Misere über Misere

Cătălin Saizescus Spielfilm „Scurtcircuit“ in den rumänischen Kinos

Freitag, 23. März 2018

Es scheint, als habe Cătălin Saizescu, Sohn des berühmten, vor fünf Jahren verstorbenen, rumänischen Filmregisseurs Geo Saizescu, in seinem jüngsten Spielfilm „Scurtcircuit“ (Kurzschluss) versucht, möglichst viele Missstände, die in allen erdenklichen Lebensbereichen im Rumänien der Gegenwart vorherrschen, in eine einzige Filmhandlung zu packen. Ausgangspunkt seines dokumentarisch grundierten Werkes, das auf dem letztjährigen Internationalen Filmfestival in Schanghai den Outstanding Artistic Achievement Award erhielt, ist eine reale Begebenheit, drastischer ausgedrückt eine echte Katastrophe, die sich, wie auch der Brand 2015 im Bukarester Nachtclub „Colectiv“, unauslöschlich ins rumänische Gegenwartsbewusstsein eingegraben hat.

Am 16. August 2010 kamen nämlich auf der Intensivstation der Geburtsklinik „Prof. Dr. Panait Sârbu“ im Bukarester Stadtteil Giulești sechs Frühchen ums Leben, weil die Klimaanlage im Inkubatoren-Saal aufgrund einer unsachgemäßen elektrischen Installation Feuer gefangen hatte. Das Urteil im anschließenden Strafprozess bescherte der verantwortlichen Krankenschwester eine mehrjährige Gefängnisstrafe, dem Abteilungsleiter und dem zuständigen Elektriker Bewährungsstrafen sowie der Klinik eine hohe Geldstrafe.

Cătălin Saizescus Film folgt den Ereignissen des Jahres 2010 in seinem Film Schritt für Schritt, vom Ausbruch des Brandes über die Rettungsversuche innerhalb der Klinik und über das Auftauchen der Feuerwehr bis hin zur Ankunft israelischer Ärzte, die damals ihren Sachverstand den Opfern der Brandkatastrophe von Giulești freiwillig zur Verfügung stellten. Action-Szenen wechseln sich ab mit Szenen der Retrospektive, die sich mit dem Geschehenen im Modus des Verhörs beschäftigen. So werden etwa der technische Direktor oder der Manager der Klinik vor der Kamera ins Gebet genommen, aber eigentlich werden dabei vielmehr das rumänische Gesundheitssystem, die permanente Mängelwirtschaft, die ständig wechselnden Zuständigkeiten, die ubiquitäre Inkompetenz und das planlose wie dilettantische Weiterwursteln an den Pranger gestellt.

Man wird im Kino Zeuge von dramatischen Szenen, die sich damals, vor siebeneinhalb Jahren, in Wirklichkeit genauso abgespielt haben mögen. Wie die Mütter, die in einer Abteilung nahe dem Inkubatoren-Saal im selben Krankenhaus untergebracht sind, zu ihren verfrüht geborenen Säuglingen nach oben stürmen und dort vor verschlossener Türe stehen! Wie die Ärzte die Tür zum brennenden Inkubatoren-Saal nicht öffnen können, weil allein die abwesende Krankenschwester über die entsprechende Codekarte verfügt! Wie die Feuerwehrleute dann in den brennenden Raum eindringen und die zum Teil bereits verkohlten Frühgeborenen mit bloßen Händen nach außen tragen! Und dies alles mit den Mitteln des modernen Action-Kinos: Momente des Innehaltens in Zeitlupe inmitten einer bewegten Katastrophenszenerie, Ausblenden des O-Tones, heroische Musik, und dann plötzlich wieder die hektische Rückkehr ins reale Geschehen!

Ärzte, Schwestern, Verwaltungspersonal, Eltern, Angehörige, Journalisten, Kameraleute, aufgebrachte Bürger, Sanitäter, Polizisten, sie alle reihen sich ein in den Taumel der zum Himmel schreienden Katastrophe in Giulești. Doch der Regisseur gibt sich damit noch nicht zufrieden, vielmehr personalisiert er das Filmgeschehen, indem er zusätzlich noch weitere rumänische Missstände in den Filmplot mischt. So ist eines der verbrannten Frühchen in der Filmhandlung das Kind einer minderjährigen Schülerin, die von einem ihrer Mitschüler geschwängert wurde. Das Thema der Teenagerschwangerschaften, das in Rumänien von hoher sozialer Brisanz ist, wird im Rahmen dieser romantisch verbrämten Nebenhandlung in den Film von Cătălin Saizescu integriert.

Doch damit nicht genug! Das Kind der Schülerin ist zugleich Gegenstand einer finanziellen Transaktion im Rahmen einer Adoption am Rande der Legalität. Ein nach Spanien ausgewandertes rumänisches Ehepaar zahlt der Familie der Schülerin einen hohen Geldbetrag, damit diese sich den Wunsch nach einer eigenen Wohnung erfüllen kann. Im Gegenzug bestätigt die Schülerin, dass der ihr gänzlich unbekannte Rumäne aus Spanien der Vater ihres Kindes ist, der dann unmittelbar nach der Geburt mit Adoptivkind und Ehefrau wieder nach Spanien zurückkehren wird, wie der Film dies in diversen Rückblenden peu ŕ peu deutlich macht. Auch der Schülerin wäre mit diesem Procedere gedient: Sie wäre sofort nach der Geburt von ihrem ‚Problem’ befreit und könnte dann unbeschwert ihr Abitur nachholen. Doch der von der Mutter des Schülers und Kindsvaters geschmiedete Plan scheitert nicht nur an der unvorhersehbaren Brandkatastrophe, sondern auch an dem jungen Liebespaar, das in einer dramatischen Szene über den Dächern von Bukarest gemeinsam am Rande des Selbstmords steht.

Nebenbei werden in Saizescus Film auch noch andere Missstände in der rumänischen Gesellschaft angeprangert: der ubiquitäre Rassismus, vor allem gegenüber der Ethnie der Roma, das die Grenze zur Korruption missachtende Selbstverständnis von Amtsträgern, das mangelnde Vertrauen zwischen Eltern und Kindern, das Unverständnis der Kirche gegenüber sozialen Problemen, die zur Inhumanität führende Schludrigkeit. So wird etwa ein Elternpaar von der Geburtsklinik telefonisch benachrichtigt, dass sein zu früh geborenes Kind bei der Brandkatastrophe ums Leben gekommen sei, was sich später als eine durch Unachtsamkeit entstandene Falschmeldung erweist. Doch selbst diese Filmszene, in der das von der Nachricht getroffene Ehepaar, schweigend und in Schockstarre auf dem Sofa sitzend, seinem vermeintlich toten Kind nachtrauert, wird von Saizescu noch dazu benützt, um die rumänische Misere zu potenzieren, denn aus dem Radio ertönen zeitgleich Berichte über die sogenannte „borduriada“, die massive Verschwendung von Steuergeldern für teure Bordsteine von Gehwegen, die neben der fiskalischen und finanziellen auch noch eine absurd-komische Seite hatte, weil z. B. manche Bürger über den hohen Wall von neu verlegten Bordsteinen hinweg ihre eigene Hofeinfahrt nicht mehr befahren konnten.

So ist also Cătălin Saizescus Film „Scurtcircuit“ bis zum Rande gefüllt mit sozialen und gesellschaftlichen Problemen des gegenwärtigen Rumänien, und man ist den zahlreichen hochkarätigen Schauspielern, die in diesem Film mitgewirkt haben, dankbar, dass sie die rumänische Misere durch ihre Darstellungskunst nicht nur erträglich, sondern sogar genießbar machen. Besonders hervorzuheben sind dabei: Maia Morgenstern in der Rolle einer israelischen Ärztin, Nicodim Ungureanu als adoptionswilliger Rumäne aus Spanien, Magda Catone als Mutter der minderjährigen Schülerin, Dorel Vișan als Manager der Klinik, ferner Claudiu Bleonț, George Ivașcu, Valentin Popescu sowie Georgiana Saizescu, die Ehefrau des Regisseurs, in der Hauptrolle der am Unglück mitschuldigen Krankenschwester. In der Massivität seiner Anprangerungen wird Saizescus Film zu einem politischen Statement, das aus einem einfachen Kurzschluss komplexe und weit reichende Schlüsse zieht!

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