„Meine Bücher sind auf eine Art und Weise klüger als ich“

ADZ-Gespräch mit der Schriftstellerin Iris Wolff

Mittwoch, 24. Oktober 2018

Iris Wolff wurde 1977 in Hermannstadt/Sibiu geboren und ist mit acht Jahren nach Deutschland ausgewandert. 2014 erhielt sie für ihr Erstlingswerk, den Roman „Halber Stein“, den Ernst-Habermann-Preis. Foto: Falko Schubring

„Vielleicht sind Bücher geheime Zettelkästen. Eine Art Landkarte unserer Gedanken.“ Der Spruch auf der Rückseite ihrer Visitenkarte, – ein Zitat aus ihrem Erstlingswerk „Halber Stein“ - brachte ein Glöckchen in mir zum Klingeln. Am selben Abend entdeckte ich ihr zweites Buch: „Leuchtende Schatten“. So ein Zufall! Das zweite Glöckchen. Ich leihe es aus, verschlinge es in einem Atemzug, lasse mir ihr jüngstes Werk schicken: „So tun, als ob es regnet.“ Das dritte Glöckchen war dann eher ein Paukenschlag: In jeder ihrer Geschichten begegnete ich Charakteren, die meine eigenen, geheimen Gedankengänge kannten! Henriette beim Anblick des Sonnenaufgangs: „...sie dachte, dass jeder Tag unberührt war, unbeschrieben, losgelöst von dem vorherigen, und doch gab es eine stille Übereinkunft, er sei die Fortführung des vorangegangenen Tages...“ Hedda vor dem Sternenhimmel: „Jetzt kann auch ich dich sehen, dachte Hedda in diesem seltsamen Zwiegespräch. Dabei war es weniger wichtig, dass sie ihn sah, sondern dass sie vom Himmel mit einbezogen, getragen, gesehen wurde, als wäre sie sein natürliches und notwendiges Gegenüber.“ Sind ihre Bücher universelle Zettelkästen? Gedankengewebe, die Menschen auf unsichtbare Weise verbinden? Sie machen neugierig auf die Autorin: Iris Wolff .  Wie sie zum Schreiben kam, was sie motiviert und woher diese starken Gedanken kommen, verrät die Schriftstellerin im Gespräch mit Nina May.


Frau Wolff, wann begannen Sie zu schreiben und wie kam es dazu?


Ich kam erst mitten in den 20ern zum Schreiben, da hatte ich mein Studium – Malerei, Grafik, Religionswissenschaft, deutsche Sprache und Literatur – schon abgeschlossen. Wir haben als Familie eine große Reise nach Siebenbürgen unternommen. Ich war natürlich nach der Auswanderung oft in Siebenbürgen - doch auf dieser Reise hatte es „Klick“ gemacht: Ich wollte eine Geschichte schreiben, die die Auswanderung thematisiert, in fiktionaler Form. Das hat vom ersten Satz bis das Buch fertig war sechs Jahre gedauert - sieben, bis ein Verlag gefunden war und es unter dem Titel „Halber Stein“ erschien. Der Wunsch, etwas von der Geschichte festzuhalten, etwas, das im Verschwinden begriffen ist, war eine starke Motivation für dieses erste Buch.

Siebenbürgen bildet einen lebhaften Hintergrund in Ihren Geschichten. Es gibt intensive Bilder, die mehrere Sinne ansprechen. Etwa die Szene in „Leuchtende Schatten“, wo Ella das Brot zum Backen bringt. Woher kommen diese , wo Sie doch bei der Auswanderung noch ein Kind waren?

Schön, dass Sie danach fragen! Denn das ist ein ganz wesentliches Prinzip meines Schreibens: diese Bilder zu finden und auszuformulieren, sodass auch jemand anders sieht, riecht, hört und schmeckt. Das sind Bilder, die während des Schreibens entstehen, dadurch, dass man einer Szene oder einer Figur folgt. Ein Ausgangspunkt kann auch sein, dass jemand anders darüber erzählt.

Als erstes war für mich die eigene Familie ein großer Schatz. Inzwischen bin ich viel unterwegs auf Lesungen und Veranstaltungen und wenn man den Leuten dort zuhört, werden einem die besten Geschichten erzählt. Die nehme ich oft als Ausgangspunkt für fiktionale Welten. Aber letztlich speist sich vieles aus der Wirklichkeit.

Verspüren Sie einen Erziehungsauftrag für Geschichte?

Eigentlich nicht. - Aber ich tue es, Sie haben völlig recht! Dabei vertrete ich die These, dass Literatur nicht zu viel wollen darf: Nichts tötet einen poetischen Text rascher als eine Absicht. Der muss einfach von der Sprache getragen werden, von der Lust am Erzählen. Aber als geheime Motivationsspur ist er schon da. Dass alle meine Bücher Siebenbürgen als Ausgangspunkt haben, ist etwas, worüber ich mich selbst wundere. Und frage mich immer, wie lange ich das noch mache.

Pflegten Sie auch nach der Auswanderung noch eine lebhafte Beziehung zu Siebenbürgen?

Es gab sporadisch immer wieder Besuche oder Reisen, aber dazwischen konnten auch Jahre liegen. Es war ein loser Kontakt, weil die ganze Familie ausgewandert ist, es gibt keine Verwandtschaft mehr dort. Aber wir haben bis heute gute Beziehungen zu den ehemaligen Nachbarn in Hermannstadt, wo ich geboren bin und – nachdem wir zwischenzeitlich im Banat lebten, weil mein Vater seine erste Pfarrstelle in Semlak erhielt – die Schule besuchte.

Welche Leute fühlen sich von Ihren Büchern angesprochen?

Anfangs war der Leserkreis eher auf Siebenbürger Sachsen in Deutschland fokussiert. Aber er hat sich, was mich freut, stetig erweitert, sodass auch viele Bundesbürger meine Bücher lesen. Natürlich spielen sie in Siebenbürgen und sind dieser Landschaft und Kultur verhaftet. Besonders in „Leuchtende Schatten“ ist viel von Natur, Brauchtum, Zusammenhalt zu finden; wie die Familie funktioniert, das geht vom Essen bis zur Einrichtung, zu Sprichwörtern. Das macht das Ganze ja auch so intensiv. Aber letztlich sind es universelle Geschichten, weil sie von Themen erzählen, die jeder Mensch kennt: Wo ist man zu Hause? Wie schafft man es, zu lieben oder den Platz für sich zu finden? Verlust und Tod sind ganz große Themen.

„Vielleicht sind Bücher geheime Zettelkästen. Eine Art Landkarte unserer Gedanken.“ Dieser Satz aus Ihrem Roman „Halber Stein“ hat mich sehr berührt. Ich habe in den Hauptfiguren Ihrer Bücher so viele eigene Gedanken entdeckt. Kann es sein, dass Ihre Bücher universelle Zettelkästen sind?

Ich glaube, meine Bücher brauchen schon eine spezielle Art von Leser. Das ist ein Leser, der nicht auf große Handlung drängt oder Spannung braucht, um weiterzulesen, sondern der auch Gefallen findet an fein auserzählten Landschaftsbildern oder humorigen Passagen, und dem Augenzwinkern, mit dem viele Figuren dargestellt werden. Deswegen denke ich nicht, dass sie jedem zugänglich sind. Aber es sind doch universelle Geschichten, weil ich als Autorin das Gefühl habe, das, was ich erzähle, geht über mich hinaus. Meine Bücher sind auf eine Art und Weise klüger als ich. Die Gedanken, die die Figuren denken und ihre Handlung – das geht weit über mich und meine Erfahrungswelt hinaus. Da wird einem, wenn man künstlerisch tätig ist, etwas zuteil, das größer ist als man selbst.

Zu den Büchern als Zettelkästen: Dahinter steckt auch eine Erfahrung als Leserin. Ich bin ja selbst in Büchern beheimatet, habe eine große Bibliothek. In vielen Büchern findet man sich wieder. Ich weiß oft noch, welche Sätze mich besonders berührt haben. Von meinen Büchern würde ich mich nie trennen. Ich brauche die Bücher um mich herum auch als Erinnerung daran, wer ich sein möchte.

Sind Bücher kostbare Gegenstände – oder eher solche, in denen man auch mal was anzeichnet, ein Eselsohr reinknickt, Bemerkungen hineinschreibt?

Unbedingt letzteres! Ich mag es auch, Spuren von anderen Lesern zu finden. Das liegt vielleicht daran, dass ich lange im Literaturarchiv Marbach gearbeitet habe. Der Wert eines Manuskripts aus dem Nach- oder Vorlass eines Autors ist umso höher, je mehr Spuren es trägt. Wenn man sieht, was haben die Autoren angestrichen, wo ist das Eselsohr, was hat ihnen gut gefallen, bei manchen sieht man Rotweinflecke... Wenn man solche Spuren des gelebten Lebens entdeckt, das finde ich schön. Aber das ist etwas, was auch verloren geht. Man sieht ja heute nicht mehr, wie ein Buch entsteht, weil wir die Texte digital verfassen.

Ist Ihren Lesern bewusst, dass Siebenbürgen in Rumänien liegt? Werden Sie mit Fragen zu Rumänien konfrontiert?

Es ist oft so, dass ich nochmal erklären muss, wo Siebenbürgen liegt. Das ist aber auch völlig in Ordnung. Bei Transsylvanien denken alle an Dracula... Deswegen erörtere ich schon kurz die Geschichte, wo das Land liegt und wie lange es dort die deutsche Minderheit gibt. Es gibt ja so viele deutsche Minderheiten auf der Landkarte, die Siebenbürger Sachsen sind ein kleines Völkchen. Natürlich wird auch gefragt, wie sich das Land verändert hat. Was immer gefragt wird: Warum die Siebenbürger Sachsen ausgewandert sind – und ob es ein Zurück gibt.

Gibt es ein Zurück?

Es gibt eine kleine Welle des Zurück - das finde ich ganz erstaunlich. Ich hatte im März eine Lesereise durch Rumänien, da sind auch viele Bundesdeutsche gekommen, oder Holländer, die in Rumänien ein neues Zuhause gefunden haben und die eine bewusste Entscheidung für dieses Land und dieses Leben getroffen haben. Das hat mich sehr beeindruckt. Ich weiß nicht, wie groß diese Welle ist. Es sind Einzelpersonen, die ich kennengelernt habe. Aber jede Geschichte, die ich erzählt bekommen habe, fand ich sehr beeindruckend.

Wie hat sich Ihre Welt als Schriftstellerin verändert?

Ich habe den Eindruck, dass ich genau richtig bin bei dem, was ich jetzt tue. Ich mag alles, was damit zusammenhängt - das Reisen, auch, dass man immer wieder neue Menschen kennenlernt. Man muss sich erst mal daran gewöhnen, so sichtbar zu sein, denn man gibt ja schon viel preis in den Büchern. Und wenn man dann noch auf Veranstaltungen als Mensch Rede und Antwort stehen muss, ist das eine Rolle, in die man hineinwachsen muss. Gute und schlechte Kritiken zu bekommen – beides „macht etwas“ mit einem.

Aber es hat mein Leben verändert, meine Welt größer gemacht. Zum einen vergrößere ich sie selbst schreibend, sie wächst mit jeder Figur oder Epoche, die ich mir erarbeiten muss. Aber auch das Reisen trägt dazu bei. Man lernt Menschen kennen, die oft sehr bereitwillig aus ihrem Leben erzählen. So wird die Welt weiter, auf beiden Ebenen.


Haben Sie ein Lieblingszitat?

Eines hat mich beeindruckt, es ist von Friedrich Schlegel: „Der Mensch dichtet gleichsam die Welt, nur weiß er es nicht gleich.“ Da steckt so viel drin. Letztlich gewinnt die Welt erst an Kontur, wenn wir Dinge benennen können. Je differenzierter unsere Sprache ist - und das, was wir festhalten können - desto differenzierter ist auch unsere Weltwahrnehmung.

Gleichzeitig steckt auch drin, dass die Trennung zwischen Fiktion und Wirklichkeit oft gar nicht so leicht ist, wie man glaubt: dass Dichtung nicht weit weg ist vom Leben, dass das eine ins andere übergeht, weil jeder sich sein eigenes Leben dichtet. Auch in der Interpretation: die Geschichten, die wir uns über uns selbst und unser Leben erzählen, woran wir glauben und woran nicht.

Glauben Sie, dass der Mensch die Welt mit seinen Gedanken ein Stück weit erschafft?

Ja, mit seinen Gedanken, seinen inneren Einstellungen und vor allem mit seinen Worten. Das gilt zumindest für mich. Jemand anderes würde vielleicht Formeln oder Bilder nehmen.

Sie bringen viele rumänische Sprichwörter und Redensarten unter, die man nur versteht, wenn man die Sprache gut kennt. Der Titel „So tun als ob es regnet“ (a se face că plouă) ist eine sehr pittoreske rumänische Wendung.

Ich spreche leider nicht mehr so gut Rumänisch, aber ich denke manchmal in rumänischen Bildern. Mit jeder Sprache, die man kann oder konnte, hat man eine andere Wahrnehmung der Welt. Das Rumänische hat andere Sprichwörter als das Sächsische. Diese Bilder bleiben einem, auch wenn man die Sprache verlernt. Ich konnte sie früher genauso gut wie Deutsch, aber bei der Auswanderung war ich acht Jahre alt, zu Hause wurde nur Deutsch gesprochen, da hat sie sich verflüchtigt.

Wie sammeln Sie die vielschichtigen Eindrücke für Ihre Geschichten?

Ich habe immer mein Notizbuch dabei, dokumentiere durch Fotos oder aus Familienalben. Oft nehme ich sinnliche Wahrnehmungen als Ausgangspunkt, erinnere mich an ein Geräusch auf dem Parkplatz. Ich finde es schön, dass mich meine Lesereisen immer öfter auch nach Rumänien führen, weil das auch für mich ganz etwas anderes ist, das Land alleine zu bereisen – und nicht mit der Familie, wo man sich dann doch stark aufeinander bezieht.

Ich erinnere mich an meinen letzten Besuch, wo mich jemand vom Flughafen in Hermannstadt abholen und mit dem Auto zur Kulturwoche Haferland mitnehmen sollte. Jener Fahrer rief an, dass sein Flug gestrichen wurde, also bin ich zum Bahnhof und habe die Bahn nach Schäßburg genommen. Diese drei Stunden mit der Regionalbahn gehörten wirklich zu den Highlights meiner Reise. Was man da alles beobachten kann - und wie anders Zugfahren im Vergleich zu Deutschland ist. Es war herrlich!

Vielen Dank für das interessante Gespräch!


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