MIDAS-Zeitungen zu Gast bei den Polen in Tschechien

Preise für Journalisten aus Deutschland und Rumänien

Donnerstag, 07. Juni 2018

Die beiden Preisträger Petra Sorge und Pap István mit dem Chefredakteur der Großwardeiner Zeitung „Bihari Napló“, Rais W. István (1. v. l.), und Ulrich von Habsburg
Foto: Hatto Schmidt

Die Vertreter der Mitgliedszeitungen der Europäischen Vereinigung von Tageszeitungen in Minderheiten- und Regionalsprachen (MIDAS) trafen sich diesmal zur Jahresversammlung Ende Mai in Ostrava/Mährisch-Ostrau und waren hier Gäste der polnischen Minderheit in Tschechien.

Tageszeitungen der ethnischen Minderheiten in Europa haben in MIDAS einen wichtigen Förderer, der sich u. a. um den Informationsaustausch zwischen den Mitgliedspublikationen, um die Unterstützung der durch politische oder finanzielle Ursachen gefährdeten Zeitungen sowie die Weiterbildung von Jungjournalisten bemüht. Ihre Arbeit kann MIDAS vor allem durch die Unterstützung der Region Trentino-Südtirol und der Europäischen Akademie in Bozen (EURAC) entfalten, betonte Bojan Brezigar von der slowenischen Zeitung „Primorski Dnevnik“ aus Italien, der die Gäste im Namen des MIDAS-Vorstands anstelle der leider aus zwingenden Gründen abwesenden Präsidentin Edita Slezáková willkommen hieß. Das Treffen in Ostrau wurde durch den Kongress der Polen in Tschechien, ihre Interessenvertretung, mithilfe von Fördermitteln des Senats Polens und der Stiftung zur Unterstützung der Polen im Osten ausgerichtet.

27 Mitglieder aus 12 Ländern bilden zurzeit die Vereinigung MIDAS, hieß es im Jahresbericht des scheidenden Generalsekretärs, Günther Rautz, dessen Stelle nun von Marc Röggla eingenommen wird, der sich schon seit Jahren in diese Aufgabe gut eingearbeitet hat. Gleich zwei Studienreisen wurden für junge Journalisten der Mitgliedszeitungen im Vorjahr organisiert, die nach Vilnius und nach Straßburg zum Europaparlament führten, ebenso wurden Fortbildungen veranstaltet. Den Kontakten von MIDAS und den Mitgliedszeitungen zum Europaparlament kommen gerade im Zusammenhang mit den Europawahlen im nächsten Jahr 2019 eine besondere Rolle zu. Eine bewährte Zusammenarbeit gibt es mit der Andrassy University Budapest und mit der ungarischen Zeitung „Magyar Szó“ in Novi Sad/Serbien, mit der mehrere Projekte bereits durchgeführt wurden und weitere im Hinblick auf das Jahr 2021 geplant sind, wenn die Stadt gemeinsam mit Temeswar/Timișoara Kulturhauptstadt Europas sein wird.

Ebenso wird die Zusammenarbeit mit der Föderalistischen Union Europäischer Nationalitäten (FUEN), mit besonderer Aufmerksamkeit für das Minority SafePack, fortgesetzt – eine Europäische Bürgerinitiative, die sich zum Ziel setzt, Maßnahmen und konkrete Rechtsakten zur Förderung und zum Schutz der europäischen Minderheiten sowie der Regional- und Minderheitensprachen auf europäischer Ebene durchzusetzen.

Außerdem hat die Vereinigung ihre Satzungen insoweit geändert, dass MIDAS jetzt auch Onlinezeitungen aufnehmen kann. Damit wurde der gegenwärtigen Entwicklung im Medienbereich Rechnung getragen.

Der Höhepunkt der Jahresversammlung war auch diesmal die feierliche Verleihung der beiden von MIDAS vergebenen Preise. Mit dem Otto-von-Habsburg-Preis wurde die freie Journalistin Petra Sorge aus Deutschland ausgezeichnet, überreicht wurde ihr dieser von Ulrich von Habsburg. Der Preis galt einer in der „Berliner Zeitung“ veröffentlichten Reportage über eine muslimische Romafamilie aus dem Kosovo, die nach 19 Jahren Aufenthalt in Deutschland in das Herkunftsgebiet abgeschoben wurde. Im Mittelpunkt steht die damals 9 Jahre alte Nadire, die in Deutschland die Schule besucht hatte und gerne Lehrerin geworden wäre. Da sie weder Albanisch noch Serbisch konnte, war ihr im Kosovo jeder weitere Schulbesuch verwehrt. Inzwischen lebt sie mit ihrer Familie in Serbien und besucht eine Erwachsenenschule.

Der MIDAS-Preis ging an Pap István von der Tageszeitung „Bihari Napló“ aus Großwardein/Oradea. Der junge Journalist beobachtet mit kritischem Blick das innenpolitische Geschehen in Rumänien und mit beharrlichem Interesse die Belange, die die ungarische Minderheit betreffen. Eine besondere Rolle spielt dabei die Problematik der Schulen mit ungarischer Unterrichtssprache. Wichtig sind ihm auch die Entwicklungen um das Minority SafePack.

Die polnische Minderheit in Tschechien ist durch die Grenzziehungen nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie am Ende des Ersten Weltkrieges entstanden, als ein Teil von Südschlesien von Polen abgetrennt und der Tschechoslowakei zugesprochen wurde. In die Geschichte und Gegenwart dieser Minderheit führte Józef Szymeczek, stellvertretender Vorsitzender des Kongresses der Polen in der Tschechischen Republik, ein. War das Grenzgebiet zwischen den beiden Ländern in Nordmähren und im Teschner Schlesien/Cieszyn Silesia, das die Polen auch Zaolzie nennen, sowohl von Polen als auch von Tschechen bewohnt, so spielte vor allem in den Städten auch der deutsche und der jüdische Bevölkerungsanteil eine große Rolle. Bildeten in zahlreichen Ortschaften bis nach dem Zweiten Weltkrieg die Polen noch die Mehrheit, setzte durch Deportation, rasche Industrialisierung, Umsiedlung ein massiver Bevölkerungswandel ein, sodass heute höchstens in einzelnen Gemeinden die polnischen Einwohner noch in der Mehrheit sind.

Nach der Wende von 1989 konnten sie ihr vor 1945 lebendiges Vereinsleben wieder aufbauen und Strukturen für die Erhaltung ihrer ethnischen Identität schaffen. Im Kongress der Polen in der Tschechischen Republik, der Dachorganisation, in der mehrere Vereine zusammengefasst sind, haben sie eine verlässliche Interessengemeinschaft, die sich für ihre politische Vertretung und die Wahrung ihrer Rechte einsetzt. Verstärkte Aufmerksamkeit gilt dem polnischen Schulwesen – in Tschechien gibt es 25 polnische Schulen – und den Medien. Sogar eine polnische Berufsbühne gibt es in dem Land.

Die einzige Tageszeitung der Polen in Tschechien, „Glos“, die auch Mitglied in der MIDAS-Vereinigung ist, wurde von ihrem Chefredakteur Tomasz Wolff vorgestellt. Außerdem gibt es für die polnische Minderheit das anziehend gestaltete Monatsmagazin „Zwrot“, es gibt Radiosendungen und Fernsehsendungen in kleinen Häppchen: Letztere starteten mit einer Vier-Minuten-Sendung pro Woche, inzwischen sind es sieben Minuten und die Sendung wird wiederholt. Die kulturellen Anliegen der Minderheit und die Bemühungen um Entwicklung, Erneuerung und eine höhere Qualität der Leistungen werden sowohl von der tschechischen Regierung als auch seitens der polnischen Regierung über die Stiftung zur Unterstützung der Polen im Osten gefördert.

Seit 2007 sind Tschechien und Polen im Schengen-Raum. Dass die Grenze zwischen den beiden Ländern nicht mehr sichtbar ist, wird einem am Beispiel Teschen/Cieszyn bewusst. Da verläuft die Grenze zwischen Polen und Tschechien mitten durch die Stadt, durch den Olsa-Fluss. Die Stadt ist inzwischen wieder zusammengewachsen. Die einst streng bewachte Grenze wird heute auf der Brücke durch einen schmalen Streifen im Bodenbelag diskret angedeutet. Mit einem Schritt hat man die Grenze überwunden und befindet sich im Nachbarland.

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