Mütter und Söhne oder Briefe und E-Mails

Samstag, 25. Juli 2015

Gestern ging ich zum Kiosk an der Fleher Straße, um an der dortigen Poststelle einen handgeschriebenen Brief an meine Mutter aufzugeben. Meine Mutter ist 93 und wohnt in Niedersachsen, in Einbeck. Sie hat weder einen PC, noch eine Internetadresse, und so kann ich ihr auch keine E-Mails schicken. Ich rufe sie jeden Sonntag an, aber verba volant, scripta manent. Gesprochenes vergeht, Geschriebenes bleibt, und da meine Mutter einen großen Wert auf das Geschriebene legt, muss ich ihr immer wieder einen Brief schicken. Die Mutter meines Freundes Thomas ist 86 Jahre alt und lebt in Vancouver. Sie ist vor 30 Jahren nach Kanada ausgewandert, und ihre Enkelkinder aus Deutschland nennen sie daher Oma-Kanada, und Thomas und ich auch. Oma-Kanada ist eine sehr kunstbegabte Oma, sie malt und betätigt sich auch als Bildhauerin, und schafft um die zwei, drei Werke pro Tag. Ich habe das meiner Mutter am Telefon erzählt, und sie meinte, kein Wunder, die Frau ist noch jung, sie ist erst 86.

Thomas ist knapp 60 Jahre alt, aber in Oma-Kanadas Malereien und Skulpturen sieht er immer noch aus wie fünf. Das beweist eindeutig, dass Oma-Kanada über ein ausgezeichnetes Langzeitgedächtnis verfügt. Bei meiner Mutter funktioniert nicht bloß das Langzeitgedächtnis wie geschmiert, sondern auch das Kurzzeitgedächtnis. Sonntags, wenn ich sie anrufe, kommt es immer wieder vor, dass ich ihr über etwas berichte, worauf sie irritiert antwortet, jaja, das hast du mir aber schon letzte Woche erzählt. Letzten Sonntag erzählte ich meiner Mutter, dass Thomas’ Mutter Ende des Monats eine riesige Malerei-Ausstellung mit eigenen Werken in Vancouver organisieren würde, durch einen kanadisch-deutschen Kunstverein.

Jaja, sagte dazu meine irritierte Mutter, das hast du mir aber schon letzte Woche erzählt. Habe ich nicht, sagte ich. Hast du doch, sagte sie, woher sollte ich es denn sonst wissen. Okay, antwortete ich, vergessen wir es. Was heißt hier vergessen, entgegnete meine Mutter, du vergisst immer alles, nicht ich. Komm, meinte ich daraufhin, lass uns das Thema wechseln, ich habe mir etwas Tolles für dich ausgedacht: Beim nächsten Besuch bringe ich dir einen PC mit und zeige dir, wie er funktioniert. Nein, sagte meine Mutter, mach das bloß nicht. Ich brauche keinen PC, ich habe ja einen Laptop, der reicht mir. Was?! Du hast einen Laptop?!, fragte ich verblüfft. Natürlich, das habe ich dir ja schon letzte Woche erzählt, aber du hörst mir ja nie zu. Doch, sagte ich ziemlich genervt, ich höre dir immer zu. Und jetzt hör mir bitte endlich auch du einmal zu: Da du jetzt einen Laptop hast, musst du dir unbedingt auch eine E-Mail-Adresse zulegen. Dann kann ich dir E-Mails anstelle von Briefen schicken, das geht wesentlich schneller, und ich muss dann auch nicht mehr dauernd zum Briefkasten laufen. Letzte Woche habe ich diese blöde Briefmarke vergessen, und dann kam der Brief wieder zurück. Sagte ich doch, meinte meine Mutter, dass du dauernd alles vergisst. Weil du nie ganz bei der Sache bist, du warst ja immer schon so ein Hans-Guck-in-die-Luft. Komm, entgegnete ich, lass uns bitte beim Thema bleiben. Wir satteln auf E-Mails um, und damit basta. 

Ach was, sagte meine Mutter. Als du in Temeswar an der Uni warst, hast du mir immer Briefe nach Reschitza geschickt, und auch einige Jahre später, als du in Düsseldorf warst und ich in Temeswar, und ich habe mich tierisch darüber gefreut. Und jetzt willst du mir auf einmal E-Mails schicken?! Nix da. Aber apropos E-Mails, fügte meine Mutter hinzu, gib mir doch mal bitte die E-Mail-Adresse von Oma-Kanada. Ich möchte ihr einen Freundschaftsantrag schicken. Ich bin seit vorgestern auch bei Facebook.

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