Moderne Kunst und Architektur im Wien der Jahrhundertwende 1900

Zum 100. Todestag von Gustav Klimt (III. Teil)

Mittwoch, 02. Mai 2018

1902 schuf Klimt aus Anlass der 14. Secessions-Ausstellung für den linken Seitensaal des Wiener Secessionsgebäudes (mit der Beethovenstatue Klingers) den Beethovenfries. Die Auseinandersetzungen, die darüber in der Presse geführt wurden, dokumentierte Hermann Bahr, Freund und Verfechter Klimts, im Buch Gegen Klimt, das Ende 1902 erschien und Zeitungsausschnitte zu Klimts Werk versammelte. 1903 zeigte die Secession 80 Werke Klimts.

            Mit Josef Hoffmann und Koloman Moser, den Gründern der Wiener Werkstätte, verband Klimt enge Freundschaft. 1904 wurde Josef Hoffmann mit dem Entwurf eines Stadtpalais für den belgischen Großindustriellen Adolphe Stoclet in Brüssel betraut; das Gebäude ist als Palais Stoclet in die Kunstgeschichte eingegangen und wurde 1911 beendet. Gustav Klimt wurde von Fritz Wärndorfer, Wiener Werkstätte, mit dem Entwurf für den Fries (sog. Stoclet-Fries) für den Speisesaal des Palais beauftragt.

            Die dominierenden Elemente des sogenannten Stoclet-Frieses sind die abstrakte Darstellung eines Ritters sowie zwei allegorische Figuren, die „Ewartung“ (eine einzelne Tänzerin) und die „Erfüllung“ (ein Paar ähnlich der berühmten „Umarmung“ des Beethovenfrieses). Im Vergleich zum Kuss ist nun das Paar gänzlich sich selbst überlassen, die Differenzierung ist aufgegeben, und die beiden Geschlechter werden in einer Figur symbolisiert. Der Mensch wird zum kunsthandwerklich-architektonischen Objekt, die Herrschaft des Menschen über die Natur ist in die Herrschaft der Dinge über den Menschen umgeschlagen (https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Kuss_(Klimt) - cite_note-6).

            Was Klimts „Lebensbaum” betrifft, ist zunächst einmal die beinahe hypnotische Wirkung zu erwähnen, die von den spiralförmig zusammengerollten Ästen ausgeht und den Eindruck erweckt, der Baum blicke uns aus zahllosen Augen an. Bei näherem Hinsehen hat Klimt auch tatsächlich Darstellungen von Augen in den Baum eingearbeitet: eher abstrakt in schwarzweißen Farbflächen des Stammes, konkreter und in ägyptisch anmutender Formgebung (Horusaugen) auf den schaufelförmigen Blättern des Baums. Die Anlehnung an die Kunst der altägyptischen Zeit lässt auch der schwarze Horusfalke im Geäst des Baumes erkennen. Klimt setzte sich zur Entstehungszeit des Bildes auch in anderer Weise mit altägyptischer Kunst auseinander, hier dürften diese Motive in erster Linie dazu dienen, die übermächtige Ewigkeitsvorstellung der ägyptischen Kultur hereinzuzitieren und den Baum damit ins Zeitlose zu heben.

Aber auch ohne solch „sprechendes“ Zierwerk übermittelt Klimts „Lebensbaum” schon durch seine bloße Gestaltung eine unübersehbare Aussage: Alles Leben ist Teil eines übergeordneten Ganzen.

Klimt verzichtet auf jede Sinngebung: Der „Lebensbaum” ist wuchernder Schmuck, sein Ornament füllt lediglich die Leere – mit keiner anderen Legitimation als der seiner unabweisbaren Schönheit. Anders als in den geschichtsphilosophischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts ist Leben hier nichts Zielgerichtetes, es gibt keinen „Sinn der Geschichte“: Die betonte Flächigkeit des Baums setzt hierarchische Vorstellungen außer Kraft. Nach einer „Krone der Schöpfung“ wird man in Klimts „Lebensbaum” ebenso vergebens suchen wie nach „niederen Lebensformen“. Alles Beseelte ist gleichberechtigt Teil dieses auf wunderschöne Weise sinnlosen Ornaments namens Leben (https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Kuss_(Klimt) - cite_note-6).

1905 trat Klimt mit einer Gruppe von Künstlern aus der Secession aus, weil ihm einige Malerkollegen einen zu „naturalistischen“ Stil verfolgten. Klimts Bilder wurden aus dem Secessionsgebäude entfernt. Noch im selben Jahr wurde Klimt Mitglied im Deutschen Künstlerbund.

(Schluss)

 

 


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