Moderne Kunst und Architektur im Wien der Jahrhundertwende 1900 – Zum 100. Todestag von Gustav Klimt

Mittwoch, 18. April 2018

Einführende Bemerkungen

Die Reichshaupt- und Residenzstadt des österreichischen Kaiserreichs, wie Wien bezeichnet wurde, war um 1900 die viertgrößte Stadt Europas. Auch gilt Wien als kultureller Mittelpunkt der Habsburgermonarchie mit seinen Theatern, Konzertsälen, Künstlerateliers, Buchverlagen, Presseorganen und der berühmten Universität. Die Sonderstellung in der zeitgenössischen Kultur erhält Wien durch seinen sozialpolitischen Standort und durch die vorherrschenden Verhältnisse, die die Österreichisch-Ungarische Monarchie charakterisieren. Unter Kaiser Franz Joseph (1848 – 1916) wurde die österreichische Hauptstadt zum Mittelpunkt der Donaumonarchie und gewinnt an internationaler Beachtung.

            Die Wiener Moderne bezeichnet das Kulturleben in der österreichischen Hauptstadt um die Jahrhundertwende (von etwa 1890 bis 1910). Dieser Begriff suggeriert den entscheidenden Bruch mit den Erfahrungen der vorausgegangenen Epochen ebenso wie das Bewusstsein eines Neubeginns. Man versteht darunter eine Gruppe österreichischer Schriftsteller (Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus, Richard Beer-Hofmann, Leopold Andrian und Peter Altenberg), Künstler (Gustav Klimt, Egon Schiele, Koloman Moser), Philosophen (Ernst Mach), Kritiker (Hermann Bahr), Komponisten (Arnold Schönberg, Gustav Mahler) und den Begründer der Psychoanalyse (Sigmund Freud), die Wien im Zeitraum 1890 – 1910 zu einem wichtigen Zentrum der deutschsprachigen Literatur und Kunst werden lassen.

Die Wiener Moderne lehnt den Naturalismus ab und mündet in den Expressio­nismus.

In der Forschungsliteratur ist die Tatsache unbestritten, dass das Wien der Jahrhundertwende ein kreatives Milieu darstellt, welches die Entwicklung von neuen Ideen begünstigt hat.

 

Gustav Klimt

Der Maler Gustav Klimt (14. Juli1862 in Baumgarten bei Wien – 06. Februar 1918 Wien) war einer der bekanntesten Vertreter des Wiener Jugendstils und Gründungspräsident der Wiener Secession.

            Klimt trug eine ikonographische Kleidung, den sogenannten Klimt-Kittel. Der, so wurde gemutmaßt, würde seinem Bauch ausreichend Platz lassen bei den ausufernden Mahlzeiten, der habe keinen Gürtel, den man weiter schnallen muss. So einen Kittel (er nannte ihn „Reformkleid“) trug er, weil er wohl ein wenig esoterisch war und über ursprüngliche Kleidung den Weg zur Natur suchte. Der Name kann auch als eine Anspielung auf die englische Reformbewegung Arts and Crafts um Willian Morris und John Ruskin gedeutet werden.1907–1908 entstand Klimts berühmtestes Gemälde, Der Kuss. Es wurde in der Kunstschau Wien 1908 gezeigt und vom k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht sofort angekauft.

Das Werk gehört in eine Phase von Klimts Schaffen, welche die „Goldene Periode“ genannt wird, weil der Künstler in dieser Zeit besonders ausgeprägt von Goldfarben Gebrauch machte. Die Popularität der Bilder jener Zeit mag mit der Verwendung der Goldbronze zusammenhängen. Diese ruft magische, religiöse Assoziationen hervor.

Kunstgeschichtlich fällt das Werk in die Zeit des Jugendstils, der in Österreich durch die Wiener Secession eine besondere Prägung gefunden hatte, die maßgeblich von Klimt beeinflusst war. Dessen kunsthandwerkliche Ausbildung fand Eingang in die Stilelemente der dekorativen Malerei, Natursymbole, schmückende Linien, florale und geometrische Formen wurden zum eigenständigen Ausdruck und richteten sich gegen die als starr empfundene historisierende Kunstauffassung.

Verglichen mit seiner Popularität hat dieses Gemälde zwar viele Spekulationen hervorgerufen, doch verhältnismäßig wenig eigenständige Rezeption in der Kunstgeschichte gefunden. Die Vorstellung, dass das Paar Klimt selbst und seine Lebensgefährtin Emilie Flöge verkörpere, wird insbesondere durch den Roman Der gemalte Kuss (2005) von Elizabeth Hickley transportiert, auch wenn die Autorin letztendlich darstellt, dass es sich bei dem Bildnis um eine Allegorie der Liebe handelt.

Der Kuss wird jedoch in vielgestaltigen Auseinandersetzungen, Beschreibungen und Essays zum Wiener Jugendstil im Allgemeinen, zu Klimts Idealismus, seiner ornamentischen Arbeit und seinem Frauenbild im Besonderen herangezogen. In den Jahren ab 1907, die biografisch als Klimts Reifezeit gesehen werden, entstehen zudem eine Vielzahl von Frauenbildnissen mit der ihm eigenen Prägung: „vibrierende raffinierte Sinnlichkeit wird in die unerbittliche Strenge eines feierlichen Flächstils gebändigt“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Kuss_(Klimt) - cite_note-3). So strahlt dieses Bild vordergründig mit der dargestellten Sinnlichkeit, umfangen von den vorherrschenden Goldtönen, die Glorifizierung der Liebe von Mann und Frau aus. Das Paar scheint verschmolzen und ist von göttlichem Glanz umgeben, der durch seine spiralhafte Bearbeitung Unendlichkeit andeutet: die Liebe ist unvergänglich. Die Spannung in der Darstellung entsteht durch den Widerspruch: Ihre Verschmelzung findet vor einem Abgrund statt, der die Endlichkeit allen Seins darstellen könnte. 

(Fortsetzung folgt)

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