Mit dem Eilzug durch das Dreiländereck

Mit 200 Kilometern pro Stunde auf der Strecke Temeswar-Kikinda-Szegedin

Freitag, 21. September 2012

Foto: sxc.hu

Vor Kurzem kam es in Temeswar/Timişoara zu einem internationalen Arbeitstreffen im Rahmen eines zukunftsweisenden Großprojekts: Der Masterplan für ein Hochgeschwindigkeitseisenbahnnetz in Mittel- und Osteuropa wurde vom Eisenbahnklub, einer regierungsunabhängigen Organisation aus Bukarest, die im Namen der UNO-Wirtschaftskommission U.N.E.C.E. und mit Unterstützung des rumänischen Transportministeriums agiert, erarbeitet. Zu den Gästen der Temeswarer Stadtverwaltung zählten erstrangige internationale Fachleute dieses Bereichs aus zehn Ländern (Österreich, Bosnien, Kroatien, Tschechien, Ungarn, Polen, Russland, Serbien, der Slowakei und der Türkei).

Die Debatte betraf Themen, die nicht nur allgemein für Mittel- und Osteuropa, sondern auch speziell für das Banat und Temeswar von hochrangigem Interesse sind: Die Bildung eines hochmodernen Eisenbahnnetzes für Hochgeschwindigkeitszüge, welches nicht nur die Länder Europas untereinander, sondern auch den alten Kontinent mit Afrika und Asien verbinden soll. Das ist der internationale und europäische Rahmen, der ein solches Vorhaben in dieser Zone Europas möglich machen kann. Aus Banater und Temeswarer Sicht ist dieses EU-Projekt insoweit von höchstem Interesse, da die Stadt an der Bega dabei zu einem wichtigen Eisenbahnknotenpunkt für Eilzüge ausgebaut werden soll. Ein erster Schritt wäre die Eröffnung einer Hochgeschwindigskeitseisenbahnverbindung auf der Strecke Temeswar-Kikinda-Szegedin in maximal sieben Jahren. Im Endergebnis würde im historischen Dreiländereck Rumänien-Serbien-Ungarn ein moderner Eilzug mit einer Höchstgeschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde verkehren und die geografischen Distanzen stark verringern. Später würden diese Eisenbahnlinien via Temeswar die Verbindungen zwischen Budapest-Bukarest-Konstanza- Jassy sichern.

Dieses rumänisch-serbisch-ungarische EU-Projekt befindet sich derzeit im Stadium der Machbarkeitsstudien. Helmut Meelich, UNO-Projektmanager, setzt voraus, dass die drei implizierten Partnerländer durch je einen Regierungsbeschluss ihren politischen Willen zur Verwirklichung dieses Vorhabens zeigen müssen. „Es muss desgleichen, wie es in solchen grenzüberschreitenden Vorhaben in der EU erforderlich ist, eine gemeinsame Stimme für Brüssel gefunden werden“, erklärt Meelich. Nicht zu vergessen wäre auch eine andere obligate Bedingung, nämlich die Erweckung des Interesses in der internationalen Finanzwelt für dieses mit hohen Kosten verbundene Projekt. UNO-Manager Helmut Meelich schätzt die Baukosten auf ca. 200 Millionen Euro. Das wären Kosten, die in diesem Infrastrukturbereich als gering eingeschätzt werden können. Im Vergleich könnten die enormen und stetig steigenden Baukosten im Autobahnbereich gesehen werden, z. B. würde der Bau eines Tunnels in Österreich gar bis zu fünf Milliarden Euro kosten.

Nur ein neues, schönes Projekt auf dem Papier?

Die Fachleute sind sich darüber einig, dass der Bau einer solchen Eisenbahnlinie in der Tiefebene des ehemaligen historischen Banats keinerlei Schwierigkeiten mit sich bringen würde. Mit einer Wiederbelebung des Bahnnetzes in diesem Gebiet wurde zaghaft schon 1999 begonnen. Die Machbarkeitsstudien von damals müssten also nur aktualisiert werden.
Etwas pessimistischer zeigte sich ein bekannter, einheimischer Fachmann. Octavian Udrişte, Mitglied der Gesellschaft der Eisenbahningenieure, meint dazu: „Wir müssen die ganze Sache behutsam angehen. Es ist vor allem ein schönes Projekt für die folgende Zeitspanne 2014-2020, jedoch nur auf dem Papier. Wegen der derzeitigen rumänischen Politik im Transportbereich könnte es sehr kompliziert werden.“ Eine derartige Initiative gab es schon im Jahr 2007, doch die verschiedenen Interessen der stetig wechselnden Regierungen haben das Vorhaben noch vor dem Start zunichte gemacht. Udrişte weist auch darauf hin, dass die derzeitige rumänische Politik solche Großinvestitionen im Eisenbahnbereich kaum begünstigen würde. Bahnlinien und -verkehr wurden in den Jahren nach der Wende unaufhaltsam abgebaut, das Schienennetz wurde nicht richtig gewartet. Eine Folge war eine ständige Reduzierung der Verkehrsgeschwindigkeit der rumänischen Eisenbahn.

Dipl. Ing. Octavian Udrişte betrachtet das Interesse der EU für die Einrichtung eines attraktiven und wettbewerbsfähigen Eisenbahnnetzes, das mit dem umweltschädigenden Autoverkehr ernsthaft konkurrieren könnte, als eine vitale Bedingung für die Verwirklichung dieses Vorhabens. Auch Nicolae Robu, der neue Temeswarer Bürgermeister, gibt sich optimistisch. Die Stadt Temeswar hätte selbstverständlich ein großes Interesse daran, aus der Begastadt, im Rahmen der Bahnverbindung Budapest-Bukarest, baldigst einen internationalen Knotenpunkt auf dieser Höchstgeschwindigkeitseisenbahnlinie zu machen. Auch der Euroregion würde die Bahnverbindung Temeswar-Kikinda-Szegedin neue Impulse geben. Bürgermeister Robu schätzt die Dauer für die Verwirklichung dieses Drei-Länder-Vorhabens auf fünf bis sieben Jahre. Ein Abschlusstermin wäre also das Jahr 2020.

Obwohl Serbien noch kein EU-Mitglied ist und noch allerhand Schwierigkeiten mit der europäischen Eingliederung hat, läuft zwischen Rumänien und Serbien seit Jahren eine gutgehende wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit, zum Teil im Rahmen von EU-Projekten. Eine neue Etappe erfuhren diese Beziehungen in diesem Sommer auch durch die Eröffnung einer Eisenbahn-Schnellverbindung zwischen Temeswar/Timişoara und Werschetz/Vrsac. Seit dem 12. Juni, die ADZ berichtete darüber, verkehren täglich zwei Zugpaare des Typs „Desiro” („Blauer Pfeil”). Eine Zugfahrt erster Klasse kostet 7,60 Euro, eine Fahrt zweiter Klasse kostet 5 Euro. In nächster Zukunft sollen noch zwei Zugverbindungen, auf den Strecken Valcani-Kikinda und Orawitza-Jam-Ianosevo, eröffnet werden.

Den optimistischen bis begeisterten Stimmen der Fachleute und Lokalpolitiker hält der Volksmund andere Stimmen entgegen, die gar nicht so positiv anzuhören sind: Wer wird schon diesen Eilzug benutzen? Wie viele der Zugreisenden aus der vornehmlich ländlichen Gegend des Banats werden sich diese bestimmt teuren Fahrkarten für den Eilzug leisten können?

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