Menschenrechte sehen: „One World Romania“

ADZ-Gespräch mit dem Regisseur Alexandru Solomon, Leiter des Dokumentarfilmfestivals

Mittwoch, 21. März 2018

Vom 16. bis zum 25. März findet in Bukarest die 11. Auflage des internationalen Festivals „One World Romania“ (OWR) statt, das über 90 Dokumentarfilme in acht Räumlichkeiten und Treffen mit über 70 Filmschaffenden aus aller Welt bietet. Anfangs ein Ableger des tschechischen „One World“-Festivals, das der ehemalige Präsident Václav Havel ins Leben gerufen hatte, ist OWR bald ein selbständiges Festival geworden, dessen Ziel eine wachsende Beteiligung der Zivilgesellschaft an der Gestaltung der Zukunft ist. Dementsprechend folgt jedem Film eine Debatte mit Filmemachern, Vertretern von Nichtregierungsorganisationen oder den Darstellern der Dokus, wo sich das Publikum mit den aktuellen Problemen dieser Welt auseinandersetzen kann und auf die Menschenrechtsverletzungen hingewiesen wird. Regisseur Alexandru Solomon, der Leiter des Festivals, gewährte der ADZ-Redakteurin Laura Căpățână Juller folgendes Interview.

Das Hauptthema dieser Edition ist die „aktuelle Vergangenheit“, die Vergangenheit, welche die Gegenwart beeinflusst und bestimmt. Warum?

Wir sind von den endlosen Festlichkeiten zur Jahrhundertfeier ausgegangen, die in Rumänien stattfinden, und wir glauben, dass die Vergangenheit nicht nur soviel bedeutet. Uns interessieren vergangene Ereignisse, welche die Gegenwart prägen und beeinflussen, sowohl bei uns wie auch in anderen Ländern. Wir haben das Jahr 1968 gewählt und uns auf den französischen Studentenaufstand und auf dessen starke soziale Dimension sowie auf die Studentenbewegung aus der Tschechoslowakei konzentriert. In dieser Hinsicht führen wir auch das Programm „Weekend Studențesc”/ Studentenwochenende durch, zu dem wir Studenten aus dem ganzen Land erwarten – wir bieten kostenlose Unterkunft und ein preisgünstiges Festival-Abonnement. Außer der Sektion „Die Kultur des Protestes“ widmen wir auch den Filmarchiven und den audio-visuellen Funden, die uns am Herzen liegen (Anmerkung der Redaktion: im Alexandru-Sahia-Studio), unsere Aufmerksamkeit, aber auch der Darstellung der Vergangenheit im Dokumentarfilm: So ist unser Fokus auf die Tagebuchfilme von Jonas Mekas (Anm. d. Red: von vielen auch als „Pate des amerikanischen Avantgardekinos” gesehen) gerichtet. Das Thema der aktuellen Vergangenheit ist auch in anderen Sektionen wiederzufinden.

Das Poster des Festivals ist eine Nachbildung von C.D. Rosenthals Bild von 1849, „România rupându-și cătușele pe Câmpia Libertății“ „Rumänien zerbricht seine Fesseln“. Wie seid ihr darauf gekommen?

Wir haben versucht, die idyllisch dargestellte Vergangenheit in die Realität des 21. Jahrhunderts umzusetzen und das aktuelle Rumänien ungeschminkt zu zeigen. Wir leben in einem Land, das immer noch im Elend angekettet ist, einem Rumänien der Gegensätze, wo mehrere widersprüchliche Welten nebeneinander bestehen, und es ist mehr denn je nötig, dass diese Welten miteinander kommunizieren, sich kennenlernen, in Dialog treten. Wir zeigen das, was die Menschen oft ignorieren oder nicht wahrhaben möchten.

LGBT findet auch einen wichtigen Platz im Programm. Gerade kürzlich wurden in Bukarest Filmausstrahlungen zu diesem Thema durch Proteste unterbrochen…

Wir haben auch zeitgenössische Themen ins Programm aufgenommen, wie die Rechte von Minderheiten wie Flüchtlinge, LGBTQ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Queer). Diese Themen sind noch dringender geworden in Rumänien, wo die Haltung der „Koalition für die Familie“ immer bedrückender wird und sich eine Art rückständiger und verklemmter Puritanismus ausbreitet. Das ist eigentlich ein Barometer der Gesellschaft im Allgemeinen und wir fanden es notwendig, das zu unterstreichen.

Wie kommen Autorenfilme über Menschenrechte bei solchen Menschen an?

Es ist sehr schwer, an Menschen zu gelangen, die in dieser Hinsicht organisiert sind und gelenkt werden, weil sie eine ganz genaue Agenda haben. Sie wollen weder derartige Filme sehen, noch andersdenkende Menschen treffen. Wir erreichen aber ein anderes Publikum, das vielleicht unentschlossen oder nicht informiert ist oder diese Realitäten und solche Menschen nicht kennt, und dort können wir etwas ändern.

Von Jahr zu Jahr sind die Kinosäle voller, manchmal sind die Karten ausverkauft. Welche Änderungen siehst du seit den Anfängen dieses Festivals?

Das ist schwer einzuschätzen. Doch kommen erheblich mehr Zuschauer und sie sind viel besser für die Frage-Antwort-Sessionen, die den Filmen folgen, vorbereitet. Ich erinnere mich, dass die Diskussionen in den ersten Jahren nicht nur rigid waren, aber die Menschen hatten niemals derartige Filme gesehen. Jetzt sind sie geschult auch was öffentliches Reden anbelangt und auch, wie sie die Welt betrachten, und das ist sehr wichtig.

Es ist auch erfreulich, dass zahlreiche NGOs aus ganz unterschiedlichen Bereichen den Dokumentarfilm heute anders schätzen als vor einigen Jahren, dass sie ihn als sehr interessantes Gebiet betrachten, das ihnen vieles geben kann. Unser Ziel ist es, dass auch die NGOs dem Dokumentarfilm etwas geben, und zwar im Rahmen des Programms „Civil Society Pitch“, wo NGOs Filmemachern Themen für Dokus vorschlagen.

Ist das Interesse der Menschen am Dokumentarfilm nur in Bukarest gestiegen oder auch im Land?

Ich glaube, es ist landesweit – das sehen wir durch unser Programm für alternativen Vertrieb „KineDok“, das in 15 Städten stattfindet. In manchen davon haben sich kleine Gemeinschaften gebildet, die Dokumentarfilm über Menschenrechte zeigen wollen, darüber reden, was in der „realen“ Welt geschieht, und die sie bewegen. Da ist zum Beispiel in Arad, Kronstadt/Brașov, Galați, Temeswar/Timișoara, Jassy/ Iași, Karlsburg/Alba Iulia, Bârlad, Sathmar/Satu Mare, Odorhellen/Odorheiu Secuiesc der Fall. Die Tätigkeit von „Astra“ in Hermannstadt (Anm. d. Red. Astra Film Festival) hat auch sehr dazu beigetragen.

Ich finde, es besteht eine große Nachfrage nach derartigen Kulturprodukten.
Sicherlich gibt es auch das Internet, aber man findet nicht immer, was man sucht, es gibt keine Struktur, es ist wie ein großer Heuhaufen, in dem man suchen soll. OWR bietet sowohl die Filme, wie auch die Auswahl dieser und die Diskussionen mit Experten.

Auch die Anzahl der rumänischen Produktionen ist gestiegen. Es sieht aus, als ob der Dokumentarfilm immer beliebter ist.

Es ist ein Trend. Auch im Spielfilmbereich beginnt man, den Dokumentarfilm mit anderen Augen zu sehen, Beweis dafür ist, dass Corneliu Porumboiu schon seine zweite Dokumentation beendet hat, Radu Jude (Anm. d. Red. u.a. „Aferim“) seine erste, die wir bei OWR ausstrahlen. Das Interesse der Spielfilmregisseure am Dokumentarfilm deutet auf eine Änderung der Klassifizierungen hin, zumal Spielfilm und Doku verschiedene Klassen waren: Es war die obere Klasse des Spielfilms und dann, irgendwo weiter hinten, die Doku.

Im Festival haben wir auch Filme, die nicht von Filmemachern geschaffen sind, sondern eher von Autoren, die bürgerlich und sozial aktiv sind oder aus dem Journalismus kommen. Es sind Initiativen, die vom Journalismus ausgehen und sehr gute Ergebnisse aufweisen, wie DoR (Decât o Revistă), Casa Jurnalistului, Recorder oder Scena 9. Ich glaube, es ist eine Online-Nische entstanden, die tätig ist.

Wie ist der Vertrieb des Dokumentarfilms in Rumänien?

Außer auf Filmfestivals sind Dokus bei HBO zu sehen und sehr selten im Rumänischen Fernsehen TVR, obwohl er hin gehört. Glücklicherweise gibt es Online-Plattformen, wie Cinepub, wo rumänische Filme, inklusive Dokus, kostenlos ausgestrahlt werden und die ganz gute Arbeit leisten. Die zeigen aber nur ältere Filme.
Uns bewegt der Vertrieb schon lange – wie man dem breiten Publikum diesen Inhalt zugänglich macht, wie die Filme zu jenen gelangen, die nicht nach Bukarest zum Festival kommen können. Deswegen werden wir in der ersten Woche nach dem Festival eine Reihe von Filmen, die bei OWR ausgestrahlt wurden, auf Cinepub zur Verfügung stellen.

Wie kommt so ein großes Festival zustande?

Die Vorbereitungen beginnen schon im Herbst, wenn wir grobe Richtlinien festsetzen, die Ausschreibungen für Filme beginnen, aber selber auch Dokus suchen und anfragen. Wir beginnen als kleines Team, es gibt auch ein Vorauswahlteam, das sich über 700 Filme anschaut und dann wächst das Team bis März bis zu 40 Mitgliedern und 50 Volontären.

Die Tätigkeit des OWR-Vereins richtet sich auch an Jugendliche. Es gibt eine OWR-Jury im Rahmen des Festivals, die aus Lyzeumsschülern gebildet ist, es gibt das Programm „OWR la școală” (OWR in der Schule) mit Ausstrahlungen für Schüler. Warum?!

Wir arbeiten sehr viel mit Lehrern, die etwas anderes unterrichten wollen, als in den Lehrbüchern steht. „OWR la școală“ ist stark gewachsen, wir haben im Laufe der Jahre zahlreiche Werkstätten für Lehrer gehalten und Broschüren über die Filme und die behandelten Themen herausgegeben, als Stütze für die Diskussion in der Klasse. Mittlerweile gibt es schon 25 Dokumentarfilm-Klubs im ganzen Land, die Schüler haben ihr eigenes nationales Festival dieser Klubs gegründet, AdDOC.

Viel Erfolg und danke für das Gespräch!

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