„Mukata“ und der Ruf der Sionen

Ein lyrischer Spaziergang durch das Leben der Psychoanalytikerin Irmgard Dettbarn

Samstag, 08. März 2014

Einfühlsam entführte Irmgard Dettbarn die Gäste in der Residenz des Deutschen Botschafters auf eine lyrische Erlebnisreise...
Foto: George Dumitriu

„Frühlingsgedanken“, in der Residenz des Deutschen Botschafters. Dann ein „Wiegenlied, global“. Und das Gleichnis der „Illu-Sionen“. Behende huscht die samtweiche Stimme im kräftiggrünen Kleid durch den Korridor ihrer Gedanken. Leise stoßen ihre Worte Türen auf - mal hier, mal dort. Mal einladend weit, dann wieder nur einen Spalt breit, genug um ein flüchtiges Bild zu erhaschen: Der alte Li mit dem Kürbiskästchen; der chinesische Block im Regen... Erinnerungen an die Savanne, während draußen der Märzwind bläst: Wazires Haut schimmert ocker vom Butterfett, vermengt mit gemahlenem Eisenstein. Alles im Dorf der Himba ist mit diesem Fett überzogen. Wie würde meine Haut wohl so aussehen, fragt sie sich. Und fügt an: „Würden meine Ahnen dann die ihren grüßen?“ Lyrik verfließt mit Prosa, umsprudelt authentisch Erlebtes wie frisches Flusswasser Wurzeln und Steine, und zeichnet leuchtende Farben vor unser inneres Auge, die zu den Gefühlen tanzen...

Irmgard Dettbarn, die Frau mit der Samtstimme im grünen Kleid, liest in der Residenz des deutschen Botschafters. Illustre Gäste, Häppchen, Sekt, ein erlesenes Musikprogramm, bestritten durch junge Künstler des Jugendförderprogramms SoNoRo-Interferenzen, Cristiana Mihart, Radu Grelus und Stefan Cazacu. Vergeblich sucht man den Namen der Dichterin unter bekannten deutschen Zeitgenossen. Denn in erster Linie ist sie Psychoanalytikerin, praktiziert in Berlin, für Bukarest hat sie nur ein Wochenende Zeit... Doch die Hobbydichterin blickt auf eine bewegte Biografie zurück, die sich in ihren Kostproben immer wieder reflektiert: Viereinhalb Jahre lebte sie in Israel, dann in Frankreich, acht Jahre in der Schweiz als begleitende Ehefrau ihres als Diplomat entsandten Mannes. „Danach blieben wir erstmal in Berlin, bis die vier Kinder alle Abitur hatten, denn das Schulgedöns ging mir ordentlich auf die Nerven“ lacht sie und fügt entwaffnend ehrlich hinzu: „Dort habe ich mit Ach und Krach meine Analytikerausbildung abgeschlossen.“ Und Afrika? „Nein, das war nicht mit dem Auswärtigen Amt,“ erklärt Irmgard Dettbarn. Sieben Wochen studierte sie dort das Volk der Himba an der Grenze zu Angola am Kunene Fluss. Ethnopsychoanalyse nennt sich die Disziplin. Als letzte diplomatische Mission verschlug es das Ehepaar schließlich nach Peking, gemeinsam mit dem heutigen Deutschen Botschafter in Bukarest, S.E. Werner Hans Lauk, der die langjährige Hobbylyrikerin anläßlich der rumänischen „Märzchen“-Tage zur Frühlingslesung eingeladen hatte.

Wenn Welten aufeinander prallen

Wazire trug das Baby ihrer Schwester auf dem Arm, erinnert sich die samtige Stimme. Es quengelte und war unruhig. „Wahrscheinlich fürchtet es sich vor deiner Kleidung“, mutmaßte Wazire, die wie alle nur einen Lendenschurz trug. „Fürchtet sich vor meiner Kleidung?“ echote die Fremde erstaunt.  Und resümiert: „So wurde ich zur Vertreterin der ‚Leute mit den Kleidern‘!“ Typische Aha-Effekte jener, die es ins Ausland verschlägt. Kulturen prallen aufeinander, mit ihnen andere Denkweisen, anderes geprägtes Bewusstsein. „Die Weißen denken zuviel“ zitiert Irmgard Dettbarn den Schweizer Paul Parin, einen der Begründer der Ethnopsychoanalyse. Amüsiert erzählt sie dann, wie die Analphabetin, die nicht in Buchstaben dachte, ihren Namen verstand: Mukata! Nur mit viel Phantasie als ‚Irmgard‘ auszumachen, wenn man es phonetisch auf drei Konsonaten reduziert: MKT (irMKarT - MuKaTa).

„Man wird auch gleich überall zur Deutschen gestempelt, das kann man gar nicht vermeiden“, resümiert die heute über Siebzigjährige ihre Auslandsaufenthalte. Vor allem in Israel musste sie sich schwer mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen. Überraschendweise auch in der Schweiz.
„Die Himbas staunten, wie eine Frau, die keine Sauermilch macht, die keine Rinderherde besitzt und sich beim Mahlen von Mais so furchtbar ungeschickt anstellt, überhaupt überleben könne“, erzählt sie amüsiert. „Sie sieht doch eigentlich ganz wohlgenährt aus?“, zitiert sie Wazires Gedanken.
Obwohl es der Analytikerin gelang, in 36 ausführlichen Gesprächen während nur sieben Wochen intensiven Kontakt zu dem Naturvolk aufzubauen, obwohl sie sogar eine Nacht in einer Lehmhütte verbracht und tief beeindruckt einem schamanischen Heilritual beigewohnt hatte, zog sie es doch vor, auf dem Beobachterposten zu bleiben. Denn der nächste Schritt wäre sonst gewesen, Wazire zu sich nach Hause einzuladen. Ein immenser Kulturschock, den sie nicht hätte verantworten können.

Schreiben als Therapie

Auf den eigenen, nicht immer leicht zu verarbeitenden Sprüngen zwischen den Kulturen half Irmgard Dettbarn das Schreiben. Was ist schwieriger, weggehen oder zurückkommen? Die Frage bringt sie zum Nachdenken. Doch ihre Lyrik gibt preis: Am Flughafen in Frankfurt, unter geschlossenen Augenlidern, entstehen die Bilder der Savanne. Man kommt zurück in eine Welt, in der man alles kennt, verrät ein weiteres Gedicht. Nur selbst hat man sich verändert. Umgekehrt erkennt einen Nichts mehr...
Weg sein  – das war ihr Weg. Veränderung prägte ihr Leben. Schreiben war die Therapie, die ihr Bewusstsein fokussieren half: „Durch das Schreiben ist man da. Oder weg von der neuen Realität.“ Das Wortspiel reflektiert sie in einem Kurzgedicht: „Groß und Kleinschreibung: Er ging weg. Das war sein Weg.“

Nicht nur die Auslandsaufenthalte, auch die beruflichen Veränderungen haben Irmgard Dettbarn geprägt. Mit 15 träumte sie davon, Schriftstellerin zu werden und begann eine Lehre als Buchhändlerin. Heinrich Böll hatte schließ-lich auch als Buchhändler begonnen, sagte sie sich damals. Nach Verlagslehre und Werbefachschule folgt über eine Begabtensonderprüfung die Lehrerausbildung. „Als Lehrer verdient man genug zum Überleben und kann nebenbei schreiben“, motivierte sie ihren neuen Berufswunsch. Doch die schlimmen Zustände im Schuldienst an einer Berliner Hauptschule ließen sie ernüchtert erkennen: „Es interessierte mich eigentlich gar nicht, ob die Kommas von den Schülern richtig gesetzt wurden.“ Mit Nachdruck: „Aber es interessierte mich, warum sie es nicht konnten – und so kam ich zur Psychologie!“

Der Ruf der Sionen

„Ist das berufliche Ziel nun erreicht? Ein Leben lang träumten Sie doch, Schriftstellerin zu sein,“ provoziere ich die Analytikerin. Irmgard Dettbarn windet sich: „Na ja. Mit über Siebzig...  Obwohl, wenn das mit dem Schreiben erfolgreicher wäre...“ Drei Lesungen hat sie schon in diesem Jahr, bekennt sie mit leuchtendem Gesicht. Dann ein ertapptes Auflachen: „Die Illu-Sionen! Sie sind nicht ja totzukriegen.“ Das Gleichnis des Burschen, der unbedingt eine der elfenhaften Sionen heiraten wollte, verrät die Analytikerin: Allzu lange sann der junge Illu  nach, wie er die Aufmerksamkeit eines dieser Feenwesen erregen könne, die vor seinen Augen einen Freier nach dem anderen abwiesen. Doch der Spieß kehrte sich um: Mit seiner zurückhaltenden Nachdenklichkeit zog er die Neugier der schönen Sionen auf sich, und als er immer noch nachdachte, wurden sie immer neugieriger, verliebten sich schließlich in ihn und luden ihn ein, gemeinsam in ihrer Welt zu leben. So entstand die Welt der Illu-Sionen. Die Sionen werden auch der samtenen Stimme hinter dem kräftiggrünen Kleid, die schon viel zu lange auf ihre große Liebe warten musste, sicher keine Ruhe lassen...

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