Mit Fetzen und Faden dargestellt

Lilian Theil (81) näht ihre Gedanken und Meinungen zu Bildern und hat noch viel vor

Montag, 01. April 2013

Die Zeit des Kommunismus, aus Fetzen dargestellt.

Was bedeutet „anständig“, fragte sich die Künstlerin.

So sieht Lilian Theil die Unterschiede zwischen Rumänien und Westeuropa.

Lilian Theil erläutert, wie ihre Collagen entstehen.
Fotos: Hannelore Baier

Derjenige, der einen Begriff oder eine Bezeichnung findet, kriegt eine Prämie! Lilian Theil lacht, als ich nicht weiß, wie ihre „Werke“ zu benennen. Collagen? Bilder aus Fetzen? Quilts, die in den USA bekannten und beliebten gesteppten Artikel, sind es nicht. Stoffgemälde? Genähte Impressionen? Sie weiß selber nicht, wie die rund einen Quadratmeter großen Textilien genannt werden könnten. „Mir kommt es zu allererst auf die Mitteilung meiner Gedanken und Erfahrungen an, und das lässt sich durch Worte, Pinsel und Farbe, Lieder und Texte und sogar mittels Fetzen, Nadel und Zwirn tun.“ So hat sie ihre Tätigkeit begründet.

Ihre Gedanken auf solch originelle Art mitzuteilen, hat Lilian Theil zwei Wochen nach der Revolution von Dezember 1989 begonnen. Warum erst dann, da sie doch Jahrgang 1932 ist? Eine fundamentale Voraussetzung für die Kreativität sei die Atmosphäre der Freiheit, sagt sie. Unter der Unfreiheit habe sie nicht sonderlich gelitten, erst das Bewusstsein der Freiheit aber hat Kräfte aktiviert und sie künstlerisch tätig werden lassen. Ihre „Bilder“ waren mittlerweile in Ausstellungen in Heidelberg und München, Bukarest, Kronstadt/Braşov und Schäßburg/Sighişoara zu sehen.

Großen Anklang finden sie bei Amerikanern, die nicht nur Bestellungen machen, sondern sie auch nach New York eingeladen haben. Hingeflogen ist sie nicht, weil es zu teuer und kompliziert war, in ihrem Alter eine entsprechende Reisekrankenversicherung abzuschließen. In den USA ließ sie jedoch 20 Exemplare von „Ein Bilderbuch für Greise“ drucken, die sie im engsten Freundes- und Bekanntenkreis verschenkte.

Darin sind 27 ihrer Werke vereint, begleitet von Dialogen in deutscher Sprache und rumänischer Übersetzung zwischen Josefine und Josef. Mit dem Neurologen Josef Theil ist sie seit 1957 verheiratet. Wer die Texte liest, versteht erst richtig, was die „Fetzenbilder“ darstellen und ausdrücken. Der Nachdruck des Albums steht nun auch auf der Liste der Bücher, die heuer aus Mitteln des Deutschen Forums publiziert werden sollen.

Das Layout des Albums hat Fritz Schiel, „von der Fabrik Schiel aus Kronstadt“ (so Lilian Theil) gesichert. Kronstadt ist ihre Heimatstadt. Ihr Vater, Alexandru Obregia, war Mathematiker, der Großvater mit demselben Namen der berühmte Psychiater, nach dem das Krankenhaus, aber auch ein Boulevard in Bukarest benannt worden sind. Auch mütterlicherseits gibt es in der Familie viele bekannte sächsische Persönlichkeiten.

Dieser „bourgoisen“ Herkunft hatte sie es zu verdanken, dass sie den einzigen, einem Sprössling aus einer Intellektuellen-Familie zustehenden Platz an der Nicolae-Grigorescu-Kunsthochschule in Bukarest durch Aufnahmeprüfung belegen konnte, nach einem Jahr aber exmatrikuliert worden ist. Sie hätte sich nach drei Jahren erneut einschreiben können, tat es aber nicht. Statt dessen begann sie, Medizin zu studieren. „Es war schrecklich“, sagt sie. Riesengroße Tafeln voller Formeln musste sie in Chemie lernen.

Nach zwei Jahren brach sie trotz bestandener Prüfungen ab. „Ich wäre nie fähig gewesen, die Verantwortung für einen Schwerkranken zu tragen, dazu hätte ich die Kraft nicht gehabt,“ meint Lilian Theil. Was die Unfreiheit im Kommunismus angeht: Die „bürgerliche“ Familie wurde 1952 aus Kronstadt zwangsevakuiert.   

Geschichte dargestellt

Bedrückt hat sie in den letzten Jahren des Kommunismus die Erstarrung, unter der alle gelebt haben. Das 20. Jahrhundert stellt sie am Anfang des Albums anhand von drei Bildern dar: zunächst die „blutrünstige“ faschistische und kommunistische Diktatur in grellen Farben und dann die letzten Jahre im Kommunismus in Grau-, Blau- und Lilatönen, mit Ceauşescus „Palatul Poporului“ darauf. Das dritte Bild veranschaulicht die Diktatur des Konsums, in der wir heute leben, gefangen in den Tentakeln von Gedanken an Häuser, Autos, Hunde. Die neuen Heiligen, als Ikonen dargestellt, sind der Fußballspieler, der (durch Medien hochgepuschte) „Superstar“ und die Meinungsmacher-Medien.

In ihre Collagen fließen die Erfahrungen und Ereignisse der Geschichte ein: die Deportation der Rumäniendeutschen 1945 in die Sowjetunion und die Jahre des Kommunismus mit Hungersnot, Partisanenkämpfen, Verhaftungen, Zwangsverschickung in den Bărăgan, politischen Prozessen, Zwangsarbeit, Industrialisierung, Auswanderung, usw. – und dem Auge und Ohr der Securitate.

Genäht hat Lilian Theil sodann den Unterschied zwischen der Lebenseinstellung in Rumänien und Westeuropa: Vorne geht ein Mann mit Ziehharmonika, dem einen tut der Kopf weh, der hat Krankenurlaub, ein anderer ist fröhlich, die Häuser stehen alle schief, wohingegen im Westen mit Blaskapelle marschiert wird, die Köpfe der Menschen sind in Arbeit nach unten gesenkt, die Häuser stehen gerade, in Reih und Glied. Den Amerikanern, denen sie dieses Bild zeigt, stellt die Künstlerin die Frage, wo sie lieber leben wollen. „Alle würden es vorziehen, bei uns zu leben“, sagt sie.

Fasziniert haben Lilian Theil die Rockkonzerte, in denen die jungen Leute ihre Aggressionen äußern. Gedanken macht sie, „die Greisin“, sich darüber, weshalb die alten Leute so viel an ihre Kindheit denken (im Bild „Letztes Spiel“). Das hat sie bei der Großmutter und dann der Mutter erlebt und nun geschieht es ihr. Es liege am Kurz- und dem Langzeitgedächtnis, aber auch an der – uneingestandenen – Angst vor dem Tod, sagt Lilian Theil. Sorglos mit dem Ball spielen können die Kinder und die Greise, sie leben geschützt und ohne Verantwortung, können das sein, was sie sind. In der Lebensmitte aber muss man sich Mustern der Gesellschaft unterwerfen, diese Periode gehört uns nicht ganz. Wenn diese Mitte vorüber ist, sind wir wieder wir, wir knüpfen an das durch die Anpassung Verschüttete aus der Kindheit an. 

In der Nacht um 3 Uhr wache sie auf und denke über die Dinge nach, sagt die Künstlerin. In Anlehnung an Hannah Arendts Banalität des Bösen kam sie zum Schluss, dass das Böse nicht so sehr von bösen als vielmehr von dummen Menschen komme, von jenen, die nicht selber denken. Das hat sie zu nähen versucht, ist mit der Darstellung aber nicht zufrieden. Die paar Bösen, Hitler und Stalin zum Beispiel, die sind überdimensioniert, aufgeblasen. Aber es gab und gibt Millionen, die mitgemacht haben und mitmachen. Die jungen Menschen, die beglückt in den Krieg gehen, ohne einen Moment zu überlegen, dass das der größte Unsinn ist. Fragt man die Leute heute, warum sie in den Krieg gezogen sind, lautet die Antwort: Wir wussten ja nicht ... In 50 Jahren wird man die Leute fragen, warum sie die Erde kaputt gemacht haben, und sie werden ebenfalls sagen, wir wussten ja nicht ... Obwohl doch davor täglich gewarnt wird.

Die Gesellschaft

Ungern zeigt Lilian Theil eine Meditation über die Gesellschaftstruktur, diesmal zum Begriff „anständig“. Einer ihrer Onkel war General, „ein sehr anständiger Mensch“, erzählt sie. Von ihm habe sie einen Stoß Manuskripte geerbt, er beschäftigte sich damit, wie man bei einer Schlacht möglichst viele Menschen tötet. Das war sein Beruf. Generäle, Könige, Wissenschaftler, Mafia, Banker gehören zu der „oberen“ Schicht, in der es unmöglich ist, nicht zu lügen, zu betrügen, zu morden. „Als Wissenschaftler musst du mit der Idee einer Atomexplosion zum Beispiel schlafen können“, sagt sie.

Darunter befinden sich die Politiker. Sie sind abhängig von der Macht und müssen die Verbindung herstellen zwischen der Schicht oben und jener darunter, weswegen sie auch als Janus-Kopf dargestellt sind. Die unterste Schicht sind die Armen. Wenn die nicht stehlen, können sie nicht überleben. Am Leben und Überleben werden alle von der Mittelschicht gehalten, jenen, die arbeiten und ihre Steuern bezahlen. Bei den beiden unteren Schichten aber schaltet die Gesellschaft die sehr Guten und die sehr Bösen aus, es bleiben nur die Mittelmäßigen. In jeder dieser Schichten gelten eigene Regeln und Gesetzmäßigkeiten.

Die Wissenschaft hat unzählige Opfer zu beklagen – aber ohne diese würde es den Fortschritt nicht geben. „Ich denke nicht, dass man auf anständige Weise etwas Großes, Bahnbrechendes machen kann“, stellt Lilian Theil fest.

„Anständig“ sei offensichtlich an den Stand –  die Schicht oder Kaste in Indien – gebunden, der man angehört, und weniger an den Anstand. Anständig ist jemand, der innerhalb seines Standes die Regeln nicht bricht, selbst wenn er dabei Verbrechen begeht. Die Leute, denen sie dieses Bild zeigt, seien zunächst entrüstet. Dann aber schreiben sie ihr, dass sie recht habe, sagte die Künstlerin.

Bereits fünfmal nachmachen musste Lilian Theil „Abschied“: Dargestellt ist ein Dorf, dessen Häuser und Kirche Risse aufweisen, vor einem der Häuser sitzt eine schwarzgekleidete alte allein gebliebene Frau, gebeugt und mit Gepäckstücken in Händen schreiten Personen zum Dorf hinaus. „Wenn ich diese Collage nochmal  nähen soll, wird sie anders. Da werden neue Leute zu sehen sein, die kommen. In einige Dörfer wandern Interessengruppen ein, das muss ich auch reinbringen,“ sagt Theil.

Wie ein solches „Bild“ entsteht? Zuerst wird überlegt. Dann schneidet sie die Figuren aus Papier aus, legt sie aus, denkt nach, kombiniert. Genäht wird alles mit der Hand. An einer Collage arbeitet sie zwei bis drei Monate lang täglich mehrere Stunden. Die Materialien werden nicht gekauft – nur ab und zu, wenn ein größeres Stück von derselben Farbe benötigt wird – sondern sie verwertet Fetzen oder Dinge, die ansonsten weggeworfen würden.

„Dort, der Himmel, das war eine Bluse von Marlies,“ zeigt sie. Einmal bemerkte die Künstlerin, dass die Bluse ihrer Freundin Tutzi (Gertrud Fernengel) jene Farbe hat, die in eine Collage passt. „Tutzi hat die Bluse ausgezogen und ist im Büstenhalter nach Hause gegangen. Ich habe ihr gesagt, ich könne bis morgen warten, es muss nicht sofort geschehen, aber sie hat die Bluse gleich da gelassen“, erzählt Lilian Theil.

Die Künstlerin ist 81 Jahre alt, kann aber nicht tatenlos herumsitzen. Ihr neuestes Vorhaben ist, im Keller des Hauses am Halsbrunnen, in dem die beiden Söhne unzählige Partys gefeiert haben und nachher die Nachbarschaft, als sie Nachbarmutter war, eine Deko-Art-Galerie einzurichten. Alles, was Menschen aus Altem machen, wo alte Sachen aufgebraucht werden, soll hier ausgestellt werden. Ihre Collagen selbstverständlich auch – und mit diesen gibt es das größte Problem, da sie nicht weiß, wie die Beleuchtung dafür am besten einzurichten sei. „Ob es gelingen wird, weiß ich nicht, aber ich versuch es“, meint sie.

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