„Menschen werden systematisch ausgegrenzt“

Gespräch mit Hendrik Lackus, Berater für rumänische und bulgarische Roma in Berlin

Mittwoch, 20. Juli 2016

Ihm hat man bei Protestaktionen gegen Mall of Berlin letztes Jahr in Deutschland begegnen können oder vor dem Arbeitsgericht in der deutschen Hauptstadt, als er unwissende rumänische Arbeiter begleitete, die ausgebeutet wurden (ADZ 10. Juli 2015 – „Chronik eines Konflikts“). Den in den deutschen Medien intensiv behandelten Eklat kann Hendrik Lackus (27) Schritt für Schritt erklären und ähnliche Beispiele nennen, bei denen Migranten in Zielländern in Schwierigkeiten geraten sind. Bei der Lösung von heiklen Fällen in Berlin hat er eine Doppelfunktion – Berater und Dolmetscher. Über die Herausforderungen einer solchen Arbeit führte ADZ-Redakteurin Aida Ivan ein Gespräch mit ihm.

Herr Lackus, was sind Sie von Beruf und wo arbeiten Sie?

Ich arbeite in Berlin bei dem Verein Amaro Foro e.V., eigentlich eine Jugendorganisation von Roma und Nicht-Roma. Dort angesiedelt ist auch eine Anlaufstelle, in der wir in Rumänisch, Bulgarisch und Romanes zu Themen wie Gesundheit und Krankenversicherung, Obdachlosigkeit und Wohnen, Arbeit, Schule, Schulden, Arbeitslosengeld und Sozialhilfe beraten. Für den Verein mache ich auch aufsuchende Arbeit, d. h. ich gehe zu Abrisshäusern oder anderen Orten, von denen wir wissen, dass sich dort Obdachlose aus Rumänien oder Bulgarien aufhalten, und lade die Leute in die Beratung ein. Wenn es sein muss, begleite ich sie auch zum Arzt. Ich bin wohl eine Art Sozialarbeiter.

Wie haben Sie diesen Beruf ausgewählt? Welche ist Ihre Beziehung zu Rumänien?

Ich habe 2007 Zivildienst in Rumänien absolviert, später in Bukarest studiert und so die Sprache gelernt. Als ich nach Berlin gezogen bin, habe ich zuerst ehrenamtlich bei verschiedenen Gelegenheiten gedolmetscht. Daraus wurde dann mit der Zeit auch meine Lohnarbeit.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?

Es gibt Tage, an denen sitze ich den ganzen Tag im Büro und es kommen Leute mit verschiedenen Anliegen zu mir. Dann geht es meist darum, Briefe zu übersetzen, sie zu beantworten, Anträge zu stellen, Adressen herauszusuchen, Telefonate zu führen oder Termine zu vereinbaren. An anderen Tagen fahre ich mit dem Fahrrad durch die Stadt von einem Termin zum nächsten, von der Schule zum Anwalt und dann zum Jobcenter, Sozialamt oder Gericht.

Welche sind die Herausforderungen bei Ihrer Arbeit?

Menschen werden systematisch ausgegrenzt. Wer keine Arbeit hat, findet keine Wohnung und kann deshalb nicht arbeiten. Diesen Kreislauf versuchen wir zu durchbrechen. Das wird erschwert durch bürokratische Hürden, die Menschen ihrer grundlegendsten Rechte berauben. Auch die Willkür von Sachbearbeitern, die Entscheidungen nach Laune oder nach der Überlegung, wer ihrer Meinung nach ein Recht hat, sich in Deutschland aufzuhalten, oder rassistische Ausfälle bzw. eine unterschwellig herablassende Art erlebe ich ständig. Außerdem gibt es ein System, das zwar erlaubt, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus Osteuropa als Billiglohnkräfte auszubeuten, aber nur widerwillig auch Leistungen gewährt, die anderen selbstverständlich zustehen. Das wird dann gerne als Großzügigkeit gewertet. In vielen Fällen müssen die Rechte über langwierige Gerichtsverfahren eingeklagt werden. Solange bleiben die Betroffenen im Zweifelsfall obdachlos.

Wie sieht die Situation in Berlin aus? Woran liegt es, dass so viele Leute obdachlos werden?

Günstiger Wohnraum, in den Obdachlose ziehen könnten, wird immer knapper. Der soziale Wohnungsbau wurde seit 1990 immer weiter zurückgefahren und schließlich Anfang der 2000er Jahre ganz eingestellt. Viele alte Häuser, in denen man günstig wohnen konnte, wurden stattdessen saniert und anschließend wurden die Mieten erhöht. Auch werden viele Wohnungen nach der Sanierung nur noch zum Kauf angeboten, oder als Ferienwohnungen für Touristen benutzt. Die neugebauten Wohnungen können sich fast ausschließlich reiche Menschen leisten. Gleichzeitig wächst die Stadt, was den Druck auf den Immobilienmarkt weiter erhöht. Es ist für alle sehr schwer, eine günstige Wohnung zu finden. Das gilt für Menschen, die von rassistischen Vorurteilen betroffen sind, umso mehr.

Wie wird ihnen geholfen? Könnte die Situation irgendwie verbessert werden?

Über das Sozialamt können Obdachlose vorübergehend in Wohnheimen oder Ferienwohnungen untergebracht werden. Langfristig sollte es aber mehr bezahlbare Wohnungen geben. Dazu müssen die erst mal gebaut werden, aber auch jetzt stehen noch viele Häuser leer und dienen als Spekulationsobjekte. Das ist nicht in Ordnung. Leerstand sollte sanktioniert und die Häuser beschlagnahmt werden. Wohnen ist ein Menschenrecht. Auf die Bedürfnisse der Menschen kommt es an, nicht auf die Profite einzelner.

Sie sind seit Kurzem auch Mitglied bei der FAU. Womit beschäftigen Sie sich im Rahmen der Gewerkschaft?

Ich bin der Gewerkschaft FAU beigetreten, nachdem sich dort im November 2014 mehrere Bauarbeiter aus Rumänien organisierten. Sie hatten an der Mall of Berlin am Potsdamer Platz gearbeitet, sind um ihren Lohn geprellt worden und deshalb in Streik getreten. Ich habe an Protesten gegen die Baufirmen der Mall teilgenommen und die Gerichtsprozesse begleitet. Ich finde den Protest sehr wichtig, weil in allen Medien von der „Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme“ die Rede ist, dabei aber ignoriert wird, dass die meisten gar keine Leistungen beziehen und stattdessen für Hungerlöhne auf dem Bau oder in der Pflege schuften.

Können Sie mehr über den Fall Mall of Berlin erzählen? Was war das Endresultat?

Nachdem die Bauarbeiter mit den Lohnzahlungen immer wieder hingehalten wurden, sodass sie irgendwann ihre Miete nicht mehr bezahlen konnten, sind sie vor die Baustelle gezogen und haben dort wochenlang campiert und protestiert. Durch die FAU konnte der Protest zu einer Kampagne ausgeweitet werden und die unsägliche Kaufhalle ist als „Mall of Shame“ bekannt geworden. Leider konnten die Investoren und Bauherren auch durch den öffentlichen Druck nicht dazu bewegt werden, die ausstehenden Löhne rauszurücken. Es ging dabei um nicht mehr als 30.000 Euro, der Bau der Mall hat knapp eine Milliarde gekostet. Deshalb wurden von der FAU Gerichtsprozesse angestrengt, die bis heute laufen. Einerseits fahren die Firmen eine Verzögerungsstrategie, andererseits ist nicht so leicht zu beweisen, dass die Bauarbeiter wirklich für die beklagten Firmen gearbeitet haben, weil es keine schriftlichen Arbeitsverträge gibt und die Gegenseite alles dreist abstreitet. Trotzdem sind erste Prozesse gewonnen, aber das Geld muss mühsam durch einen Gerichtsvollzieher eingetrieben werden. Bisher ist noch kein Geld geflossen und die Firmen erweisen sich entweder als bankrott oder als Briefkastenfirmen. In diesem Fall wird hoffentlich der Investor für seine Subunternehmen bürgen müssen.

Wissen Sie auch von anderen solchen Fällen?

Dass Arbeiterinnen und Arbeiter ohne Vertrag für Hungerlöhne arbeiten oder gar nicht bezahlt werden, ist gang und gäbe. Viele Baustellen würden gar nicht funktionieren ohne dieses bereitstehende Heer an Billiglohnkräften. Die Leute sind derart abhängig von diesen Arbeitsgelegenheiten, dass sie das Risiko immer wieder eingehen. Selbst wenn es einen Arbeitsvertrag gibt, wird der oft unterlaufen im Vertrauen darauf, dass Menschen aus Osteuropa ihre Rechte nicht kennen oder nicht einfordern können.

Vielen Dank für die Ausführungen!

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Amaro Foro in Berlin bietet eine eigenständige Beratungsstelle schwerpunktmäßig für rumänische und bulgarische Roma mit Sprachmittlung, aufsuchender Arbeit und Sozialberatung. Zudem sensibilisiert die Anlaufstelle die Mehrheitsgesellschaft für die soziale Lage der Migranten und interveniert gegen Antiziganismus. Weitere Informationen unter: amaroforo.de/beratungsangebote
Die Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union (FAU) ist eine Gewerkschaftsföderation, die vor ungefähr 39 Jahren gegründet wurde und aus lokalen Einzel- und Branchengewerkschaften besteht. Die FAU ist die deutsche Sektion der Internationalen ArbeiterInnen-Assoziation (IAA). Als Gewerkschaft ist es das primäre Ziel der FAU Berlin, die Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen, aber auch die kulturellen und sozialen Interessen ihrer Mitglieder zu wahren und zu fördern (berlin.fau.org).



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