Minderheitenpolitik und territoriale Umbrüche in Rumänien seit 1918

Ausstellung im Museum für Zeitgenössische Kunst Hermannstadt präsentiert Spuren eines erhöhten Nationalbewusstseins

Dienstag, 17. Juli 2018

Peter Jacobi, wohnhaft in Wurmberg (Deutschland), hält durch seine Bilder und den fotografischen Band „Siebenbürgen. Bilder einer Reise II“ Erinnerungen an die Biografie der eigenen Generation wach.
Foto: Michael Müller/Meyer, Pforzheimer Zeitung (2017)

Unter aufmerksamer Beteiligung eines kleinen Publikums fand am Mittwoch, 11. Juli, in der Abteilung für Zeitgenössische Kunst des Brukenthalmuseums Hermannstadt/Sibiu eine Veranstaltung zum hundertjährigen Jubiläum der Vereinigung Rumäniens statt. Den aussagekräftigen Inhalten der auf Englisch geführten Ausstellung „Ethnische Minderheiten in der visuell-kulturellen Wahrnehmung. Brennpunkt Rumänien“ (Minorități etnice în cultura vizuală. Focus România) und der Sonderausstellung „Stillleben nach dem Exodus“ sowie zweier kunsthandwerklicher, auf den Namen „Brukenthal-Pavillon und -Denkmal“ (Pavilionul Memorial Brukenthal) getaufter Skulpturen aus dem Atelier des bildenden Künstlers Peter Jacobi (Jahrgang 1935) standen die teils selbstherrlich ausladenden Grußworte einiger Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gegenüber, die der Einladung zur offiziellen Eröffnung gefolgt waren. Vonseiten des gastgebenden Brukenthalmuseums führte Alexandru-Constantin Chituță, Beauftragter für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, durch die Ausstellungseröffnung.
Vierzehn weiße Planen, die einen detaillierten Einblick in die vielschichtige Minderheitenpolitik des Staates Rumänien während der vergangenen hundert Jahre bieten, hängen an zwei Innenwänden des zentralen Ausstellungsraums zur eingehenden Betrachtung bereit. Nicht zu überhören war ein leicht nationalistisch angehauchter Stolz in der Rede von Cosmin Nasui, dem Leiter des Bukarester Postmodernismus-Museums und Kurator der Ausstellung. Gemeinsam mit Robert Strebeli, dem Vertreter des Brukenthalmuseums, zeichnet er für das kulturelle und künstlerische Gesamtangebot verantwortlich, das bis einschließlich Freitag, 31. August 2018, im Museum für Zeitgenössische Kunst Hermannstadt besichtigt werden kann.

Cosmin Nasui bemühte sich hervorzuheben, dass der Staat Großrumänien, der nach der 1918 erfolgten Vereinigung Siebenbürgens, Bessarabiens und der Bukowina mit dem Königreich Rumänien seinen Platz auf der geopolitischen Landkarte Europas einnahm, auch heute noch in der Wahrnehmung vieler Staatsbürger als jenes Rumänien gilt, das sein Territorium quasi über Nacht und in einem Sturm des Optimismus verdoppelt habe. So habe sich das damalige Rumänien etwa das gleiche Zivilrecht für alle Staatsbürger, ungeachtet ihrer jeweiligen ethnischen Zugehörigkeit, getrost auf die Fahne schreiben können, so Nasui.

Allein in Bessarabien und der Bukowina lebten in der Zeitspanne 1918-1940 mindestens neun verschiedene Ethnien zusammen. Über den Holocaust und weitere kriegsbedingte Völkerwanderungen und Migrationen braucht man indessen nicht mehr zu debattieren. Stattdessen kommt man beim Betrachten der Ausstellung und der damaligen gesamteuropäischen politischen Lage schnell zu der Einsicht, dass das selbsternannte Großrumänien in vielerlei Hinsicht versagt hat. „Viele der damaligen Versprechen hat die Regierung Rumäniens nicht umgesetzt, weder zum Nutzen der Mehrheitsbevölkerung, noch zum Wohle der auf eigenem Staatsgebiet vertretenen Minderheiten. Eine diesbezügliche Parallele zur Gegenwart unserer Tage ist unstreitbar.“, so Christine Manta-Klemens, stellvertretende Vorsitzende des Hermannstädter Kreisrates.

Eigene Kapitel der geschichtlich geprägten Ausstellung sind Gebieten wie beispielsweise dem gebeutelten Nordsiebenbürgen um Bistritz und der Süddobrudscha, die 1913 infolge der Balkankriege zu rumänischem Staatsgebiet erklärt wurde, nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch an Bulgarien abgetreten wurde, gewidmet.

Eine Sparte von aktuell großer Bedeutung zu den Minderheiten Rumäniens ist jene Schautafel, die einige international hochgeschätzte Erfolge rumänischer Kinoproduktionen der vergangenen 30 Jahre erwähnt. Stellvertretend für die deutschsprachige Minderheit ist hier der Spielfilm „Rote Handschuhe“ des Regisseurs Radu Gabrea zu nennen, der auf dem gleichnamigen Roman Eginald Schlattners fußt. Erwähnenswert ist, dass Schlattner als ein überaus geschickter Meister des literarischen Fingierens gilt, seine schriftstellerischen Werke jedoch in der jüngeren Vergangenheit auch mannigfaltig soziale Kontroversen in Literatur- und Leserkreisen hervorgerufen haben (die ADZ berichtete).

Peter Jacobi persönlich erläuterte den künstlerischen Sinn seiner beiden Skulpturen aus Bronze und Holz, die an Samuel von Bruken-thal, den kulturstiftenden Gouverneur der ehemaligen habsburgischen Provinz Siebenbürgen, erinnern. Der Begriff „Siebenbürgen“ habe ihn dazu inspiriert, ein Kreisrund aus sieben miteinander verbundenen Säulen zu konzipieren, erläuterte Peter Jacobi während der Ausstellungseröffnung. Während der Vernissage wurde zudem der Bildband „Siebenbürgen. Bilder einer Reise II“ vorgestellt, den Jacobi gemeinsam mit Birgit Hansen im Herbst 2017 im Schiller-Verlag veröffentlicht hat. Der Band liegt weiterhin in der Hermannstädter Erasmus-Bücherei sowie an weiteren Standorten des Schiller-Verlags in Rumänien aus.

Begleitend zur Ausstellung ist der 2016 im Bukarester Verlag erschienene Band „Ethnic Minorities in Visual Culture – Focus Romania“ erhältlich, der zum weiteren Studium der hundertjährigen Geschichte des modernen Rumänien durch die Lupe der Wahrnehmung historischer Minderheiten einlädt.

Zu den Referenten der Ausstellungseröffnung zählte weiterhin Virgil-Ștefan Nițulescu, vormaliger Direktor des Nationalen Bauernmuseums Bukarest und derzeitiger Kabinettsleiter des Ministeriums für Nationale Kultur und Identität. Zudem erfährt das Ausstellungsprojekt finanzielle Unterstützung durch die Verwaltungsstelle des Nationalen Kulturfonds (Administrația Fondului Cultural Național).

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