Momentaufnahme eines 250-jährigen Friedhofs

Dietlinde und Otmar Huhn haben ein einzigartiges Buch über einen Friedhof von Großsanktnikolaus veröffentlicht

Dienstag, 14. Mai 2019

„Der Eintritt in einen Friedhof ist auch ein absolutes Eintreten in die Geschichte, meist über die Ortsgeschichte hinaus. Eine Dokumentation ist in diesem Sinne nötig, nicht nur, weil die Gefahr besteht, dass Gras, Efeu und Sträucher, aber auch Regen, Wind und Eis den historischen Ort in einigen Jahren, oder spätestens in einigen Jahrzehnten der Natur zurückgeben. (...) Der Totenhain als Spiegel der Gemeinde verblasst immer mehr(...) Hier wurden die Zeichen der Zeit noch rechtzeitig erkannt.” Das „Hier”, das der Historiker und Archivar der römisch-katholischen Diözese Temeswar, Dr. Claudiu Călin, meint, ist ein zwei Kilo schweres Buch (rund 500 Hochglanzseiten und eine Karte), das durch mehrjährige Dokumentationsarbeit der Geschwister Dietlinde und Otmar Huhn – sie, emeritierte Deutschlehrerin und Ex-Schulleiterin in Großsanktnikolaus, er, Physiklehrer in Ineu/Arad – mit Förderung des Departements für Interethnische Beziehungen innerhalb des Generalsekretariats der Regierung Rumäniens jüngst herausgebracht wurde. Herausgeber ist das Demokratische Forum der Deutschen im Banat – Ortsforum Großsanktnikolaus.


„Mit diesem Buch ehren wir unsere Vorfahren und alle, die im Herrn entschlafen sind und auf dem Friedhof der Deutschgemeinde Großsanktnikolaus ruhen. Deren Nachkommen möge das Buch als visueller Friedhof und als Verankerung des Heimatgefühls dienen.” Das steht als Motto einem Buch voran, das in der kargen Landschaft deutscher Bücher Rumäniens, aber auch in der reichen Buchproduktion des  deutschsprachigen Auslands seinesgleichen sucht. Fotografisch und rein dokumentarisch handelt es sich um die Momentaufnahme – das Buch wurde in der Zeitspanne 2015-2018 dokumentiert und realisiert (bloß mit dem Druck hat es, auch wegen technischer Schwierigkeiten beim Binden, ziemlich lang gedauert – es erschien im Cosmopolitan-Art-Verlag, Temeswar, 2018, und hat ISBN 978-606-988-034-0) – eines der beiden deutschen/römisch-katholischen Friedhöfe von Großsanktnikolaus/Sânnicolau Mare, jenem in der Deutschgemeinde/Comuna Germană, der seit 1767 genutzt wird.


Dass so ein Friedhof mittels Grabinschriften und deren systematischer Auswertung allerhand über die Gemeinschaft aussagt, zu der die dort Ruhenden gehört haben, das kann intuitiv erfasst werden, klingt aber ganz anders, wenn man´s konkret nachschlagen kann. Diesen Teil der statistischen Auswertung hat Otmar Huhn (einst Schüler in einer der Spezialklassen des Lenau-Gymnasiums, der Spezialklasse Physik der 1970er Jahre) übernommen. Er kommt auf viele aufschlussreiche und spannende Daten, die das Buch für künftige Heimatforscher, aber auch für Anthropologen, Lokal- und Allgemeinhistoriker, Forschungen zur Gesundheitsgeschichte, Gerontologen, Onomastiker u.v.a. einfach unentbehrlich macht. Dazu der Heimatforscher und Großsanktnikolauser Lokalhistoriker Hans Haas in seinem Nachwort: „Zahlreiche bisherige Veröffentlichungen haben als Thema die Geschichte unseres Heimatortes und das Leben seiner Menschen bereits behandelt. Dass man sich aber auch seiner Toten in einer so großangelegten Studie widmet, das gab es bis dato noch nicht, das ist ein Novum. Ein Geschwisterpaar, Dietlinde und Otmar Huhn, welches der Heimat die Treue gehalten hat und sich nicht dem allgemeinen Aufbruch unterwarf, hat sich dieser hehren Aufgabe gestellt. Sie haben für unsere Toten und für uns, die Lebenden, einen in memoriam bleibenden Gedenkstein gesetzt. Diesen haben sie uns nun in Buchform in die Hand gegeben.”


Vorarbeiten dazu haben, so Dietlinde Huhn in ihrer Einführung, neben Hans Haas (bei ihm kann man Einzelheiten nachlesen über die Geschichte von Großsanktnikolaus sowie über die eigenartige Aufteilung der Ortschaft nach Ethnien) auch Hans Blickling und Eva Peter (geb. Kappel) geleistet, wonach Dietlinde und Otmar Huhn erst mal einen virtuellen Friedhof realisiert haben, den sie im Internet allgemein zugänglich machten. Dort steht die Datenbank mit allen über 700 Gräbern des Friedhofs der Deutschgemeinde und den auf Grabsteinen Verzeichneten. Es folgten Fotos des Friedhofs mittels Drohnen (durch Andreea Kremm), wonach die Datenbank mit den Koordinaten der Gräber vervollständigt wurde, woraus der genaue Friedhofsplan entstand, der als Faltbogen im Buch erscheint. Zu jedem Grab wurden drei Fotos angefertigt – wer selber fotografiert, weiß, wie viel Zeit das kosten kann; im Falle alter Grabsteine mussten sie meist erst mal „fotogerecht” präpariert werden – und die Infos systematisiert, etwa betreffs verwandtschaftlicher Beziehungen der Bestatteten – sowie mit der statistischen Auswertung der Daten begonnen werden – Todesalter, Geschlecht, häufigste Familien- oder Vornamen, geburtenstärkste Jahrgänge, Jahre mit den meisten Todesfällen usw. Zu finden ist das alles auf www.dfdb-grosssanktnikolaus.ro/ pfdg.blog/friedhof/. Die Daten dieser Internetseite sollen/können jederzeit aktualisiert werden. Der Datenfundus dieser Seite diente als Grundlage beim Entstehen des Buches.


Dietlinde Huhn in ihrer Einleitung: „Während der Arbeit hatten wir ständig den Gedanken im Hinterkopf, dass der Friedhof vielleicht das Einzige bleibt, was von unserer ehemaligen Anwesenheit hier zeugt, nicht nur als Einzelpersonen, sondern vor allem als deutsche Gemeinschaft. Somit kann diese Arbeit auch als ein Beitrag zur Geschichte von Großsanktnikolaus angesehen werden, wobei der wichtige Anteil der deutschen Gemeinschaft mit ganz konkreten Daten belegt ist.”
Laut Otmar Huhn sind durch die Grabinschriften 2457 Beerdigte erwähnt, die in 709 Gräbern bestattet sind. 488 Grabsteine haben unvollständige oder statistisch nicht voll erfassbare Angaben. „Aufgrund der Aussagen befragter Angehöriger” gehen die Autoren davon aus, dass außer den durch Inschriften Verzeichneten in jedem der Gräber noch min-destens ein Toter beerdigt wurde. Zusätzlich werden auf dem Friedhof noch rund 250 „verwaiste Grabsteine” aufbewahrt. Rein statistisch gibt es in jedem der Gräber des Deutschgemeindefriedhofs in Großsanktnikolaus 4,45 Tote, also ruhen dort, laut Überlegungen von Otmar Huhn, insgesamt etwa 4270 Verstorbene.


Die Durchschnittslebenserwartung der auf dem Deutschgemeinde-Friedhof Begrabenen lag zwischen 1767 – Datum des ältesten Grabsteins – und 2015 bei 61,15 Jahren. Der geburtenreichste Jahrgang war laut Grabinschriften 1906 (mit 38 Neugeborenen), das Jahr mit den meisten Toten 1945 – 33 Todesfälle. Im Durchschnitt starben in Großsanktnikolaus in der Zeitspanne 1767-2015 jährlich 11,71 Personen. Die Frauen starben im Durchschnittsalter von 64,41 Jahren, die Männer erreichten durchschnittlich 58,17 Jahre. Das Höchstalter erreichte eine Frau: 101 Jahre, der älteste Großsanktnikolauser verstarb im 96. Lebensjahr. Das häufigste Sterbealter der Frauen war im 82. Lebensjahr, die Männer verschieden am häufigsten im 72. Lebensjahr. Die wenigsten Todesfälle gab es, männlich wie weiblich, zwischen 5 und 17 Jahren.
Bezüglich der Vornamenshäufigkeit dominiert in Großsanktnikolaus (in verschiedensten Orthografien) Elisabetha (24,09 Prozent der Frauennamen) gefolgt von Katharina (20,16 Prozent), Eva (17,15), Anna (12,77), Rosina, Magdalena, Barbara und Maria (zwischen 3,56 und 2,74 Prozent). Häufigster Männername war in der Deutschgemeinde von Großsanktnikolaus Peter (22,16 Prozent), gefolgt von Johann (15,8), Jakob (10,9), Anton (9,72), Josef, Franz, Martin und Hans (zwischen 5,36 und 3,91 Prozent aller Männernamen).


Aus der Perspektive des auf den Grabsteinen verzeichneten Familiennamens dominiert Röhrich (97 Mal, 4,26 Prozent aller Familiennamen). Es folgt Bernhardt (89, 3,91 Prozent), Roos (86, 3,78 Prozent), Müller (83, 3,65 Prozent), Mauß (59, 2.59 Prozent), Schmidt (59, 2,59 Prozent), Rieß (58, 2,55 Prozent), Loch (54, 2,37 Prozent), Esperschidt (53, 2,33 Prozent), Flaton (53, 2,33 Prozent), Blickling (47, 2,06 Prozent), Buchholz (47, 2,06 Prozent), Kappel (44, 1,93 Prozent) und Bender (43, 1,89 Prozent).


Das Buch ist ein Nachschlagewerk, das professionell gemacht ist und das vielen Interessen gerecht werden kann. Einerseits ist das (an sich bisher einzigartige) Modell für andere Banater deutsche Friedhöfe nachahmenswert, andrerseits – wie bereits betont – vielseitig wissenschaftlich verwendbar, und drittens zumindest in zwei Richtungen ausbaubar: einerseits durch die Dokumentation auch des „herrischen” Friedhofs in der Nähe des Stadtzen-trums – wo ebenfalls sehr viele Deutsche aus Großsanktnikolaus (vor allem die Handwerker und ihre Familien, während in der Deutschgemeinde eher die verstorbenen Landwirte und ihre Familien ruhen) beerdigt sind, andrerseits durch die Dokumentation auch der rumänischen, serbischen und, soweit möglich, auch des jüdischen Friedhofs, wodurch wohl erstmalig ein vielseitiger beleuchteter Spiegel einer Ortschaft durch ihre Toten zustande käme.
Dietlinde und Otmar Huhn aber gebührt die Ehre der Ersten.

 

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