„Menschen und Mythen lagen in der Luft“

Eine nostalgische Reise ins Herz des Buchenlandes

Sonntag, 12. Januar 2014

Das bekannte Schiffshaus zwischen der Enzenberg Hauptstraße und der Judengasse

Der Haupteingang der Universität Czernowitz

Das Gebäude der Universität gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Sitz des Vereins für deutsch-österreichische Kultur im Deutschen Haus
Fotos: Aida Ivan

„Warum ich schreibe? Vielleicht weil ich in Czernowitz zur Welt kam, weil die Welt in Czernowitz zu mir kam. Jene besondere Landschaft. Die besonderen Menschen. Menschen und Mythen lagen in der Luft. Man atmete sie ein. Das viersprachige Czernowitz war eine musische Stadt, die viele Künstler, Dichter, Kunst-, Literatur- und Philosophieliebhaber beherbergte“. Das schrieb die aus der Bukowina stammende deutschsprachige Lyrikerin Rose Ausländer über ihre Heimatstadt und löst damit in einem zeitgenössischen Leser ein Gefühl der Nostalgie aus: Unter Czernowitz kann sich einer Vieles vorstellen, besonders wenn man die Stadt aus Büchern kennt.

Vor der rumänisch-ukrainischen Grenze weiß keiner der Reisenden, was man von der Ukraine erwarten soll. Früh an einem kalten, sonnigen Morgen starrt ein gleichgültiger Streunerhund die Touristen an der Grenze an. Er ist eine der wenigen stillen Figuren am Platz. Manche Mitfahrende flüstern sich dunkle Geschichten über kleinere oder größere Unglücke zu, die Ausländer in der Ukraine erlebten. Alles nur vom Hörensagen. Andere sprechen laut, um zu zeigen, dass sie diese eher lange Grenzkontrolle und den Eintritt in das Land, das ehemals zur UdSSR gehörte, gar nicht wichtig finden. Erst nach der Überquerung sind alle erleichtet, als ob sie eine Prüfung bestanden hätten.

Die rosa Kathedrale

Ein paar Dutzend Kilometer weiter erreichen wir Czernowitz/ Cernăuţi. Das erste, was einem in der Innenstadt auffällt, ist die Kathedrale. Sie ist rosa! Es ist die orthodoxe Kathedrale des Heiligen Geistes, die 1844 gegründet wurde. Der Wiener Architekt Ferdinand Roell war für diesen Bau zuständig, bemalt wurde das Innere der Kathedrale von einer Gruppe österreichischer Künstler, die von Karl Jobst geleitet wurde. Um den Dom herum herrscht ein geschäftiges Treiben, das man besser meidet. Ein später erstatteter Besuch während der Messe erweist sich als kluge Entscheidung: Am besten kann man das gewaltige Wandgemälde und die Fresken bewundern, wenn man  die wohltönenden religiösen Gesänge genießt. Die Kathedrale ist voll. Eine alte Dame lädt zur Teilnahme am Ritus ein. Da die fromme Frau vor sich nur einen verstummten Menschen stehen hat,  der kein Wort Ukrainisch versteht, packt  sie einfach zu und führt die Touristin an die richtige Stelle.

Hinter der Kathedrale befindet sich die Kobylianska-Straße (ehemalige Herrengasse): Ein paar Schritte nach links liegt das neu renovierte Deutsche Haus in der Nähe des Cafés Karinthia. Vor ungefähr 100 Jahren machten die Deutschen 17 Prozent der Bevölkerung aus - Czernowitz hatte damals 90.000 Einwohner. Jede ethnische Gruppe hatte ihren Treffpunkt, ein eigenes Kulturhaus. Das Deutsche Haus befand sich auf der damals schicksten Straße der Stadt und wurde 1910 vom Architekten Gustav Fritsch errichtet. Der Verein für deutsch-österreichische Kultur hat hier seinen Hauptsitz.

Ein blaues Rathaus

Einen Steinwurf entfernt befindet sich das blaue Rathaus, das im 19. Jahrhundert errichtet wurde und durch seinen 50 Meter hohen Turm auffällt. Geht man die Eminescu-Straße entlang, so entdeckt man gleich den ehemaligen Justizpalast (heute Teil der Stadtsverwaltung), eines der schönsten Gebäude der Stadt, dessen Eingang von zwei weißen Löwen bewacht wird. Der Bau auf der Chruschewski-Straße wurde Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet und vom Architekten Josef Hlavka entworfen. Die Statuen an der Fassade verkörpern die Göttinnen Themis (Gottheit der Justiz) und Nemesis (Gottheit der Bestrafung). Von hier bis zum Olha-Kobylanska-Theater geht man noch ein paar Schritte. Das gelbe Gebäude, das ebenfalls Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet wurde, steht unter dem Schutz von Apollo. Andere Skulpturen stellen Persönlichkeiten wie Wagner, Goethe, Schiller, Beethoven, Schubert u.a. dar. Das Theater wurde von Wiener Architekten entworfen, Ferdinand Fellner und Hermann Helmer, die auch die Opernhäuser in Wien und Odessa aufgebaut haben. Bis 1922 funktionierte es unter dem Namen „Czernowitzer deutsches Stadttheater“, von da an bis zum Zweiten Weltkrieg wurde es zum „Rumänischen Nationaltheater“. Später erhielt das „Ukrainische musikalisch-dramatische Theater“ den Namen der bekannten ukrainischen Schriftstellerin Olha Kobylanska.

Nicht weit entfernt vom Bürgermeisteramt entdeckt man ein Haus, das in der Form eines Schiffes gebaut wurde und deshalb als Schiffshaus bekannt ist. Es liegt zwischen der Enzenberg Hauptstraße (heute Holovna-Straße) und der Judengasse (heute Scholom-Aleichem-Straße). In der Nähe  befindet sich das alte  Judenviertel, die Untere Stadt.
Bummelt man in die andere Richtung der Holovna-Straße, findet man eine Statue des Dichters Mihai Eminescu, der in Czernowitz die Schule besucht hat. Die einst glänzende kulturelle Vielfalt hat zahlreiche Spuren in der Architektur hinterlassen. In Czernowitz lebten Ukrainer, Juden, Deutsche und Rumänen. Die Stimmung der Stadt, nach der Schriftsteller wie Rose Ausländer, Gregor von Rezzori oder Paul Celan sich so inbrünstig sehnten, existiert aber nur in ihren Büchern. Die multikulturelle Atmosphäre, die sie damals erlebt haben, entspricht der heutigen Realität nicht mehr.

Die rote Universität

Geht man weiter, so entdeckt man den monumentalen Gebäude-Komplex der Universität, eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Czernowitz. Heute funktioniert die Universität unter dem Namen Jurij Fedkowytsch und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Anfang des 20. Jahrhunderts war Czernowitz dank der Universität das östlichste deutschsprachige Kulturzentrum der Habsburger Doppelmonarchie. Auch die jüdische Schriftstellerin Rose Ausländer belegte im Jahre 1920 Seminare zur Literatur und Philosophie als Gasthörerin an der Czernowitzer Universität, die 1875 als kaiserlich-königliche Franz-Josephs-Universität im östlichen Kronland der Monarchie gegründet wurde.

Das imposante Gebäude aus rotem Backstein beherbergt heute 16 Fakultäten mit über 16.000 Studierenden. Hier war im 19. Jahrhundert die ehemalige Residenz des orthodoxen Metropoliten, dazu gehört auch eine Kirche, die 1878 errichtet wurde. Vier Jahre lang wurde sie bemalt und das Kirchendach, die Fresken, die Altarwand aus Lindenholz, die mit Gold bemalt wurde, sind auch heute im Originalzustand. Die Theologiestudenten machen ihr Praktikum hier und angeblich haben sie auch viel zu tun: Hochzeiten scheinen hier am laufenden Band abgehalten zu werden. Auf den Pfaden aus Beton, die sich auf dem ganzen Hof kreuzen, herrscht ein ständiges Hin und Her. Umgeben ist die Kirche von vielen jungen Paaren, die sich gerade trauen ließen und nun ihre Fotositzungen abhalten. Die Besucher haben kaum Platz zum Besichtigen: In der Kirche findet gerade eine religiöse Zeremonie statt und vor dem Eingang posiert schon eine anderes Brautpaar mit den Gästen.

Über die Geschichte des Gebäudes kann man viel Interessantes von den Fremdenführern erfahren, die mehrere Sprachen sprechen. Zur Errichtung dieses riesigen Komplexes wurden im Hof zwei große Löcher gegraben, wo Kalk, Eier, Milch und Tierleichen verarbeitet wurden. Diese Mischung wurde damals anstatt Zement genutzt. Das Hauptgebäude war der Palast des Metropoliten mit seinen wunderbaren Sälen im ersten Stock und den Verwaltungsbüros im Erdgeschoss.

In der Mitte des Hofes gibt es eine große Fläche, die mit Kies bedeckt ist. Diese darf nur einmal pro Jahr betreten werden, am Anfang des akademischen Jahres. Die Fremdenführerin erklärt, dass der Kies eine besondere Rolle für die Feuchtigkeit des Gebäudes spielt, trotzdem verirren sich immer wieder Touristen in die verbotene Zone.
Anfangs waren mal die deutschen, mal die jüdischen Studenten an der Uni  in der Mehrheit, die Verhältnisse haben sich jedoch ständig verändert. Unterrichtssprache war ursprünglich Deutsch, für ukrainische und rumänische Literatur gab es spezielle Abteilungen. Ab 1918 bis 1940 funktionierte die Institution unter dem Namen „Universitatea Regele Carol“ und Rumänisch wurde zur Unterrichtssprache, da die Bukowina Teil des rumänischen Konigreiches wurde. Ab 1940, als die Bukowina von der Sowjetunion besetzt wurde, funktionierte die Kirche nicht mehr und der Metropolit wurde gezwungen, das Buchenland zu verlassen. Das Hauptgebäude wurde zum Ethnografiemuseum und in der Kirche wurde Getreide gelagert. Während des Kommunismus wurden die Jura- und Theologie-Fakultät geschlossen, hingegen wurden andere eröffnet.

Im Jahre 1989 wurde die Universität Jurij Fedkowytsch getauft. Den Schriftsteller (1834-1888) beschreibt die Fremdenführerin als einen „wahren Bukowiner“, denn er konnte alle Sprachen der Gegend, schrieb auf Ukrainisch und Deutsch, sein Vater war Pole, seine Mutter Ukrainerin, er hat in Jassy/Iaşi studiert und war Offizier der österreichisch-ungarischen Armee. So erklärte sich der wahre Geist der Bukowina damals. Eine Gegend, die heute in die Monotonie einer einzigen Kultur getaucht ist.

Kommentare zu diesem Artikel

Wolfgang, 12.01 2014, 11:38
Zur "Monotonie": Immerhin leben da noch 318 Deutsche, 3800 Rumänen, 1400 Moldauer und 1300 Juden...

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