Moderne Kunst und Architektur im Wien der Jahrhundertwende 1900

Zum 100. Todestag von Gustav Klimt (II. Teil)

Dienstag, 24. April 2018

Gustav Klimt

Der Kulturwissenschaftler Jost Hermand  hat in seinen  Studien zur Jahrhundertwende  (des 19. zum 20. Jahrhundert) die Grundidee des Motivs dergestalt beschrieben, dass sich die Kostbarkeit und der glanzvolle Schein, der von dem Gold ausgeht, auf das Engste mit dem Inhalt des Bildes verbindet und die beiden ineinander versunkenen Menschen in einer goldenen Aura entrückt, vereinigt und von der Umwelt abgeschieden werden. Hier würde, ganz im Sinne der Ideologie des Jugendstils, das Paar in einem „ganzheitlichen Erlebnisakt“ geschildert.  Den sinnlichen Aspekt aufgreifend hat der Kunsthistoriker Werner Hofmann festgestellt, Klimt habe die uralte Spannung zwischen Mann und Weib den Körpern entzogen und in die Ornamente ihrer Gewänder verlagert, in dem Gegensatz rechteckiger und runder Muster werden Trieb und Verlangen so „zu einem ornamentalen Kontrastprogramm verschlüsselt“.

In seiner Interpretation des Bildes nimmt der Kunsthistoriker und Universalgelehrte Gottfried Fliedl die Gedanken von Hermand und Hofmann auf und stellt fest, dass in Klimts Paardarstellungen kaum der „kommunikative Aspekt der Liebe“ Berücksichtigung findet. Seine Paare sind nicht durch gestische Aktivität miteinander verbunden, sondern entstehen in einer Ambivalenz, die einerseits das Glück der erotischen Vereinigung beschwört, andererseits sowohl die Identität der Personen auflöst und die Geschlechter durch die Ornamentik in Frage stellt. Fliedl stellt dabei das Gemälde Der Kuss in eine Entwicklungsreihe mit anderen Werken Klimts.

Die große Popularität des Gemäldes Der Kuss erklärt sich vermutlich dadurch, dass es eine Projektionsfläche für die vielfältigen Vorstellungen von unendlicher Liebe und erotischem Glück bietet, eingebettet in die faszinierende Aura des Goldes.

            Bekannt wurde Klimt in erster Linie mit seinen Frauenporträts. Es sind überwiegend sinnliche, meeresschlangenhafte, in selbstgenügsamer Erotik dahinterstehende Frauendarstellungen. Er ästhetisierte und idealisierte darin Otto Weiningers Bild vom „Weib“: In Frauen (und Juden) erblickte Weininger eine Bedrohung: Sexualität, Schuld, nur Körper und Materie.

            Klimt war nie verheiratet, hatte aber zu mehreren Frauen intime Beziehungen und zeugte sechs Kinder. Wie weit die Beziehungen mit den von ihm porträtierten Frauen seiner Auftraggeber gingen, etwa mit Serena Lederer, der Gattin des Industriellen August Lederers, oder mit Adele Bloch-Bauer, der Gattin des Zuckerindustriellen Ferdinand Bloch-Bauer, liegt im Dunklen. Elisabeth Bachofen-Echt, die Tochter Serena Lederers, erreichte während der Zeit des Nationalsozialismus jedenfalls einen Abstammungsbescheid, durch den die außereheliche Vaterschaft des „arischen“ Gustav Klimt amtlich bestätigt wurde, was ihr vermutlich das Leben rettete. Enge, aber nicht notwendigerweise sexuelle Beziehungen bestanden auch zu Alma Mahler-WerfelEmilie Flöge, für deren Modesalon Klimt Entwürfe zu Reformkleidern anfertigte, wird als seine Lebensgefährtin bezeichnet.

 

(Fortsetzung folgt)

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