„Mein Umgang mit Sprache ist ein leidenschaftlicher“

Gespräch mit der österreichischen Schriftstellerin Katharina Winkler

Montag, 01. Mai 2017


Foto: Stefan Klüter

Katharina Winkler, geboren 1979 in Wien, studierte von 1997 bis 2002 Germanistik, Theater- und Musikwissenschaft an der Universität Wien. Am Bruckner Konservatorium in Linz studierte sie Klavier, am Konservatorium der Stadt Wien Schauspiel. Sie ist in Oberösterreich aufgewachsen und lebt zurzeit in Berlin. 2016 veröffentlichte sie im Suhrkamp Verlag ihren Debütroman „Blauschmuck“. Das Buch gelangte nach seinem Erscheinen auf die ORF-Bestenliste und wurde mit dem Förderpreis für Junge Literatur 2016 und mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet. Zudem erhielt sie den Bayern2-Wortspiele-Preis für junge Literatur zugesprochen, der mit einem Aufenthalt in der Villa Aurora in Los Angeles verbunden ist. Winkler wirkte zwischen 2003 und 2010 auch an mehreren Filmproduktionen mit.
Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Österreich-Bibliothek Bukarest las Katharina Winkler Auszüge aus „Blauschmuck“ in der Universitätsbibliothek Bukarest. Studierende der Bukarester Germanistik übersetzten Teile aus dem Roman ins Rumänische unter der Betreuung von Univ.-Prof. Dr. Mariana Lăzărescu, die für die ADZ ein Gespräch mit Katharina Winkler führte.

Bei der ersten Lektüre von Blauschmuck habe ich zusammen mit Filiz, Ihrer weiblichen Hauptgestalt, geweint und gehofft, war über all das, was sie erleben und erleiden musste, mal sehr empört, mal bis zu den Tränen gerührt. Jedes Mal, wenn Filiz von ihrem Mann brutal geschlagen oder zutiefst gedemütigt wurde, dachte ich mir, dass das alles nichts anderes als pure Fiktion ist. Doch das Protokoll am Ende des Buches zeugt davon, dass Filiz tatsächlich noch lebt. Hätte Ihr Buch entstehen können, auch wenn Sie Ihre Gestalt nicht persönlich gekannt und gesprochen hätten, sondern über sie nur infolge einer Archivrecherche erfahren hätten? Wie sieht es für einen Schreibenden aus mit dem Verhältnis zwischen Faktum und Fantasie?

Unter veränderten Voraussetzungen für meine Arbeit an diesem Buch hätte sich natürlich auch das Buch selbst verändert. Wäre ich meiner Protagonistin niemals begegnet, hätte ich das Buch vermutlich nie geschrieben. Was das Verhältnis von Faktum und Fantasie betrifft: Wahrheit ist für mich von primärer Bedeutung, Faktum oder Fantasie ist für mich dabei sekundär, da ich eine exakte und definitive Grenze zwischen Fiktion und Realität als Illusion begreife.

Bei der zweiten Lektüre habe ich mir gedacht, dass Ihr Buch von Frauen unterschiedlich gelesen und verstanden würde, je nachdem, wo diese herstammen und welcher Religion sie angehören. Die Mentalität, in der eine Frau aufgewachsen ist, die Erziehung, die sie genossen hat, spielen auch eine wesentliche Rolle bei der Lesart. In der deutschen und österreichischen Literatur sind z. B. Frauentypen wie „femme fragile“, „femme fatale“, das süße Mädel, die Kindfrau, die Ehefrau, die Ehebrecherin, die Kindsmörderin, die Emanze u. a. bekannt. Haben Sie an einen bestimmten Frauentypus gedacht, als Sie Ihre weibliche Gestalt geschaffen haben?

Nein, ich habe mich ausschließlich an meiner Hauptfigur orientiert. An ihrer spezifischen Geschichte. Und ich wollte nicht aus einem Frauentypus sprechen, nicht aus einem Persönlichkeitstypus, nicht aus der Persönlichkeit meiner Figur, ihren Haltungen, Meinungen, sondern aus ihrer tiefsten Seele. Ich wollte ihre Seelenzustände schildern und auf diese Weise den archaischen Mustern, dem Allgemein-Menschlichen auf die Spur kommen. Es ist das uns verbindende Element. Über alle Frauen- und Persönlichkeitstypen, über alle kulturellen Kontexte hinweg. Darin liegt die Chance zur Empathie. Und diese Chance ist ein bedeutendes Potenzial von Literatur. Schließlich ist das herrschende Defizit an Empathie Auslöser eines Großteils unserer Problematiken.

In Ihrem Roman haben mich aus stilistischer Perspektive sehr viele Metaphern, Alliterationen, Personifizierungen, Wortspiele, Symbole fasziniert, die Art und Weise, wie es Ihnen als Autorin gelingt, mit der Sprache umzugehen. Bis auf Seite 19 im Buch weiß der Lesende nicht, um was für einen „Schmuck“ es sich eigentlich handelt. Man spürt auf jeder Seite Ihre Lust am geschriebenen Wort, das eine einmalige Poesie der Sprache entstehen lässt. Sie ziehen Vergleiche, die einen nach der Lektüre gedanklich verfolgen, weil sie so bildreich sind. Die Stelle am Ende „Du schlägst mich tot, aber du kommst mir nicht nahe“, die wie ein Widerspruch klingt, war für mich der Höhepunkt Ihrer stilistischen Kompetenz. Was meinen Sie dazu?

Ja, mein Umgang mit Sprache ist ein leidenschaftlicher. Er ist ebenso verspielt wie existenziell. Meine Prosa hat sich aus der Lyrik entwickelt. Sie ist musikalisch gedacht, rhythmisch vor allem, überhaupt sinnlich. In „Blauschmuck” ist die poetische Sprache von besonderer Bedeutung. Nur sie hat mir ermöglicht, die brutale Geschichte von Blauschmuck zu erzählen, sie durchzustehen. Das Buch stellt sich ästhetisch gegen Gewalt. Es zeigt, dass das Schöne, das Metaphysische, Fiktionale, das Poetische neben dem Rohen, Realen, Gewalttätigen bestehen kann und besteht, ohne das Rohe, Reale zu verleugnen, aber auch ohne sich ihm unterwerfen zu müssen. Während man im Verlauf der Erzählung durch die Hölle geht, behauptet die poetische Sprache immer die Existenz des Schönen per se. Das relativiert die Hölle nicht. Aber es macht sie erträglicher. Die Sprache gibt auch dem Leser Kraft und Orientierung, sie ist das rote Seil, an dem er sich durch die Hölle handelt. Und diese Sprache entspricht meiner Protagonistin. Denn in ihr spiegeln sich die unzerstörbare Lebenskraft, der beeindruckende Lebensmut, der fundamentale Glaube an das Leben, der meine Protagonistin durch die Geschichte geleitet hat. Eine Schreckensgeschichte in einer Sprache zu erzählen, die per se das Schöne sucht, aber auf Brutalität stößt und diese erzählen muss, weil das nun mal die Geschichte ist, um die es in diesem Buch geht, macht außerdem die Absurdität menschlicher Gewalt noch deutlicher. Der Satz „Du schlägst mich tot, aber du kommst mir nicht nahe“ ist jedenfalls auch ein inhaltlicher Höhepunkt: der Ursprung der Emanzipation.

Könnte Filiz auch ein alter ego von Katharina Winkler sein, die durch die Schilderung des Schicksals einer vom Mann erniedrigten Frau ihre Stimme als Europäerin gegen die Unterdrückung der Frau durch den Mann erhebt, denn für die Autorin Winkler gelten Werte wie Wille zur Selbstbehauptung bzw. Gleichheit zwischen Mann und Frau?

Natürlich ist jedem literarischen Werk die Geisteshaltung seines Autors immanent. Spräche die Geschichte nicht gegen Gewalt und für Selbstbehauptung, hätte ich sie nicht erzählt. Aber in der Auswahl der Geschichte erschöpft sich mein politischer Zugriff. Im Schreibprozess habe ich versucht, mich soweit wie möglich zurückzunehmen. Ich wollte keinen Kommentar, keine Bewertung, keine Interpretation, die zwischen der Figur bzw. der Geschichte und dem Leser steht. Ich wollte meiner Protagonistin eine Stimme verleihen. Ihr Gehör schenken, das ihr in der Realität nie geschenkt worden war, ihr so Wertschätzung entgegenbringen und damit ein Stück weit ihre Würde wiederherstellen. Ich selbst sollte nur in der Sprache spürbar werden.

Das Buch bietet einen reichhaltigen Einblick in die türkische Küche, die auch in Rumänien bekannt ist: Sarma, Baklava, Pilav, Ayran, gefüllte Paprika, Halva u. a. Außerdem erfahren wir vieles über die Kleidung einer kurdischen Frau, über ihre Tätigkeiten im Haushalt, über die Pflege der Haustiere, die Bedeutung der Jeanshose für Deutschland und Österreich, über Vorurteile und Aberglauben im Orient. Wie gehen Sie vor als Autorin, wenn sie für einen Roman recherchieren?

Tatsächlich habe ich, abgesehen von meinen Gesprächen mit meiner Protagonistin, nur minimal recherchiert, nur in Bereichen wie Küche, Botanik, Haustierhaltung. Ich wollt mich meiner Figur, ihrer Wahrnehmung vollkommen hingeben, um diese subjektive Perspektive absolut umzusetzen.

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