Moment schlecht gewählt?

Chinesische Nachrichtenagentur kritisiert Bonitätsabwertung der Euro-Länder durch S&P

Mittwoch, 18. Januar 2012

Bukarest (ADZ)  - „Standard & Poors (S&P) hat den Augenblick der Rating-Abwertung der neun Euroländer denkbar schlecht gewählt, so schlecht, dass die Entscheidung sogar zu zahlreichen offenen Fragen berechtigt“, kommentiert die staatliche chinesische Presseagentur Xinhua, die in der Regel die Meinung der chinesischen Partei- und Staatsführung widerspiegelt. Gerade im Augenblick, als die höchsten Verantwortlichen des Euro-Raums dabei waren, sich auf eine ultimative Strategie zur Bewältigung der Schulden- und Euro-Krise zu einigen, habe die „verallgemeinerte Abwertung“ der Bonität der neun Euro-Länder auf den Finanzmärkten einen neuerlichen Druck aufgebaut, „den es ohne diese so nicht gegeben hätte“, erklärt Xinhua, zitiert von Mediafax.

„Die Abwertungen von S&P stützen sich zwar auf einige legitime Fakten und Befürchtungen, aber sie erheben auch neuerliche Fragen zur Berechtigung und Glaubhaftigkeit des Vorgehens der Rating-Agenturen. Während die Krise einige Zeichen des Rückzugs ausmachen ließ, hat das verallgemeinerte Zurückschrauben der Bonität des Euroraums seitens S&P den Druck wieder auf                                          die Finanzmärkte gebracht und den Glauben der Investoren erschüttert.“

Xinhua fordert die Rating-Agenturen auf, mehr Verantwortlichkeit bei ihren Bewertungen an den Tag zu legen und durch ihr Vorgehen die Staatsschuldenkrise in Europa nicht noch mehr zu verstärken. Gleichzeitig sollten die Investoren „ihre Abhängigkeit von der Meinung der Ratingagenturen verringern und mehr Mut an den Tag legen, Entscheidungen nach ihrem eigenen Verstand zu treffen.“ Dabei erinnert Xinhua an den Krisenausbruch von 2008, als die Rating-Agenturen „eindeutige Fehleinschätzungen“ lanciert haben und an der „korrekten Evaluierung riskanter Finanzprodukte gescheitert“ sind. Das habe damals „entscheidend zum Ausbruch der Krise beigetragen“.

„Genauso wie die Investoren sich gewarnt fühlen müssten bezüglich der hohen Staatsschulden mancher europäischer Länder“, schreibt Xinhua, „genauso müssten die Rating-Agenturen ihre Arbeit ehrlich und ehrbar verrichten und keine Fehler aus der Vergangenheit wiederholen, wenn sie überhaupt ihre Glaubhaftigkeit gegenüber den Investoren aus der gesamten Welt wiedererlangen möchten.“
Standard & Poors hat am Freitag die Bonität von neun Ländern des Euro-Raums von der Höchstbewertung „AAA“ auf „AA+“ heruntergeschraubt und so einen Schock auf den Finanzmärkten ausgelöst, zumal von der Abwertung ihrer Bonität auch als solid eingeschätzte Länder wie Frankreich und Österreich betroffen sind.

In Rumänien haben Finanzexperten erklärt, die neusten Abwertungen könnten die Finanzierungskosten von Euro-Krediten erhöhen und schlussendlich das Wirtschaftswachstum Rumäniens abbremsen. Dazu zeichneten sich zwei Wege ab: die Risikofurcht der Investoren einerseits, die „ansteckend“ sei, andrerseits die Bankenfinanzierung, weil die Mutterbanken künftig nur mittels höherer Finanzierungskosten an frisches Geld kommen.

Zu diesem Thema der Finanzanalyst Florin Citu: „Die Entscheidung von S&P, das Grundrating für fast alle Länder des Euro-Raums herunterzuschrauben ist sehr schwer verdaulich. Theoretisch kann diese Situation nur repariert werden, wenn der Euro-Raum die öffentliche Verschuldung sichtbar verringert und glaubhaft zeigt, dass die öffentlichen Einnahmen/Einkommen vergrößert werden können. Für beide Prozesse ist Zeit nötig. Eine andere Lösung wäre Wirtschaftswachstum, doch dazu ist die Wahrscheinlichkeit noch um einiges geringer.“ Kurzfristig werden diese Entscheidungen also auch Rumänien negativ treffen, meint Citu, der das Wirtschaftswachstum Rumäniens akut gefährdet sieht, weil es keinen Umweg um die Steigerung der Kapitalkosten gibt.

Ionuţ Dumitru, Chefvolkswirt der Raiffeisenbank Rumänien, erklärt, dass „die Entscheidung von S&P gleichermaßen dramatisch wie grundlos“ ist. Seine rhetorische Frage: „Welches sind wohl die unumwerflichen Gründe zur Abwertung der Bonität von Österreich und Frankreich?“ Aus der S&P-Entscheidung werde sicher in der nächstfolgenden Zeit „eine neue Welle des Widerstrebens gegenüber dem finanziellen Risiko“ folgen, die auch Rumänien überrollt: „Wenn man dazu kommt, die Bonität von Ländern wie Österreich und Frankreich abzuwerten, dann werden sich die Investoren fragen: Und was ist mit Osteuropa?  Es ist durchaus denkbar, dass wir auf der europäischen Ebene eine neue Widerstrebenswelle gegenüber Finanzrisiken erleben, eine Welle des Misstrauens der Finanzinvestoren, die auch Osteuropa überrollt.“

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