Mit der Dampflok ins Abenteuer

Letzte dampfbetriebene Holztransportbahn Europas in der Maramuresch begeistert Touristen aus aller Welt

Sonntag, 02. August 2015

Nirgendwo ist der Zusammenprall zwischen Technik und Natur so gegenwärtig wie hier.

Zwischenstopp zum Wassertanken

Deutsche Volkstanzgruppen aus verschiedenen Ecken des Landes lassen beim Zipsertreffen die Röcke fliegen.

Zum Anlass des Zipserfestes: Wer kann den süßen Köstlichkeiten vom „Pocharai-Standl“ widerstehen?
Fotos: George Dumitriu

Watteweißer Dampf steigt aus dem schwarzen Schlot, als das Züglein schnaufend aus dem Bahnhof von Oberwischau/Vişeu de Sus kriecht und Minuten später in das leuchtendgrüne Wassertal eintaucht. Links sanfte Berghänge, rechts „Dschungel“ oder schroffer Fels. In der Mitte mäandert ein tiefblaues Rinnsal. Gesichter lehnen sich aus den Fenstern, Tablets und Digicams werden an ausgestreckten Armen herausgehalten. Wenn der Zug um die Kurve fährt, erhascht man einen Blick auf die dampfende Lok. Der Fahrtwind bläst uns den Alltag aus dem Kopf...

Kleine Holzhäuser, moderne Villen, Heumännchen, Kinder und alte Leutchen auf Schotterstraßen ziehen an uns vorüber. Ein kleiner Hund verfolgt den Zug eine ganze Weile, hartnäckig läuft er zwischen den Schienen hinterher. Als er endlich aufgibt, grinst Ion, der Bremser: „Jetzt ist ihm die Batterie ausgegangen.“ Der Zug nimmt Fahrt auf und die ersten Reisenden wickeln sich in Jacken. Das Abenteuer kann beginnen!

Geräuschvoll zuckelt die „Măriuţa“ durch den dichten Mischwald. Es duftet nach Wildblumen und Tannenharz. Die Kameras klicken: Hier ein Junge mit Smartphone auf der Hängebrücke; dort eine Bäuerin, die gekonnt auf dem Baumstamm über den sprudelnden Fluss balanciert, der sie mit dem Haus am anderen Ufer verbindet. Wie mag wohl der Winter für die Menschen hier sein?

Dann der erste Halt zum Wassertanken: Während Lok „Măriuţa“ über einen schwarzen Schlauch gierig aus dem klaren Teich säuft und der schwitzende Heizer sich ein Päuschen gönnt, bestaunen die Fahrgäste das Spektakel.

Mit Wasserdampf Berge erklimmen

Untrennbar ist die Wassertalbahn - die einzige Waldbahn Europas, die noch für Holztransporte genutzt wird - mit den Oberwischauer Zipsern verknüpft, der deutschen Minderheit, die zwischen 1776 und 1820 aus Bayern, Österreich und der slowakischen Zips als Waldarbeiter ins Land kam. Ab 1931 ersetzte die dampfbetriebene Schmalspurbahn nach und nach die Flößerei. Heute erfreut sie sich besonderer Beliebtheit als Touristenabenteuer. Nichts auf unserer Fahrt erinnert mehr an die schwere Waldarbeit, an gefährliche Floßfahrten, an den harten Überlebenskampf früherer Generationen. An die beiden Fronten im Wassertal im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Geblieben ist nur die Faszination, mit der Kraft von  Wasserdampf Berge zu erklimmen! Nirgendwo ist der Zusammenprall zwischen Technik und Natur so gegenwärtig wie hier.

Neben den regulären Touristenfahrten gibt es auch Sonderprogramme wie Vollmondfahrten und Silvesterausflüge mit Mitternachtsparty. Andreas Karlstetter, Geschäftsführer des Unternehmens Wassertalbahn, erzählt von der letzten Silvesterfahrt: Minus 25 Grad im Freien! Doch dank geheizter Waggons, einem Lagerfeuer und Wärmepilzen im Zielbahnhof von Paltin, wo bis vier Uhr morgens fröhlich gefeiert wurde, musste niemand frieren.

Geheimtipp: Zipsertreffen

Nicht unbedingt als Touristenspektakel bekannt und daher ein echter Geheimtipp ist die Fahrt mit der Wassertalbahn zum Anlass des jährlichen Zipsertreffens, wo ein Teil des traditionellen Festprogramms getreu dem Motto der Veranstaltung „Droben im Wassertal“ stattfindet. In diesem Jahr ging die Fahrt mit gleich zwei Zügen bis nach Făina, dem Endbahnhof der touristischen Strecke, denn der Rest ist nur für Holztransporte zugelassen. Dort wurde vor der über 100-jährigen Waldkapelle zur hl. Elisabeth - der „kleinen Schwester“ der katholischen St. Anna Kirche in Oberwischau - ein Gottesdienst im Freien abgehalten. Zur Kirchweihe am 6. September - auf zipserisch „Ablass“ genannt - pilgern jedes Jahr Hunderte von Gläubigen an diesen Ort. Der Name Făina (Mehl) geht auf eine Mühle zurück, die sich hier einst befand.

Zum Feiern ging es dann in den Bahnhof von Paltin zurück. Auf dem freien Platz zwischen Gleisen und Fluss gab es Blasmusik, Kindertheater, Trachtenaufmärsche und traditionelle Tänze. Ein kleines Museum informiert zur Geschichte der Wassertalbahn. An hölzernen Ständen kann man sich - auch sonst - mit Getränken versorgen und eine warme Mahlzeit erhalten. Für einen Tag füllen fröhliche Stimmen, zipserischer Dialekt und der Duft deftiger Würste die ansonsten unberührte Natur. Natürlich darf auch die traditionelle Flößerdemonstration nicht fehlen. Man muss kein Zipser sein, um an dem Spektakel Gefallen zu finden. Touristen sind stets willkommen, bestätigt auch der Organisator und Vorsitzende des Demokratischen Forums der Zipser, Leopold Langtaler.

Von Angesicht zu Angesicht

In Bahnhof von Paltin darf Diesellok „Rossia“ die „Măriuţa“ überholen. Von der letzten Plattform aus wollen wir die Dampflok von vorne fotografieren. Doch bald bleibt sie weit hinter der Konkurrentin zurück, ihr Stampfen verklingt hinter der letzten Kurve. Bremser Ion zieht das Pfeifchen und signalisiert der „Rossia“ , langsamer zu fahren. Allmählich wird das Stampfen wieder lauter. Zuerst ist nur ein Dampfwölkchen zu sehen, dann wälzt sich das schwarze Ungeheuer unaufhaltsam hinterher. Kommt näher und näher, bis es unsere Stoßdämpfer küsst - und unseren Zug von hinten schiebt! Auge in Auge mit dem schnaubenden Stahlross, ringsum nur Dampf und Getöse. Hinter dem beschlagenen Fenster das kugelrunde Gesicht des schwitzenden Heizers. Dann wird es auf einmal dunkel. Ohrenbetäubender Lärm. Die „Măriuţa“ schiebt uns durch den Tunnel!

Auf der Strecke nach Paltin wird das Tal enger, die Landschaft ursprünglicher, letzte Häuser bleiben zurück. Andreas Karlstetter zeigt auf den Fluss, der einfach nur Wasser (rumänisch: Vaser) heißt. Hölzerne Schwellen verhindern, dass das Wasser in die Tiefe stürzt, sich trübt und die Forellen sterben, erklärt er. Hier und dort zieht eine Baumschule mit Setzlingen in langen Reihen vorbei. Der Fluss schlängelt sich um Sandinseln. Links und rechts ragen über 35 Meter hohe Tannen voller roter Zapfen in die Höhe.

Ein nachhaltiges Entwicklungskonzept

Leitete die Wassertalbahn seinerzeit einen riesigen Entwicklungssprung ein, so soll sie heute dabei helfen, den Bogen zurück zur Natur zu spannen - durch sanften Tourismus im Naturschutzgebiet, der „nicht nur blind konsumiert werden, sondern nachhaltig prägen soll“ hofft der Leiter der Wassertalstiftung Peter Bayard, Vizevorsitzender des Deutschsprachigen Wirtschaftsclubs Banat. Ein ganzheitliches Konzept soll den Menschen in der Region Hilfe zur Selbsthilfe bieten, Wertschöpfung aus lokalen Produkten unterstützen und die Ausbildung junger Leute fördern, erklärt der Schweizer. All dies möglichst im Einklang mit der Natur. 

Ein touristischer Ausbau des Wassertals könnte hierfür eine Lösung sein, meint Bayard. „Mit 500 bis 700 Betten, durchaus in kleinen Pensionen, mit Übernachtungsmöglichkeiten auf der Strecke, damit die Bahnfahrt nicht wie bisher  nur ein Tagesausflug bleibt.“ Wanderwege durch das Naturschutzgebiet wollen hierfür markiert und Blockhütten entlang der Bahnstrecke gebaut werden. Junge Arbeitskräfte in der Region müssen ausgebildet, aber vor allem motiviert werden. „Früher gab es staatliche Betriebe, die die Leute ausbildeten, doch jetzt gibt es nur noch Uni-Absolventen, die man zu nichts gebrauchen kann“ illustriert der ehemalige Unternehmer, warum er die Einführung der dualen Ausbildung - ein in anderen Regionen bereits erfolgreich umgesetztes Konzept des Deutschen Wirtschaftsclubs - auch im Wassertal unterstützt.

Auf einmal krabbelt mitten während der Fahrt der Techniker aus dem Fenster des Führerhäuschens. Zuerst hängt er wie ein Sack an der Seite der Lok, dann erklimmt er ihren Rücken, schlägt mit einem Hammer gegen eine Leitung. „Măriuţa“ gehorcht. Sicher bringt uns das gezähmte Stahlross nach Oberwischau zurück. Menschenmengen quellen auf den Bahnsteig. Ringsum leuchtende Gesichter - und „Măriuţa“ pfeift zum Abschied ein watteweißes Dampfwölkchen.

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