern darf das geplante Grün für die Dobrudscha auf das übrige Rumänien abfärben.

Kommentare zu diesem Artikel

Klaus, 03.03 2016, 16:00
Das ist ein gutes signal für unser land.-Bleibt zu hoffen das dann auch die binnenschiffahrt wieder zum einsatz kommt wo immer es auch möglich ist.

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