„Meine Idee ist, dass ich auf der Bühne etwas zu sagen habe“

Interview mit dem deutschen Schauspieler am DSTT Konstantin Keidel

Mittwoch, 31. Oktober 2012

„Es ist Fleischbeschau, man wird nur eingestellt, wenn es gerade vom Typ passt“ – Konstantin Keidel ist der neue Gastschauspieler am DSTT. Foto: Zoltán Pázmány

Das deutsche Staatstheater Temeswar hat für die nächsten zwei Spielzeiten einen neuen Schauspieler aus Deutschland. Konstantin Keidel machte im Februar seinen Abschluss an der Schauspielschule Mainz. Zuschauer werden ihn erstmals in dem Theaterexperiment „derdiedans“ erleben können, das im November Premiere feiern wird. BZ-Redakteur Robert Tari sprach mit dem jungen Schauspieler über die Arbeit am DSTT und den Hürden, die man als Deutscher in Rumänien überwinden muss.

Rumänien ist für Sie Neuland. Sie sind das erste Mal in Rumänien und werden hier auch leben und arbeiten. Ist es ein Abenteuer für Sie?

Absolut. Es ist auch ganz witzig: Ich habe in einen Reiseführer für Rumänien gelesen, dass Rumänien für manche, die sogar aus Deutschland kommen, noch ferner liegt, als der asiatische Raum, weil man da eher zum Urlaub hinfliegt. Komischerweise erscheint Rumänien fern, obwohl es eigentlich so nah liegt. Bisher ist es für mich sehr interessant. Die Organisation ist ein bisschen anders, als ich es aus Deutschland gewohnt bin, aber das macht gerade für mich den Reiz aus. Für mich ist das eine tolle Auslandserfahrung und da ist es schön, wenn nicht alles so ist, wie ich es aus Deutschland kenne.

Sie haben im Februar Ihre Schauspielabbildung abgeschlossen. Sie stehen noch am Anfang Ihrer Karriere. Wieso gerade Rumänien? Das ist dann doch ein gewagtes Unterfangen für einen deutschen Schauspieler in diesem Land anzufangen.

Ich finde, wenn du Schauspieler wirst, dann musst du dich ständig neu orientieren. Darum habe ich so gedacht: Wenn ich jetzt die Schauspielschule beendet habe, dann kann ich auch gerade jetzt eine ganz neue Orientierung vornehmen, also einmal schauspielern in einer anderen Kultur. Das ist auch das Interessante, dass hier eine andere Theaterlandschaft ist. Dann ist da noch das Deutsche Staatstheater, das eine Sonderstellung als fremdsprachiges Theater im Ausland genießt und das ist für mich sehr interessant. Da sind jetzt sehr viele neue Einflüsse, die ich dann natürlich auch im Schauspiel mit aufnehmen kann.

Sie wurden über das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) nach Rumänien als Gastschauspieler entsandt. Wie lange läuft Ihr Vertrag?

Ich habe jetzt einen Zweijahresvertrag abgeschlossen mit der Klausel, dass wir in März 2013 noch einmal gucken, ob ich mich denn einleben konnte oder ob Probleme bestünden. Dann wird der Vertrag nach einem Jahr aufgehoben. Aber bisher gefällt es mir so gut, dass ich eigentlich denke, dass ich die zwei Jahre hier gerne arbeiten werde. Und dann mal gucken, ob mich das Theater nach zwei Jahren noch möchte (lacht) bzw. ob die Arbeit gut gelaufen ist und wie es bei mir aussieht. Ich habe noch eine Freundin in Deutschland. Sie ist auch Schauspielerin, die aber Gott sei Dank sehr verständnisvoll ist, dass ich hier arbeite und die mich auch schon hier besucht hat. Sie findet es hier auch sehr schön. Leider ist für sie hier keine Stelle frei (lacht).

Machen Sie sich über die Zeit danach Gedanken? Über den Wiedereinstieg in den deutschen Schauspielmarkt? 

Also, man kann jedem von diesem Beruf nur abraten. Da muss man einen besonderen Spleen haben. Ich habe 230 Bewerbungen losgeschickt, um einen Job zu finden. Ich hatte noch Vorstellungsgespräche, nachdem ich hier angenommen wurde, aber die meisten habe ich dann abgesagt, weil ich überhaupt keine Lust mehr hatte. Ich hatte, bis ich hier vorgesprochen habe, 30 Vorstellungsgespräche. Es ist Fleischbeschau, man wird nur eingestellt, wenn es gerade vom Typ passt, Talent und Können hat oftmals wenig damit zu tun. Und wenn mein Vertrag hier in zwei Jahren ausläuft, dann muss ich wieder gucken, was auf dem deutschen Markt läuft, dann geht das Ganze wieder von vorne los. Es ist ein permanentes Umziehen im Leben. Mit Familie ist es sehr schwer. Also, meine Idee ist, dass ich auf der Bühne etwas zu sagen habe, deswegen mache ich diesen Beruf. Ich schreibe auch gerne selber Texte. Mein Lebenstraum wäre es mal meinen eigenen Text auf der Bühne zu sehen. Ansonsten braucht man da sehr viel Herzblut. Der Kampf wird ein ewiger und es wir ständig neu verhandelt. Jetzt ist es schon mal schön, ich habe einen Festvertrag. Dieses Privileg haben viele deutsche Schauspieler nicht, die meisten sind arbeitslos. Jetzt kann ich erstmals zwei Jahre beruhigt spielen und etwas dazu lernen.

Ihre erste Produktion am Deutschen Staatstheater ist das Theaterexperiment „derdiedans“ vom Choreografen Florin Fieroiu. Wie finden Sie die Arbeit an dem Stück?

Das ist ein Traumeinstieg für mich, weil man in der Arbeit mit Florin sehr kreativ sein und eigene Vorschläge mit einbringen kann. Es ist kein klassisches Regietheater, wo man Vorgaben gemacht bekommt und schon gar nicht solche, wo es heißt: Lauf von links nach rechts über die Bühne. Wir entwickeln aus Improvisation, da kann man Vorschläge machen und das ist so eine kreative Arbeit, die sich eigentlich jeder Schauspieler wünscht, die man nur sehr, sehr selten bekommt und es ist ja auch ein Experiment am Theater. Er hat noch nie hier inszeniert, zwar schon Choreografien hier gemacht, aber so ein eigenes Stück noch nicht gemacht und darum bin ich froh, ein Teil von etwas ganz neuem quasi sein zu können.

Kommt Ihnen die rumänische Sprache oft in die Quere?

Teils, teils. Ich habe, Gott sei dank, sehr nette Kollegen, die mir während der Arbeit permanent alles übersetzen. Es ist auch gut, dass gerade Florin  nur Englisch und Rumänisch spricht und gerade nicht Deutsch. Da bin ich gezwungen zu versuchen sehr viel zu verstehen - natürlich übersetzt - aber gerade wegen dieser Probenarbeit verbessert man sich unheimlich. Ich möchte jetzt sehr schnell Rumänisch lernen, weil es grad im Privaten schwierig wird. Die Kollegen sprechen in meiner Anwesenheit oft Deutsch, aber ich möchte dann doch lieber irgendwie in deren Landessprache kommunizieren können. Gerade im Alltag bei den Amtsgängen ist es sehr schwer. Aufenthaltsgenehmigung braucht man nach drei Monaten zum Beispiel und in der Ausländerbehörde spricht keiner Englisch (lacht). Bei solchen Sachen wird es dann schwer, deswegen möchte ich es auch im Alltag etwas einfacher haben. Ich finde die Sprache auch interessant, weil es mich immer ans Französische, ans Italienische erinnert, also es ist, Gott sei Dank, eine romanische Sprache und deswegen nicht ganz so fern zu lernen.

Nach „derdiedans“ bringt das DSTT William Shakespeares „Titus Andronicus“ auf die Bühne. Spielen Sie da auch mit?

Ja, da bin ich auch besetzt. Bin sehr froh darüber.

Können Sie etwas darüber sagen?

Es ist ein unheimliches Gemetzel während des Stückes. Das ist ein Stück, das sauschwer auf die Bühne zu bringen ist, weil man heutzutage keine Bühneneffekte mehr macht. Wirklich das Gemetzel nachstellen, das geht dann nicht, da lacht sich jeder im Publikum kaputt. Wir haben ganz gute Filme, wo Spezialeffekte benutzt werden. Das heißt, man muss eine andere Idee finden. Man muss das irgendwie verklären oder andere Symbole dafür finden. Ich darf leider noch nichts verraten, es gibt schon eine Menge Ideen, wie man es inszenieren könnte. Das wird eine ganz spannende Sache, da freue ich mich unheimlich drauf. Wir hatten schon einen Einführungsworkshop mit dem Regisseur Brian Michaels und das Witzige ist, ich  habe mir von ihm schon ein Feedback geholt, und er ist ein Regisseur, der ein sehr gutes Auge hat. Ich habe ein gleiches Feedback bekommen, wo ich noch dran arbeiten kann, wie auch schon von meinen Schauspieldozenten bekommen habe. Das heißt, er ist ein Regisseur, von dem ich noch sehr viel lernen kann. 

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