Mit der Motorsäge gegen Obstbäume

Einige Gründe für Änderungen des Verbraucherverhaltens im Früchtekonsum

Dienstag, 20. März 2012

Von den über 310.945 Hektar Obstplantagen über welche Rumänien 1990 verfügte sind 2010 noch rund 200.000 Hektar Obstanbauflächen übriggeblieben. Foto: sxc.hu

Im Bereich der Lebensmittel und sogar des Alkoholverbrauchs sind die Ausgaben der Bürger Rumäniens zwischen 2008 und 2010 zurückgegangen, verzeichnet die Statistik bezüglich des Pro-Kopf-Verbrauchs. Hingegen ist der Früchtekonsum pro Bürger in den Krisenjahren 2008-2010 gestiegen. Das Scheinparadox hat kaum etwas mit einem gesteigerten Ernährungsbewusstsein der Bevölkerung Rumäniens zu tun, sondern ist die Folge einer massiven und durch Geldmangel bewirkten Umorientierung auf billigere Nahrungsmittel. 

Trauben sind zum Essen zu teuer

Denn im Käuferbewusstsein der Bürger dieses Landes werden die Früchte instinktiv in „teure“ und „billige“ Früchte eingeteilt, stellt die Verbraucherpsychologie fest. Und der Konsum von „teuren“ Früchten – Trauben, Erdbeeren, Aprikosen und Pfirsichen, um nur auf einheimische Bezug zu nehmen – hat sich zum Teil drastisch vermindert (bei Trauben binnen zwei Jahren sogar auf 41 Prozent des Konsums von 2008), ist aber bei „nahrhafteren, vitaminreicheren und billigeren Früchten“ – Wahlnuss- und Haselnusskerne, Pflaumen, Orangen, Äpfeln – teils stark hochgeschnellt (Nüsse aßen die Bürger Rumäniens 2010 um 40 Prozent mehr als 2008). Hingegen ist der Genuss der „Sehnsuchtsfrucht der kommunistischen Zeit“, der Banane, und der Massenware jedes Sommers, der Wasser- und Zuckermelonen, mit plus 1-3 Prozent nahezu unverändert geblieben.

Konkret besagt die Verbraucherstatistik, dass 2008 der durchschnittliche Traubenkonsum pro Kopf der Bevölkerung in Rumänien monatlich bei 0,241 Kilogramm lag. 2009 kam er nur noch auf 0,188 Kilo, um 2010 auf 0,098 kg/Monatsdurchschnitt abzusacken. Das ist der genannte Rückgang um 59 Prozent. Bei Erdbeeren ging der Verbrauch um 15 Prozent von 0,054 Kilo auf monatlich durchschnittliche 0,046 Kilo zurück, bei Aprikosen und Pfirsichen um 11 Prozent, von 0,118 Kilo monatlich auf 0,105 Kilo.

An erster Stelle unter den Obstarten, die von den Bürgern Rumäniens in diesen Krisenzeiten verzehrt werden, liegen Äpfel und Birnen (2008: 0,893 Kilo/monatlich, 2010: 1,052 Kilo im Monatsdurchschnitt, ein Anstieg von 18 Prozent), an zweiter Stelle die Melonen jeder Art (die Statistik führt Wasser- und Zuckermelonen nicht getrennt) – ein Anstieg des monatlichen Durchschnittsverbrauchs von 0,582 Kilo im Jahr 2008 auf 0,599 Kilo 2010, das sind 3 Prozent Steigerung. An dritter Stelle unter den von Rumäniens Bewohnern meistgekauften Früchten befinden sich die Apfelsinen, mit einem Anstieg von 19 Prozent in den der Betrachtung zugrunde liegenden Jahren: 2008: 0,422 Kilo/Monat, 2009: 0,456 Kilo/Monat und 2010: 0,501 Kilo pro Monat.

Der 40-prozentige Verbrauchsanstieg bei Nüssen und der 33-prozentige bei Pflaumen geschah auf niedrigem quantitativem Niveau, bei Nüssen von 0,015 Kilo/monatlich im Jahr 2008 auf 0,021 Kilo im Jahr 2010, bei Pflaumen von 0,064 Kilo im Monatsdurchschnitt zu Beginn der Weltfinanzkrise auf 0,085 Kilo/Monat 2010. Die einzigen schwankenden monatlichen Durchschnittswerte –vielleicht auch wegen der unterschiedlichen Ernte des jeweiligen Jahres – gab es bei Kirschen und Weichseln: 2008: 0,39 Kilo/Monat, 2009: 0,33 Kilo/Monat und 2010: 0,42 Kilo/Monat, was letztendlich einem Verbrauchsanstieg von 8 Prozent gleichkommt.

Wes Produzenten Früchte essen wir?

Preislich sind alle Früchte gestiegen. Die Unterschiede im Preisanstieg machen die wichtigste Differenz aus und liegen der Umorientierung der Verbraucher zugrunde. Äpfel stiegen auf bis zu vier Lei das Kilo, Birnen zu 5-6 Lei oder Pfirsiche bis zu acht Lei/Kilo auf den Bauernmärkten – und das nicht einmal für Bioware (oder was man so auf den Märkten dafür anbietet, ohne handfeste und nachprüfbare Nachweise für den tatsächlich umweltschonenden Anbau und die biofreundlich schonende Behandlung der Früchte zu liefern. Dabei sind auch die Großmarktketten kaum besser. Und eher teurer.
Schaut man auf die Herkunft jener Früchte, die traditionell auch in Rumänien wachsen – immerhin sind rund 33 Prozent des Landes Hügelgegenden, mit guten bis sehr guten klimatischen Bedingungen für den Obstbau –, so muss man feststellen, dass auch in der Hochsaison sehr viele Früchte aus dem Import kommen.

Was ist mit den rumänischen Obstgärten geschehen, muss sich der interessierte Verbraucher unwillkürlich fragen, zumal der rumänische Staat in den 80er Jahren – mit einem Kredit der Internationalen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung – ein großangelegtes Obstbauprogramm abgewickelt hat, aufgrund dessen Hunderttausende Hektar Obstplantagen angelegt wurden. Obstbäume, die dann, in voller Wiederaneignungseuphorie der Zeit nach der Wende, zumeist enthusiastisch gefällt wurden, „denn das war das Weideland unserer Ahnen und Weideland soll es wieder werden“, wie es in vielen Gegenden des Banater Berglands hieß, wo man mit Äxten und Motorsägen „an die Arbeit“ ging. Sicher schimpfen jetzt viele wegen der oft gepfefferten Preise der einheimischen Früchte bzw. der Früchte, die gut und gern auch auf einheimischen Plantagen wachsen könnten, sie erinnern sich aber ungern jener (und ähnlicher) Zerstörungen. Aber die Hauptursache der Tatsache, dass Bananen und Orangen billiger sind als einheimische Äpfel (oder sogar zeitweise als Äpfel, die aus Chile importiert werden), ist in jener zwar menschlich verständlichen Frustration zu suchen, die sich in zerstörerischer Wut äußerte. Damals wurden auch die Obstbauingenieure überall von den Plantagen verjagt und man nahm sich auf diese Weise die Wissensressourcen für einen modernen Obstbau. Ganz wenige Ausnahmen, etwa in Voineşti/Argeş, sind bekannt.

Die Plantagenzerstörung geht weiter

Nach wie vor, so behaupten die rumänischen Medien, werden unverändert Tausende Hektar Obstplantagen und Baumschulen vernichtet oder man lässt sie vergammeln. Dazu sind auch Statistiken aufgestellt worden, die nachrechnen, wie viele Hektar Obstplantagen in den vergangenen zwanzig Jahren in jedem Verwaltungskreis vernichtet worden sind, „verschwanden“, wie es im gängigen Sprachgebrauch heißt. 
1990 verfügte Rumänien über 310.945 Hektar Obstplantagen, zum größten Teil Intensivpflanzungen, die gerade im bestfruchtenden Alter waren. 2010 verfügte Rumänien noch über rund 200.000 Hektar Obstbauflächen – nahezu ein Viertel davon mittels EU-Geldern neuangelegte Plantagen. 113.329 Hektar Obstplantagen sind „verschwunden“.

Die größten mit Obst bepflanzten Flächen verschwanden in den Verwaltungskreisen Bihor, Vâlcea, Argeş, Prahova, Olt und Gorj: jeweils zwischen 5500 und 8000 Hektar. Zwar waren das auch die am intensivsten für den Obstbau genutzten Gegenden des Karpatenvorlands, aber in den sechs Kreisen verschwand etwa zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Obstbauplantagen. Es folgt die größte Gruppe, die Verwaltungskreise, wo zwischen 2000 und 5200 Hektar ausgestockt wurden: Vaslui, Hunedoara, Dolj, Bistritz-Nassod, Klausenburg, Jassy, Karasch-Severin, Sălaj, Buzău, Mehedinţi, Sathmar, Suceava, Dâmboviţa, Arad und die Maramarosch. Zwischen 1200 und 2000 Hektar Obstplantagen „verschwanden“ in den Verwaltungskreisen Botoşani, Neamţ, Bacău, Mureş, Konstanza, Alba, Vrancea, Teleorman, Ialomiţa und Kronstadt und zwischen 150 und bis zu 860 Hektar u. a. in Tulcea, Brăila, Covasna, Harghita, Hermannstadt und Temesch. 
Für den Großraum Bukarest liegen keine Daten über Obstbau vor.

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