Minderheiten-Tageszeitungen bauen Europa der Vielfalt mit auf

ADZ-Redakteurin Aida Ivan erhielt MIDAS-Journalistenpreis

Mittwoch, 29. Juni 2016

ADZ-Redakteurin Aida Ivan nimmt von Bojan Brezigar den MIDAS-Preis entgegen.
Foto: MIDAS

Bei der diesjährigen Vollversammlung der Europäischen Vereinigung von Tageszeitungen in Minderheiten- und Regionalsprachen (MIDAS) wurde das 15-jährige Bestehen der Organisation begangen. Es lag nahe, die Jubiläumstagung wieder in Bozen, der Landeshauptstadt Südtirols (Italien), zu veranstalten, wo MIDAS gegründet wurde und wo sich bei der Europäischen Akademie Bozen (EURAC) der Hauptsitz des Generalsekretariats befindet. In den Räumen von EURAC fand auch die jetzige Generalversammlung statt. Die Vereinigung wird sowohl vom Land Südtirol als auch von der Region Trentino-Südtirol und von EURAC wesentlich unterstützt. Die Initiative zur Gründung von MIDAS kam von Toni Ebert, Chefredakteur der in Bozen erscheinenden Tageszeitung „Dolomiten“, der auch erster Präsident der Vereinigung war, bis er sein Amt 2013 an Edita Slezáková von der ungarischen Zeitung „Új Szó“ aus Bratislava abgab. Die treibende Kraft hinter den Aktivitäten der Vereinigung ist ihr Generalsekretär Günther Rautz, unterstützt von Marc Röggla vom MIDAS-Generalsekretariat.

Als Gastgeber begrüßte EURAC-Präsident Roland Psenner die Gäste. Er wies auf den Mehrwert, den die Vielfalt der Völker in einer Region darstellen, und auf die Notwendigkeit von Medien in der Muttersprache hin. Landeshauptmann Arno Kompatscher ging diesem Gedanken weiter nach und sprach von der Bedeutung der Tageszeitungen für die ethnischen Minderheiten. Sie tragen zur Sichtbarmachung der Existenz der Minderheit bei und bestärken ihre Angehörigen durch die tägliche Bindung an die eigene Sprache und Problematik in ihrer Identität. Man vergegenwärtige sich, dass 50 Millionen Menschen in Europa nicht in der offiziellen Sprache der betreffenden Nationalstaaten kommunizieren, ihnen müsse die Möglichkeit gegeben werden, in der eigenen Kultur und Sprache zu Hause zu sein. In Südtirol seien gute Regelungen für den Sprachschutz der Südtiroler, der Italiener und der Ladiner gefunden worden. Es sei ein ständiger Prozess, diesen Fortschritt zu bewahren und fortzusetzen. Tageszeitungen haben die Aufgabe, am Europa der Vielfalt mitaufzubauen.

Stellvertretend für die amtierende MIDAS-Präsidentin ging Bojan Brezigar, Gründungsmitglied und Mitglied im Vorstand, auf die Tätigkeit der Vereinigung in ihrem 15-jährigen Bestehen ein. Ihr gehören nun 28 Tageszeitungen aus ganz Europa an, von Finnland bis Italien und von Spanien bis Rumänien. Das 28. Mitglied wurde gelegentlich dieser Vollversammlung aufgenommen. Es handelt sich um die in Serbien, in der Vojvodina, erscheinende ungarische Tageszeitung „Magyar Szó“. MIDAS setzt sich bei den europäischen Institutionen erfolgreich für Minderheiten- und Sprachschutz ein, sie vertritt die Interessen der Tageszeitungen in den Sprachen der Minderheiten. Da das Zielpublikum begrenzt ist, müssen diese Medien von öffentlichen Geldern unterstützt werden. Über das Netzwerk läuft ein Austausch von Artikeln, von Erfahrung. Auch die ADZ beteiligt sich an diesem Austausch mit den deutschsprachigen Zeitungen oder mit jenen der Sorben und Dänen in Deutschland. Für Jungjournalisten organisiert MIDAS jährlich eine Studienreise in ein Minderheitengebiet in Europa. Die Vergabe von zwei Preisen – der Otto-von-Habsburg-Preis, der Beiträge in Medien der Bevölkerungsmehrheit auszeichnet, die sich mit Minderheiten beschäftigen, und der MIDAS-Preis für die Zeitungen der Vereinigung – fördert die journalistische Beschäftigung mit dem Minderheitenthema. Minderheiten-Tageszeitungen sind durch ihre Rolle bei der Bewahrung der kulturellen und sprachlichen Identität ein Teil der Gemeinschaft, sagte Brezigar. Um auch die jugendlichen Leser zu erreichen, ist es wichtig, auch als Tageszeitung die elektronischen Medien zu nutzen, wie Internet, Facebook und Twitter.

Für die nach Bozen angereisten Journalisten war die Tagung auch eine Gelegenheit, aktuelle Themen der Region kennenzulernen. Im Mittelpunkt standen die Flüchtlingsproblematik in Südtirol, die Europaregion Tirol, Südtirol und Trentino, die Vergangenheit und Zukunft der Autonomie in Tirol, deren Statut in einem Konvent gerade überarbeitet wird, und der Brenner Basistunnel. Nach der Generalversammlung fand im Thermenhotel in Meran die feierliche Übergabe der beiden Preise der Vereinigung statt. Die ADZ-Redakteurin Aida Ivan nahm von Bojan Brezigar den MIDAS-Preis entgegen. Sie erhielt die Auszeichnung für eine in unserer Zeitung erschienene Reportage über Roma in Bukarest, deren Wohnungen zwangsgeräumt wurden und die ein Jahr nach der Zwangsräumung immer noch auf der Straße in selbstgebastelten Notunterkünften wohnen. Die Geschichte hat ein tragisches Happy End – zumindest für eine Familie, die von der Zwangsräumung betroffen war. Eine alleinerziehende Mutter von fünf Kindern, die zudem ihren kranken Vater pflegt, kommt im vergangenen Oktober bei einem Großbrand in dem Bukarester Club „Colectiv“, wo sie schwarz als Putzfrau arbeitete, um. In den nächsten Tagen stellt sich der stellvertretende Bürgermeister des Stadtbezirks mit Fernsehtross ein und übergibt der trauernden Familie den Schlüssel zu einer Dreizimmerwohnung. Es ist nicht zum ersten Mal, dass eine Journalistin von der ADZ ausgezeichnet wurde. Bereits 2013 hat Christine Chiriac den MIDAS-Preis gewonnen.

Der von Otto von Habsburg gestiftete Preis, der den Namen des Stifters trägt, wurde diesmal von dessen Sohn, Georg von Habsburg, überreicht. Er ging an die seit 2002 von ORF Kärnten ausgestrahlte Sendereihe „Servus, Strecno, Ciao“, die von der Europäischen Union finanziert wird und über die Minderheitensituation berichtet, aber auch konkrete alltägliche Lebensgeschichten in der Alpen-Adria-Region von Kärnten über Friaul-Julisch Venetien und Slowenien bis Istrien. Zum Abschluss des Besuchs in Bozen nahmen die Journalisten noch an der Eröffnung der Europeada teil, dem Fußballturnier der Mannschaften aus den Reihen der Minderheiten, das in Südtirol abgehalten wurde. Rumänien war mit zwei Mannschaften vertreten, und zwar stellten sich Szekler und Aromunen. Mit dem Turnier war in diesem Jahr auch die MIDAS-Studienreise verbunden.




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