Moskaus unterirdische Paläste

Unterwegs durch die Geschichte der schönsten U-Bahn der Welt

Montag, 09. Juli 2012

Die 44 schönsten U-Bahn-Stationen erinnern an ein Museum.

Die Kiewer-Station preist mit zahlreichen Mosaiken die Freundschaft zwischen dem russischen und dem ukrainischen Volk.

Von Marmor umrahmte Glasmalereien vermitteln den Eindruck, in einem Palast zu sein.

Die Station „Meschdunarodnaja“ glänzt mit dem modernistischen Design.

Lichtspiel und Säulenwald
Fotos: Andrey Kolobov

Der überlastete Verkehr in den Metropolen der Welt stellt wahrscheinlich das größte Problem für deren Bewohner dar. Bereits im 19. Jahrhundert kam die Idee auf, zumindest einen Teil des oberirdischen Verkehrsflusses unter die Erde zu verlagern. So wollten zum Beispiel die Wiener 1844 zwei Fernbahn-Endbahnhöfe mit einer Untergrundbahnstrecke verbinden. Doch waren es die Briten, die am 10. Januar 1863 die ersten furchtlosen Passagiere zwischen Farringdon und Paddington unterirdisch beförderten. Die Strecke besaß ganze sieben Stationen.

In den folgenden 50 Jahren wuchs das weltweite U-Bahnnetz unaufhaltsam. Nachdem London, New York, Istanbul, Chicago, Liverpool, Budapest, Berlin, Buenos Aires und viele andere Städte ein U-Bahnnetz besaßen, verlegte auch Moskau einen Teil des öffentlichen Verkehrs unter die Erde.

Am 15. Mai 1935 ratterten die ersten Waggons die 11,2 Kilometer lange Strecke ab. Ins-gesamt 12 Züge halfen, die Distanz zwischen 13 Stationen zu überwinden. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs kamen weitere zwei Linien hinzu.

Neuer Zweck der U-Bahn

Am 22. Juni 1941 griff Hitler-Deutschland die Sowjetunion an – für die Bürger des Riesenstaates begann der Große Vaterländische Krieg. Binnen weniger Monate standen die Wehrmachtstruppen unmittelbar vor Moskau. Bewohner der Hauptstadt suchten Zuflucht vor Bomben- und Artillerie-Angriffen in den tief gelegenen U-Bahnhöfen. Am 15. Oktober beschloss das Staatliche Komitee für Verteidigung der UdSSR, Moskau zu evakuieren. Panik breitete sich in der Bevölkerung aus. Am 16. Oktober standen Menschen vor den verschlossenen Türen der U-Bahn-Stationen. Das war der einzige Tag, an dem die U-Bahn außer Betrieb war. Nur wenige wussten, dass sie an diesem Tag gesprengt werden sollte.

Die Entscheidung Stalins, die Hauptstadt nicht zu verlassen, rettete jedoch nicht nur die U-Bahn, sondern auch Tausende von Menschenleben. Die großräumigen U-Bahnhöfe wurden für die Dauer des Krieges zu Luftschutzbunkern umfunktioniert. Für 217 Neugeborene waren das flackernde elektrische Licht und die Marmorsäulen der kuppelförmigen Stationen das erste Bild ihres Lebens.

Nach der Abwendung der unmittelbaren Gefahr der Einnahme Moskaus durch die deutschen Truppen, wurden die Arbeiten an der Erweiterung der U-Bahn fortgesetzt. Sieben von den Stationen, die während des Krieges in Betrieb genommen worden sind, schmücken Erinnerungsschilder mit der Aufschrift: „Gebaut während des Großen Vaterländischen Krieges“.

Nach dem Krieg

Nur neun Jahre nach der Kapitulation des Deutschen Reiches, im Jahr 1954, wurde die schönste U-Bahn-Linie der Welt fertiggestellt. Die Ringlinie (Kolzewaja) ist durch die besonders prächtige Ausschmückung ihrer Stationen bekannt. Die knapp über 19 Kilometer lange Strecke verbindet sieben der neun Moskauer Bahnhöfe miteinander und ihre Stationen dienen als Umsteigepunkte für die radial verlaufenden Linien.

Jede Station wurde nach einem individuellen Projekt gestaltet. Die wahrscheinlich bekannteste ist die Komsomolskaja-Station, die auch Station der drei Bahnhöfe genannt wird: An der Oberfläche befinden sich der Kasaner, der Leningrader und der Jaroslawer Bahnhof. Für das Projekt des U-Bahnhofs wurde der renommierte sowjetische Architekt Alexej Schtschussew posthum mit der Staatsprämie ausgezeichnet.

Die zahlreichen Mosaiken, darunter acht Edelsteinmosaiken des Malers Pawel Korin, und Basreliefs schmücken die zwölf  Meter breite und neun Meter hohe Station.

Die prachtvolle Verkleidung vieler Stationen mit Marmor-, Granit- oder Kupferplatten sowie deren künstlerische Ausstattung trugen den Moskauer U-Bahnhöfen den Beinamen „Paläste fürs Volk“ ein. In einem Durchgang zwischen zwei Stationen befindet sich sogar ein Springbrunnen.
Nur wenige einheimische Fahrgäste wundern sich noch über die zahlreichen Touristengruppen, die meistens am Abend von einem Schmuckstück der U-Bahn zum nächsten fahren. Übrigens, das Fotografieren ohne Stativ ist in der Moskauer U-Bahn entgegen verbreiteter Meinung gestattet.

Fakten…

Die zwölf U-Bahn-Linien haben eine Gesamtlänge von 305 Kilometern und besitzen 185 Stationen. Die tiefste Station ist mit 84 Metern der Siegespark (Park Pobedy). Dort findet man auch die längste Rolltreppe der Moskauer U-Bahn – 126 Meter. Der längste Steig misst 282 Meter.

Die Fläche der Verkleidung der Stationen beträgt über 750.000 Quadratmeter, davon über 358.000 mit Marmorplatten. Täglich transportieren die 3557 Waggons über 6,5 Millionen Fahrgäste durch die Tunnels. Die Moskauer U-Bahn belegt mit den 2,4 Milliarden Fahrgästen pro Jahr nach Tokio (2,7 Milliarden) weltweit den zweiten Platz. Die Höchstgeschwindigkeit der Züge erreicht 90 Km/h.

In Moskau gibt es nur zehn ebenirdische und fünf überirdische Stationen. Die Sperlingberg-Station ist einzigartig: Sie befindet sich auf einer Brücke. Besonderer Beliebtheit bei den Studenten erfreut sich eine der 76 Bronzestatuen, die in den Nischen der Revolutionsplatz-Station aufgestellt sind: Der Grenzwächter mit dem Hund. Zur Prüfung gehende Studenten reiben die Nase des Hundes in der Hoffnung, dies helfe beim Examen.

… und Legenden

Die hartnäckigste Legende, die möglicherweise gar keine ist, kreist um die so genannte „Metro Zwei“. Dieses geheime und sehr tief gelegene U-Bahnnetz soll den Kreml mit den strategisch wichtigen Punkten in der Stadt und der Umgebung verbinden. Erreicht werden sollen unter anderem der Regierungsflughafen Wnukowo-2, die Kommandozentrale des Generalstabs sowie die Zentrale Kommandostelle der Luftabwehr. Laut einigen Aussagen beträgt die Gesamtlänge der „Metro Zwei“ weitere 150 Kilometer.

Die Forscher der Russischen Akademie der Wissenschaften wagten sich 2008 in die zugänglichen Tunnels der U-Bahn und zählten dort rund 500 streuende Hunde. Erstaunlich dabei ist nicht die Anzahl der Streuner, sondern deren Anpassung an das Leben im Untergrund. Viele dieser vierbeinigen Passagiere nutzen die U-Bahn gezielt, um von A nach B zu kommen.

Zwei Gerüchte haben sich um Unfälle gerankt. Die Legende vom „schwarzen Zugfahrer“ erzählt über einen Brand in der U-Bahn, bei dem der Zugführer viele Menschen gerettet hat. Dabei erlitt er solche Verbrennungen, dass er im Krankenhaus verstarb.

Die Leitung der U-Bahn machte ihn für den Brand verantwortlich. Seither soll er in den Zügen und Stationen als Spuk erscheinen und nach Gerechtigkeit suchen. Die andere Gruselgeschichte berichtet von einem Rolltreppenunfall im Jahre 1982. Die kaputt gegangene Rolltreppe entwickelte zu hohe Geschwindigkeit, sodass viele Menschen sich nicht mehr auf den Beinen halten konnten. Im entstandenen Gedränge starben acht Personen. Das Gerücht, diese Menschen seien in das Innere der Rolltreppe eingezogen worden, ist und bleibt ein Gerücht. Doch wollen seitdem viele armlose Geister in der betroffenen Station gesehen haben.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass beim Bau der Ringlinie Straf- und politische Gefangene eingesetzt worden sind. Es kursieren Gerüchte darüber, dass diese für die Verstöße gegen die Arbeitsregeln in die Tunnelmauer eingemauert oder in die Schächte geworfen wurden. Einmal im Monat soll deswegen ein Geisterzug die Ringlinie befahren. Am Steuer sitzt ein Zugfahrer in alter Uniform. Die Waggons sind entweder leer oder voller abgemagerter Geister.

Das U-Bahn-Leben

Die ersten Passagiere betreten die Metro um 5 Uhr 20 Minuten. Die letzten verlassen sie um 1 Uhr 20 Minuten. Danach bleibt das unterirdische Reich den Putzkräften und den Reparateuren überlassen.

Der durchschnittliche Bewohner der Randwohngebiete verbringt täglich bis zu anderthalb Stunden im Untergrund. Bis zum Auftauchen der Handys glich die U-Bahn der größten Bibliothek des Landes. Man las sitzend oder stehend, Bücher oder Zeitungen. Auch heute ist das Lesen die Lieblingsbeschäftigung der Fahrgäste, nur wich das Papier dem E-Book.

In den U-Bahn-Haltestellen findet man alles, ob man es braucht oder nicht: von kleinen Imbissbuden bis zu illegalen Diplome-Verkäufern, von Zeitungsständen bis zu Souvenirläden oder Straßenmusikern. Nur selten kann man dort Ruhe finden. Im Sommer verstecken sich die Moskauer vor der brennenden Hitze und dem schmelzenden Asphalt in der U-Bahn. Im Winter sind die Tunnels eine gute Zuflucht gegen Kälte. Den eigentlichen Zweck verfehlt die Moskauer Metro jedoch nicht. Sie ist immer noch die schnellste, die sicherste und mitunter die billigste Fortbewegungsmöglichkeit in der rasant wachsenden Metropole.

Zukunftspläne

Der Entwicklungsplan Moskaus sieht bis 2020 die Erweiterung des U-Bahnnetzes auf über 450 Kilometer, das Anlegen einer zweiten und sogar einer dritten Ringlinie, die Verbindung der nebeneinander liegenden Radiallinien und die Erneuerung der Züge vor. Um dabei Geld zu sparen, werden die neuen Stationen nach einem einheitlichen Plan gestaltet. Doch die einzigartigen Stationen innerhalb der Ringlinie bleiben auch nach 2020 die schönsten U-Bahn-Stationen der Welt.

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