Mit der Draisine durchs Banater Bergland

Deutsche Delegation fuhr über die älteste Eisenbahnstrecke Rumäniens

Mittwoch, 26. Juni 2013

Die älteste Eisenbahnstrecke auf dem heutigen Gebiet Rumäniens ist dem Verfall ausgesetzt. Foto: Raluca Nelepcu

Langsam rattert sie durch die Wälder, mit einer Geschwindigkeit, die 20 Stundenkilometer nicht überschreitet. Sie fährt so langsam, damit sich die Fahrgäste die Umgebung ansehen, damit sie die wieder unberührte Natur des Banater Berglands bewundern. Gerade diese Natur ist es, die nicht nur ausländische, sondern auch einheimische Reisende entzückt. Die Eisenbahn-Draisine beförderte vor Kurzem eine Delegation bestehend aus Vertretern der Deutschen Bahn und Mitgliedern des Bayerischen Bauindustrieverbands. Veranstaltet wurde die Reise von dem langjährigen Leiter der Abteilung für Bauingenieurwesen in deutscher Sprache an der Temeswarer TU Politehnica, Radu Băncilă.

Von Orawitza nach Anina führt heute die Reise auf der ältesten Eisenbahnstrecke Rumäniens – eine historische Fahrt, die auf die Bedeutung des Erhalts dieser Trasse hinweisen soll. Professor Radu Băncilă veranstaltet jährlich einige Fahrten auf dieser Strecke und lädt nicht nur die Studierenden der Abteilung für Bauingenieurwesen in deutscher Sprache, sondern auch Gäste aus dem Ausland dazu ein. Darunter befinden sich meist auch Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik. „Diese Strecke hat einen riesigen historischen Wert. Ab 1864 diente sie dazu, die Kohle von Anina über Basiasch nach Wien zu befördern“, erklärt Prof. Dr. Radu Băncilă.

Am 15. Dezember 1863 verkehrte auf dieser Strecke der erste Zug. Er beförderte damals nicht nur Kohle, sondern auch Fahrgäste. 33,4 Kilometer lang ist die Eisenbahnstrecke, die die Kleinstädte Orawitza und Anina miteinander verbindet. Dabei gibt es einen Höhenunterschied von 340 Metern. Insgesamt 14 Tunnels und mehrere Viadukte sind auf der Strecke zu finden – beeindruckend ist vor allem, wie diese damals errichtet wurden. „Es gab Waggons, die Güter transportierten, und jeweils zwei Reisewagen, die Fahrgäste beförderten.  Wegen der schwierigen Strecke und den besonderen Fahrbedigungen ist diese Strecke nicht attraktiv für den Personenverkehr. Allein aus touristischem, kulturellem und historischem Gesichtspunkt ist diese Strecke von Bedeutung“, erklärt Adrian Istrati, Mitarbeiter der Rumänischen EisenbahngesellschaftCFR, der 25 Jahre lang mit der Pflege der Strecke Orawitza-Anina betraut war. „Man kann also nicht sagen, dass es einen effizienten Verkehr auf einer Strecke geben kann, wenn die Züge mit maximal 20 Studenkilometern fahren. Es gibt keine Geschwindigkeitsbeschränkungen, die Linie wurde gerade für diese Geschwindigkeit entworfen. Die Züge fuhren beladen bergab und leer wieder bergauf“, so Istrati weiter.

Gütertransporte werden seit mindestens fünf Jahren nicht mehr durchgeführt, seit die Steinkohlengruben in Anina geschlossen wurden.

Im aktuellen Fahrplan sind zwei Züge verzeichnet, wobei die Fahrzeit zirka zwei Stunden beträgt. Es ist ein recht großer Zeitverlust, wenn man bedenkt, dass es nur knapp 34 Kilometer sind, die diese Züge zurücklegen müssen. Und trotzdem: Die historische Bedeutung der Montanbahn ist groß und sollte ausgeschöpft werden, ist auch der Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Bauindustrieverbandes Gerhard Hess überzeugt. „So eine Linie ist ein Schatz, ein Wertstück für die Kultur eines Volkes. Solche Vermögen, die von unseren Urgroßvätern finanziert und gebaut worden sind, müssen gepflegt werden“, betont Hess.

Eine entschlossene Bürgerinitiative sollte sich dafür stark machen, die Strecke zu erhalten, raten die Gäste aus Deutschland. Professor Radu Băncilă von der Temeswarer Baufakultät hatte bereits mit Vertretern der Rumänischen Eisenbahngesellschaft Gespräche geführt, um die Eisenbahnlinie am Leben zu erhalten. Er findet, dass es nicht nur schade, sondern sogar eine Schande wäre, diese Strecke aufzulösen. Es sei genau so, als lösche man für immer ein wichtiges Kapitel Banater Geschichte. AuchCFR-Mitarbeiter Adrian Istrati hofft auf den Erhalt der Strecke. Auch wenn es sicher einige Argumente gibt, die dagegen sprechen. „Es reicht nicht, eine einzige Sehenswürdigkeit anzubieten, um Touristen hierher zu locken und ein rentables Geschäft aufzubauen. Diese Eisenbahnstrecke wurde für einen völlig anderen Zweck errichtet. Diesen Zweck gibt es inzwischen nicht mehr, aber die Eisenbahnlinie gehört zu unserer Geschichte und sie hat den großen Vorteil, dass sie die erste Eisenbahnstrecke auf dem heutigen Gebiet Rumäniens ist“, sagt CFR-Mitarbeiter Adrian Istrati.

Vor Kurzem hatte auch die ehemalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags und amtierende Vorsitzende der Deutsch-Rumänischen Parlamentariergruppe, Susanne Kastner, mit einer Besuchergruppe ihres Wahlkreises eine Fahrt auf der Strecke Orawitza-Anina unternommen. Bemühungen, die Eisenbahnstrecke zu erhalten, laufen weiterhin. Die Ausschreibung zur Verpachtung der Strecke verlief jedoch bisher erfolglos und ob es im Herbst eine Feier zum 150. Jahrestag der Inbetriebnahme des gemischten Personen- und Güterverkehrs geben wird, ist vorläufig noch ungewiss. 

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