Mitten im zügellos tobenden Kapitalismus/ In der Banater Metropole kreist die Abrissbirne

Eine macht- und ideenlose Stadtverwaltung sieht dem Schwund der Temeswarer Industriegeschichte zu

Mittwoch, 13. Juli 2016

Die „Guban”-Werke werden derzeit abgerissen, ein weit über die Stadtgrenzen hinaus bekanntes Temeswarer Industriesymbol wird nun Geschichte.

2014-2015 ließ der Einzelhändler Kaufland die alte Sockenfabrik in der Fabrikstadt zu einem Supermarkt umbauen. Dabei wurde der Großteil der Gebäude abgerissen, doch ein Teil des Verwaltungsbaus und ein Portal sind erhalten geblieben und wurden in den Neubau integriert. So lautete die Auflage der Kulturdirektion des Kreises Temesch.

Der Reihe nach sind sie gefallen, die Fabriken Alt-Temeswars. Am Anfang wichen einige Werkhallen der kommunistischen Epoche; die Molkerei an der Gheorghe-Lazăr-Straße  (1999), als dort ein Billa-Supermarkt entstand. Kurz darauf die gegenüberliegende städtische Großbäckerei, ersetzt mit einem Kaufland-Supermarkt. In der Zwischenzeit wurden andere Fabriken dem Verfall überlassen, früher staatliche Kolosse mit Tausenden von Arbeitern: die ILSA, zum Beispiel, aber auch die Sockenfabrik in der Fabrikstadt, die Dermatina an der Schager Straße, die Zigarettenfabrik, die Schuhfabriken „Modern” und „Banatul”, die traditionsreichen „Guban”-Werke, die landesweit bekannte „Kandia”-Süßwarenfabrik. Die  verschwand 2015. Vor mehr als einem Jahrzehnt wurde die Produktion nach Bukarest verlagert; allein der Traditionsname besteht noch, geklebt auf Schokolade, die anderswo hergestellt wird und nach billiger Massenproduktion schmeckt.

Anfang 2016 wurde die „Banatul”-Schuhfabrik abgerissen, ehemals die „Turul Cipögyár Zrt.”, die 1901 gebaute größte Schuhfabrik Südosteuropas; 2014 war die alte Ocsko-Teresia-Sockenfabrik in der Fabrikstadt an der Reihe. Der Einzelhändler Kaufland musste jedoch einen Teil der Fabrik sanieren und in das Konzept des Supermarkts integrieren. Ein kleines Stück Industriegeschichte konnte gerettet werden: ein Teil der Fassade. Die ehemaligen Filetstücke der Temeswarer Industrie bleiben jedoch nur auf Fotos und in Büchern erhalten, denn von der „Banatul” gibt es keinen Ziegel mehr, genauso wie von der „Solventul” in der Josefstadt, deren Anlagen teilweise aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammten.

Und gerade in diesen Tagen werden die großen Hallen der „Guban”-Werke abgerissen. Sie gehören mitsamt Grundstück einer Bukarester GmbH. Vermutet werden Pläne zur Errichtung von Wohn- und/oder Büroimmobilien. Dabei wird bei „Guban” noch produziert, in einem engen Raum im Erdgeschoss des ehemaligen Verwaltungsbaus, wo auch noch ein Präsentierladen besteht. Eine Traditionsmarke im Todeskampf. Denn auf Anfrage bei den Vertretern der gegenwärtigen Eigentümer heißt es, dass die Mieten für Verkaufsflächen in den neuen Shopping Malls Rumäniens zu teuer sind, so dass eine Ladenkette in den gefragtesten Handelslagen im Land nicht mehr in Frage kommt, obwohl noch einzelne Händler in verschiedenen Städten weiterhin Guban-Schuhe im Angebot führen.

Geopfert wurden die ehemaligen Vorzeigefabriken auf dem Altar der postrevolutionären Wirtschaftsreformen, der inzwischen fast vergessenen Privatisierungen der Spätneunziger und des Anfangs der 2000-er Jahre, als das Staatseigentum vielenorts unter dubiosen Bedingungen verscherbelt wurde. Nur wenige der damals verkauften Betriebe gibt es noch heute, in den meisten Fällen wurden sie heruntergewirtschaftet und die wertvollsten Aktiva - Gebäude und Grundstücke - weiter verkauft. Einkaufszentren, Wohnhäuser, Bürogebäude stehen heute dort, wo früher die Arbeiterklasse das kommunistische Himmel auf Erden schaffen sollte.

Man verstehe nicht falsch: Dass nun verwahrloste, ja zugemüllte ehemalige Werkhallen abgerissen und die frei gewordenen Grundstücke neu bebaut werden, entsprechend der Nachfrage der heutigen wirtschaftlichen Entwicklung, ist begrüßenswert. Ein Trend, der wohl auf die für den Kapitalismus kennzeichnende schöpferische Zerstörung im Sinne Joseph Schumpeters zurückzuführen ist. Und der durchaus positive Effekte zeitigen kann.

Es ging und geht in Temeswar aber wild zu. Fast ohne staatliche Kontrolle und staatlichen Einfluss. Gemeint sind Einfluss und Kontrolle der Kommunalbehörden, der Abteilungen für Raumordnung und Stadtplanung im Temeswarer Rathaus, die dieses eindeutig unumkehrbare Phänomen in gelenkte Bahnen bringen müssten. Denn dort, wo früher riesige Werkhallen standen, können morgen 15-Stock-hohe Wohnhäuser entstehen. Die Straßen sind zu eng, es mangelt an Parkplätzen, an Grünflächen, es fehlen Anschlüsse an den Nahverkehr. Dafür aber benötigt man gute Fachleute, Stadtplaner, die mittel- und langfristig denken und die zahlreichen privaten Initiativen aufeinander und auf das Allgemeinwohl abstimmen können. Abstimmen müssen.

Gesetzliche Mittel gibt es, aber die Stadtverwaltung ist und bleibt allzu schüchtern. Man freut sich über Investitionen, über neue Malls, neue Bürohäuser, neue Wohnbauten. Man stellt den Investoren keine Bedingungen. In Westeuropa Übliches dürfte hierzulande als Korruption interpretiert werden, wobei im Grunde nur bestehende Gesetze anzuwenden wären. Auch dann, wenn es darum geht, wenigstens einen Teil der Industriegeschichte dieser Stadt vor dem endgültigen Verfall zu retten. Denn in Temeswar setzte die Industrialisierung nicht erst mit der Verstaatlichung der Produktionsmittel 1948 ein. Die Banater Metropole war für rumänische und südosteuropäische Verhältnisse ein wahres Industriezentrum, mit zahlreichen mittelständischen Betrieben, deren Produkte weit über die Landesgrenzen bekannt und gefragt waren.

Man blättere bloß in einer Temeswar-Monographie aus dem Jahre 1969, herausgegeben vom damaligen Volksrat aus Anlass des angeblichen 700-jährigen Stadtjubiläums. Von den damals wichtigen Unternehmen im Maschinenbau und der Metallverarbeitung, die das Buch aufzählt, nämlich „Uzinele Mecanice Timișoara” (UMT), „Electromotor”, ELBA, „Tehnometal”, „6 Martie” und „Ambalajul Metalic”, hat nur ELBA überlebt, und zwar mit großem Erfolg. UMT ist pleite, die anderen sind längst verschwunden. In der Chemie: Der Farben- und Lackhersteller „Azur” besteht, „Solventul” ist eine Erinnerung, auf dem „Dermatina”-Gelände steht die frische Timi{oara Shopping City.

Ebenso bitter ist die Bilanz der Textilindustrie: Mehr als ein Jahrzehnt lag das ILSA-Gelände brach, erst heuer soll zwischen Take-Ionescu-Boulevard und Bega ein neues Viertel entstehen, nachdem der ehemalige Eigentümer Ovidiu Tender ins Gefängnis kam und seine Baupläne in den Müll. Auf dem Gelände der Strumpffabrik steht eine Kaufland-Filiale, die „Uzinele Textile Timisoara” gibt es noch, von der Riesenfabrik „1 Iunie”, die Kinderbekleidung produzierte, sind nur noch abrissreife Hallen da. Und bloß in der Erinnerung einiger Alt-Temeswarer lebt die Hutfabrik weiter. Heute gibt es eine Disko dort, wo 1969 740 Arbeiter Hüte aller Art herstellten. Für den kapitalistischen Westen. Dem Erdboden gleich gemacht wurde auch die „Bega”-Konfektionsfabrik, fünf hochmoderne Bürohäuser beherbergen heute mehrere internationale Großkonzerne. Das Schicksal der erwähnten „Guban”-Werke ereilte die Schuhfabriken „Banatul” und „Modern” schon längst. Eine Shopping Mall sollte auf dem „Modern”-Gelände entstehen, inzwischen reift auf dem Grundstück ein junger Wald heran.

Und die Lebensmittelindustrie? Das Schlachthaus steht noch, aber die Zukunft des 1904 - 1905 errichteten Jugendstil-Gebäudes ist mehr als ungewiss. Anstelle der „Fructus”-Fabrik für Gemüse- und Obstkonserven steht das Hochhaus einer italienischen Investorengruppe und die Zuckerfabrik im Stadtteil Freidorf ist nur noch ein Schrotthaufen. Leer steht das denkmalgeschützte Gebäude der 1846 gegründeten Zigarettenfabrik in der Josefstadt. Irgendwann, Ende der 1990-er, sind dort die letzten Glimmstängel hergestellt worden.

Eindeutig: Ein Vierteljahrhundert und eine langwierige Transformation haben die Temeswarer Wirtschaft vollständig und unumkehrbar geändert. Und damit auch das Stadtbild. Der kommunistischen Planwirtschaft ist nicht nachzutrauern. Zu kritisieren ist aber die falsche Strategie, genauer: die nicht-existierende Strategie der Stadt, den wirtschaftlichen Strukturwandel aktiv zu begleiten. Und dadurch einen zügellos tobenden Kapitalismus einzudämmen. Seine Missstände zu korrigieren, die Lebenswertigkeit der Stadt zu fördern und zu erhöhen.

 

Kommentare zu diesem Artikel

johann, 20.07 2016, 00:45
1, Kommunen koennen den wilden Kapitalismus nicht eindaemmen, Sie koennen ihm im besten Fall ein freundlicheres Antlitz , Maske, Fassade ,siehe Sockenfabrik, verpassen.Die Aussage , dass die Stadt Die Fassadenerhaltung zur Baubedingung gemacht hat ist doch laecherlich. Kaufland und Co bekommt alles, was sie wollen. Fabriken, Stadien .Verkehrsfluesse werden dem Expansionshunger geopfert. Hier ist die Landespolitik gefordert. Vielleicht hilft der Brexit.
2. Kommunen koennten die " Kauflandesierung " und 'Lidlesierung* ( gehoeren zusammen ) stoppen ( gefaehrliche Anhaeufung von Marktmacht ), Entwicklungen, die paradoxerweise von erschlichenen oeffenlichen Mittel ( IFC - Weltbank ) stammen.
3. Handlanger, Schreibtischtaeter und Steigbuegelhalter lassen grueßen.
Radu, 14.07 2016, 22:04
Exzellente Analyse !

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