Menschenkette um eine Festung

Verein „Die Festung den Aradern“ will deren Entmilitarisierung

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Von der Straße aus kann man von der praktisch mitten in Arad liegenden vaubanschen Festung der Stadt kaum etwas sehen. Mit Teleobjektiv können die verfallende zweitürmige römisch-katholische Kirche auf dem Festungsplatz sowie die Dächer der Mannschaftsunterkünfte, die, wie im 18. Jahrhundert, immer noch mit Holz beheizt werden, festgehalten werden. Foto: Zoltán Pázmány

Vergangene Woche organisierte der Arader Verein „Cetatea pentru Arădeni“ ( = „Die Festung den Aradern“) erstmals eine Menschenkette am linken Flussufer, zwischen zwei der wichtigsten Arader Maroschbrücken, womit auf die heute immer noch vom rumänischen Militär besetzte vaubansche Festung im Maroschknie aufmerksam gemacht werden sollte. Die Bürgerinitiative hat sich zum Ziel gesetzt, teilweise bereits zwei Jahrzehnte zurückliegende Vorstöße zur Entmilitarisierung der Festung und zu deren Eingliederung in einen touristisch-bürgerlichen Nutzungskreislauf umzusetzen.

Die Arader Festung ist eine der ganz wenigen intakten Festungen nach Bauart des französischen Ingenieurs und Festungsbaumeisters Sébastien Le Prestre, Seigneur (auch: Marquis) de Vauban (1633-1707), die auf dem Gebiet des heutigen Rumänien vollständig erhalten geblieben sind (in Großwardein/Oradea und in Temeswar stehen noch Fragmente – Mauern und einzelne Basteien - solcher vaubanscher Festungen, die von den Habsburgern im 18. Jahrhundert erbaut wurden). Der Marquis de Vauban war Marschall von Frankreich und vom Sonnenkönig Ludwig dem XIV. mit dem seltenen Titel „Ingénieur du Roi“, Ingenieur des Königs, bedacht.

In der Festung Arad ist eine Einheit des rumänischen Militärs einquartiert, wodurch sie in hohem Maß unter das Kapitel „Militärgeheimnis“ gestellt ist und nur mit Sondergenehmigungen besucht werden darf, vom Fotografieren gar nicht zu reden. Teile des Festungsinventars sind ruiniert – etwa die Kirche, die auf dem Exerzierplatz der Festung steht und die zu den ältesten römisch-katholischen Kirchen des Banats gehört – und auch die sternförmigen Verteidigungsanlagen der Festung sind dringend reparaturbedürftig, zumal die Planer und Bauausführer der Festung im 18. Jahrhundert nicht viel von Nässeschutz verstanden haben, aber auch über keine feuchtigkeitswiderstandsfähigen Baumaterialien verfügten, sodass das Marosch- und Grundwasser der Festung strecken-weise arg zugesetzt hat.

Bereits in den 1980er Jahren gab es erste Überlegungen, das Militär aus der Festung umzusiedeln und sie einer zivilen Nutzung zuzuführen. Konkrete Pläne dazu hat als erste in den 1990er Jahren die Architektin Lucia Chi{bora ausgearbeitet, seinerzeit in ihrer Eigenschaft als Leiterin des Wirtschaftsentwicklungsbüros ADAR des Kreisrats Arad und mit Unterstützung der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen. Ziel war damals wie heute, aus der Festung einen touristisch-künstlerischen Anziehungspunkt für Einheimische und Besucher zu machen, zumal sie faktisch durch die mäanderartig fließende Marosch zwar von der Stadt an drei Seiten getrennt, aber trotzdem im Herzen von Arad liegt.

Heute ist einer der engagiertesten Verfechter der zivilen Nutzung der Arader Vizebürgermeister Levente Bognar, der dazu Verbindungen zu Fachleuten aus ganz Europa geknüpft hat und dauernd dem Verteidigungsministerium, dem Innenministerium, dem Ministerium für Regionalentwicklung und der Regierung Pläne und Vorschläge vorlegt, die er u. a. auch gemeinsam mit dem Verein „Cetatea pentru Ar²deni“ und dessen Leiter Livius Ioja ausarbeitet. Obwohl alle implizierten Seiten mit den Plänen und Vorschlägen in groben Zügen einverstanden sind – es gibt ganz einfach keine vernünftigen Gegenargumente zu einer bürgerlichen Nutzung dieses (heute noch) wieder instandsetzbaren Prachtstücks aus dem 18. Jahrhundert und selbst dem Militär käme ein Wechsel der Unterkunft in etwas Zeitgemäßeres gelegen – tut sich seit Jahrzehnten nichts Konkretes in dieser Richtung. Unter den Offizieren und im Verteidigungsministerium finden sich trotzdem immer wieder welche, die die Nase rümpfen und jedes Vorwärtskommen untergraben.

Marschall de Vauban, der „Ingenieur des Königs“, dessen Frankreich 2013 mit dem „Vauban-Jahr“ gedachte, hat insgesamt über 300 Festungen entworfen oder Pläne zu deren Umbau ausgearbeitet und auch Bauarbeiten persönlich oder über seine Schüler angeleitet (u. a. Dünkirchen, Saint Malô, Freiburg im Breisgau oder Breisach am Rhein) und 160 Festungen gebaut, von denen zwölf 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurden (elf in Frankreich und Breisach im heutigen Deutschland).

Frankreich ließ ihm im Rahmen einer Serie „Les grands hommes de la France“ („Die großen Männer/Menschen Frankreichs“) Denkmäler errichten (das erste 1785) und sein „Traité de l´attaque et de la défense des places“ („Die Abhandlung über den Angriff und die Verteidigung von Plätzen“) hat ab seiner Erstveröffentlichung im holländischen Den Haag, 1737, Dutzende Nachauflagen, Übersetzungen und Neuveröffentlichungen erlebt, die mehr als ein Jahrhundert lang die Militärtheoretiker beschäftigten.

Arad will mit dieser bürgerlichen Initiative zur Entmilitarisierung seiner Festung auch in Rumänien ein Zeichen der Hommage an den Festungsbaumeister und, durch die Generalüberholung der einzigen intakten vaubanschen Festung östlich der Theiß, ein Kulturzeichen setzen. Es sei daran erinnert, dass Arad – neben Temeswar, Klausenburg, Jassy, Craiova und anderen mittelgroßen rumänischen Städten – um den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2021 konkurriert.

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