Milde lächelt die Madonna von Beiuş

Ausstellung Felix Terra: vom hl. Ladislaus, Sigismund, Maria Theresia und der katholischen Welt in Großwardein

Sonntag, 28. Januar 2018

Madonna von Beiuş

Der Stab des Bischofs von Großwardein

Prächtige Kirchengewänder aus der Zeit Maria Theresias

Museumsdirektor Ernest Oberländer-Târnoveanu vor dem Glanzstück der Ausstellung
Fotos: George Dumitriu

Licht fällt spärlich aus Punkten ringsum, Strahlen kreuzen sich im halbdunklen Raum. Wie ein Funken leuchtet das Getroffene auf, erhebt sich stolz aus der Dämmerung der Vergangenheit und beginnt lebhaft zu erzählen... In der Eingangshalle des Nationalen Geschichtsmuseums (MNIR) lauschen wir vielen Stimmen, die aus allen Ecken dringen. Sie berichten von Kaisern und Königen, von Heiligen und Bischöfen, von 900 Jahren katholischer Geschichte in Felix Terra, dem glücklichen Land im Westen des heutigen Rumänien.

In der Ausstellung „Felix Terra“, die noch bis zum 1. April bestaunt werden kann, entfalten sich unermessliche Schätze: Liturgische Goldschmiede-Arbeiten. Feinste Kirchenmäntel aus Seide, die Gewebe mit Pailletten, silbernen Plättchen, bunten Kordeln und Goldfäden bestickt, Maria Theresia (geb. 1717, Herrscherin von 1740-1780) hatte einen davon höchstpersönlich dem Bistum von Großwardein/Oradea gestiftet. Wie auch das Bildnis der „Madonna von Beiuş“, vermutlich von einem flandrischen Maler aus der ersten Hälfte des 16. Jh. Zusammen mit 31 weiteren Ölgemälden war es von der Kaiserin 1751 an die kleine katholische Gemeinde von Beiuş gesandt worden. Dort hatte man sie in einer versiegelten Schachtel auf dem Altar der Hl. Maria vergessen, bedeckt von einer dick verstaubten Glasplatte... Obwohl der bekannte Kunsthistoriker József Biró das wertvolle Renaissance-Gemälde 1935 in einem Artikel erwähnt hatte, vermutete niemand, dass es sich noch in der Kirche dieser kleinen Pfarrei befinden könne. „Es ist das vielleicht spektakulärste Stück der Ausstellung“, schwärmt Museumsdirektor Ernest Oberländer-Târnoveanu. „Und auch für mich eine große Überraschung!“, fügt er schmunzelnd an, denn ausgerechnet in jener Kirche war seine Schwester getauft worden.

Die Madonna, jung, zart und schön, scheu in sich gekehrt und dennoch seltsam lebendig, lächelt dazu nur feinsinnig – einmal vom Bild auf dem Sockel, einmal von einem überlebensgroßen, von hinten effektvoll beleuchteten Foto auf der Wand. Das Jesuskind in ihrem Arm scheint schelmisch zu schmunzeln. Unwillkürlich lächelt man zurück!

Ausstellungsreihe zu Minderheiten

Etwa 150 Exponate aus der Zeit des katholischen Bistums von Großwardein - „des drittältesten Bistums, das ununterbrochen auf dem Boden des heutigen Rumäniens existierte, seit dem 11. Jahrhundert“, betont Oberländer-Târnoveanu –wurden für die Ausstellung „Felix Terra“ zusammengetragen - ein Projekt der Superlative. An die Vernissage am 5. Dezember erinnert er sich gerne: „Der Kulturminister, Präsidialberater Sergiu Nistor und viele hohe Würdenträgern aus der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche waren vertreten.“

Er verrät, dass die Ausstellung als Teil eines Projektes zur Präsentation der Minderheiten in Rumänien zu verstehen sei. Vor allem zwischen 2018 und 2019, der Zeit des Gedenkens an die große Vereinigung, wolle man zeigen, dass das MNIR ein Museum aller Bürger ist. Noch in diesem Januar wird daher eine Ausstellung zu Synagogen und jüdischem Kulturerbe eröffnet, danach eine mit dem Titel „Vom Berg Ararat bis in die Karpaten – kulturelles Erbe der Armenier in Rumänien“. Für 2019 ist eine große Ausstellung über die deutsche Minderheit in Rumänien geplant, verrät der Museumsdirektor. Hierfür werde man auch mit der Evangelischen Kirche A.B. in Siebenbürgen und dem römisch-katholischen Bistum in Sathmar/Satu Mare zusammenarbeiten, letzteres beherbergte im 18.-19. Jh. einen großen Teil des Kulturerbes der deutschen Katholiken. Auch mit dem muslimischen Muftiat wird gerade ein Projekt angedacht.Natürlich dürften in Zukunft die Ukrainer, Lipowaner , Slowaken und anderen Minderheiten nicht fehlen, beeilt sich Oberländer anzufügen.

Die Krone von Kaiser Sigismund

Nicht alle Ausstellungsstücke von „Felix Terra“ gehören zum heutigen Schatz des Bistums. Einige Exponate wurden aus Museen und Bibliotheken in Ungarn ausgeliehen, wo sie gelandet waren, nachdem sie im 16.-17. Jahrhundert verschollen und in den Händen ungarischer Kunstsammler wieder aufgetaucht waren, oder bei Grabungen im 18. Jh. an der Stelle der alten Kathedrale in der Festung von Großwardein entdeckt wurden. Dort liegen mehrere Könige und Königinnen Ungarns begraben, zählt der Museumsdirektor auf, „die Gattin von Robert von Anjou (1278-1343), Sigismund von Luxemburg (1368-1437) und dessen Gattin Maria“.

Eine Krone, die in der Ausstellung gezeigt wird, könnte tatsächlich Sigismund gehört haben - möglicherweise aber auch Maria von Anjou oder Beatrix von Luxemburg. Gefunden wurde sie 1755 beim Graben eines Brunnens in der Festung. Bei dieser Gelegenheit wurde ein Königsgrab entdeckt, doch noch wusste man nicht, wem es gehörte. Darin fand man die sechs lilienförmigen Elemente der ausgestellten Krone, einen Reichsapfel und ein Insignium des Drachenordens. Die Kronenfragmente glichen jenen, die auch im Reliquienschrein des heiligen Simeon gefunden wurden, der von Elisabeth Kotromanic, der bosnischen Gemahlin von Ludwig I. dem Großen (1326-1382), dem König von Ungarn und Polen, in Auftrag gegeben worden war. Solche Kronen repräsentierten die Könige Ungarns seit dem 12. Jh., der Drachenorden hingegen war erst 1408 gegründet worden. So schloss man, dass es sich um das Grab von Kaiser Sigismund von Luxemburg handeln müsse, der 1437 in der Kathedrale von Großwardein bestattet wurde. Die Krone, ursprünglich ein Geschenk von König Ludwig für den Reliquienschrein des Heiligen Ladislaus, während seiner Pilgerfahrt 1352 nach Großwardein gespendet, soll nach der Anfertigung eines neuen Heiligenschreins in das Grab Sigismunds gelegt worden sein.

Die Knochen, die man allerdings dort gefunden hatte, gehören einer Frau... Es wird angenommen, dass sich die Inhalte der Gräber Sigismunds und einer der beiden oben genannten adeligen Damen im Laufe der Zeit vermischt hatten.

Wenn aus Königen Heilige werden

König Ladislaus I., später heilig gesprochen - wie übrigens auch seine Tochter Piroschka, die durch Heirat Kaiserin von Byzanz wurde und in der orthodoxen Kirche als Heilige Irene bekannt ist - spielt eine bedeutende Rolle in der Geschichte des Bistums von Großwardein. Ladislaus zeichnete sich allgemein als großer Förderer der katholischen Kirche aus. Sein Körper wurde 1113 auf eigenen Wunsch in Großwardein begraben. Der Kult des heiligen Ladislaus begann vor allem nach dessen Kanonisierung im Jahr 1192 und breitete sich, unterstützt von den Königen Ludwig von Anjou und Sigismund von Luxemburg, rasant aus. Großwardein wurde daraufhin während des gesamten Mittelalters zu einem bedeutenden Ziel für Pilger aus dem In- und Ausland.

Die Legende des heiligen Ladislaus ist bekannt aus der Chronik von Dubnica, einem weiteren Glanzstück der Ausstellung. Sie fasst bedeutende Ereignisse aus der ungarischen Geschichte bis 1479 aus früheren Chroniken zusammen. Ihr besonderer Wert besteht jedoch in den Textstellen, die es sonst nirgendwo gibt: die Ereignisse zwischen1345-1355, erzählt von König Ludwig dem Großen, zuvor unbekannte Details über den Blitzangriff des türkischen Pascha von Semendria, Alioglu Malcovici, im Winter 1474 auf die Festung von Großwardein. Der letzte Teil beschreibt die Herrschaft von Matthias Corvinus aus Sicht seiner Gegnerschaft. Es ist das erste Mal in der Geschichte Ungarns, dass ein an der Macht befindlicher Herrscher kritisiert wird. Man geht daher davon aus, dass der Text nicht am Königshof redigiert wurde.

Aus dem Museum zum heiligen Ladislaus in der heutigen Kathedrale von Großwardein stammt die Monstranz von Polentari(1751), ohne Zweifel die wertvollste liturgische Goldschmiedearbeit des römisch-katholischen Bistums, verrät der Museumsdirektor. Aus Silberblech gefertigt und anschließend vergoldet, findet man auf dem Strahlenkranz die vier Evangelisten und ihre symbolischen Attribute, Löwe, Adler, Stier und Engel, dargestellt; am oberen Ende ein dreieckiges Symbol der Dreifaltigkeit, am unteren das Opferlamm. Ferenc Polentari hießt der Stifter dieses außergewöhnlichen Schmuckstücks. Der Geistliche aus Bratislava kam 1727 nach Großwardein, wo er groß Karriere machte: Kardinal, Kustode und Lektor des Bistums. Er war vermutlich dem Ruf von Bischof Imre Csáky gefolgt, dessen Diözese damals unter akutem Pfarrermangel litt.

Gold, Glanz – und Kuriositäten

Vor den Vitrinen mit den liturgischen Gewändern zieht ein Einzelstück den Blick auf sich. In einem gläsernen Kasten ist ein über und über mit Gold bestickter Bischofsmantel ausgebreitet, eine Gabe von Maria Theresia an den Bischof von Großwardein.

Auch die Spenderin strahlt aus der Mitte der Galerie der Ölgemälde heraus, links und rechts Adlige und Würdenträger, so lebensnah, dass man meint, ihre Gesichter noch heute irgendwo in Wien oder Budapest auf der Straße antreffen zu können. Die Kaiserin gibt sich majestätisch und unnahbar: unverkennbar ihr Doppelkinn, die vollen, blassrosa Wangen, die wässrigen Augen mit den schweren Lidern; feiste Oberarme in Gold und Seide gehüllt, wie es Mode und Status verlangen. Maria Theresia steht als Synonym für den Katholizismus, den sie zeitlebens vehement verteidigt. Kritisiert wird ihre fortgesetzte Intoleranz gegenüber Nichtkatholiken. Unter ihr kam es zu Verfolgungen von Protestanten, aber auch zur Auflösung der größten jüdischen Gemeinschaft in Prag 1744. Ihre Verbundenheit mit der katholischen Kirche hinderte sie jedoch keineswegs daran, die Organisation kirchlicher Strukturen unter staatliche Aufsicht zu stellen.

Felix Terra, glückliches Land, vom Katholizismus beglückt. Nicht alles, was glänzt, ist Gold, doch dieses hier glänzt wahrhaftig, den vollen Glanz der Schätze des katholischen Bistums aus Großwardein lässt die Ausstellung freilich nur erahnen. Wer Zeit hat, wird aber auch charmante Kuriositäten entdecken: Die Stoffkappe, mit Heiligenbildern bedruckt, die den Träger vor Krankheiten schützen soll. Das Bild der Muttergottes mit Jesuskind, das wie eine Handpuppe aussieht - vielleicht sogar eine war, denn der Gebrauch solcher Puppen soll damals üblich gewesen sein. Das Ölgemälde des Kardinals, der wegen seiner Affinität zu den Türken hingerichtet wurde. Riesige Hostienzangen- und Stanzformen.

Schlagbretter (rum: toacă) - die gab es also auch bei den Katholiken? Ach ja,und in der Chronik von Dubnica soll einer der ältesten Flüche verewigt sein, so derb, dass Oberländer auf die Frage nach dem Wortlaut peinlich berührt abwinkt... Doch keine Sorge, die Madonna von Beiuş lächelt immer noch.

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