Museumsrausch in Berlin

Im Wunderland des deutschen Films

Donnerstag, 15. Januar 2015

Das bedeutende deutsche Filmarchiv, das Film- und Fernsehmuseum und viel mehr beherbergt dieses Filmhaus. Foto: Aida Ivan

Leute, die einem direkt in die Augen schauen, ruhige Spaziergänge am Ufer der Spree nach Mitternacht,unwiderstehliche Buchhandlungen und Antikmärkte, intellektuelle Diskussionen mit kritischen Geistern, viele, viele aufschlussreiche Ausstellungen zu den verschiedensten Themen und ausgezeichnete Filme in kühlen Kinos - eine kulturelle Opulenz, die glücklich macht.

Man muss sich reiflich überlegen, wie man einen ersten Aufenthalt in der deutschen Hauptstadt möglichst umfassend beschreiben kann: Die Vielfalt. Den Charme. Die Begeisterung von all dem, was man gesehen und erlebt hat.

 Der gefüllten Plastiktüte mit Listen, Prospekten und Materialien steht man am Anfang ratlos gegenüber.  Faszinierend und verführerisch präsentiert sich Berlin als lebendiger Ort mit Ausstrahlung. Das gewisse Etwas der Metropole basiert ohne Zweifel auf seiner wechselhaften Geschichte. Diese und vieles mehr wird von den ungefähr 170 Museen in Berlin mal künstlerisch, mal sachlich wiedergegeben. Hier kann man sich reichlich und gemütlich über verschiedene Bereiche wie Malerei, Film, Fotografie oder Geschichte informieren. Nur Prioritätensetzen ist schwierig, denn man sieht erstmal rot bei dem ungeheueren kulturellen Angebot, das einen heftigen Wissensdrang auslöst.

Ein absolut sehenswertes Museum

An einem kalten Wintervormittag mit schneidendem Wind, als andere Museen noch zu haben, ist die Deutsche Kinemathek am hochmodernen Potsdamer Platz, eines der insgesamt sechs Filmmuseen in Deutschland, die rettende Lösung. Das schicke Gebäudeensemble Sony Center beherbergt u.a. das Filmhaus. Hier befinden sich die Sammlungen des Filmmuseums Berlin, eine Bibliothek, eine Dauerausstellungen zur Film- und Fernsehgeschichte, eine Filmschule und zwei Kinos sowie die Deutsche Mediathek.

Im imposanten Gebäude aus Stahl und Glas kann man in aller Ruhe die Vergangenheit des deutschen Films von den Anfängen bis in die Gegenwart erkunden. Und sich darin verlieren. Welche Erwartungen soll man von einem Filmmuseum haben? Wie kann man die Geschichte eines Mediums schildern, das meist mehr als eine Stunde braucht, um sich zu entfalten? Wie viele Filme werden im Museum präsentiert? Muss man sie alle anschauen?

Die bewundernswerte Dauerausstellung ist einzigartig konzipiert: Glas, Spiegel und Bildschirme tragen zu einer besonderen Sinneserfahrung bei. Beeindruckend ist der Gang am Anfang, die Video- und Spiegelinstallation mit winzigen Filmausschnitten, die intensive Momente aus verschiedenen Filmen zeigen. Der Besuch des Museums kann verwirrend wirken, auch wenn dieses nicht besonders groß ist. Auch die Ausstattung der Einrichtung ist bemerkenswert: umfangreiche, hochwertige Installationen mit Erinnerungsstücken aus verschiedenen Epochen. Räume mit verspiegelten Wänden und Oberflächen. Einen interessanten Effekt schafft auch die Brücke, die über einen weiteren Raum mit Spiegeln führt. In den verschiedenen Abteilungen des Museums findet man Exponate aus der gesamten deutschen Filmgeschichte - Filmplakate, Fotos, Briefe, Filmkostüme, Architekturskizzen, Requisiten, kleine Modellanfertigungen der Kulissen sowie Drehbücher. Man geht einfach durch verschiedene Perioden der Filmgeschichte. Das ist kein gewöhnliches Museum, in dem die Exponate einfach zur Schau gestellt werden: Jeder Raum, den man betritt, ist wie eine neue Welt mit einer verschiedenen Gestaltung, die mit erstaunlicher Kreativität eingerichtet wurde. Die Architektur des Raumes spielt eine sehr wichtige Rolle und widerspiegelt die Hauptidee.

Die Ausstellung in der Deutschen Kinemathek deckt ein Jahrhundert ab und ist nicht nur für die, die Filmgeschichte kennen, bestimmt. In gleichem Maße richtet sie sich an alle Interessierten, zur Verfügung gestellt werden allerlei Informationen, die einen Überblick über die Geschichte der bewegten Bilder bieten. Seit 50 Jahren wurden hierfür Materialien gesammelt. Dabei geht es um über eine Million Szenen-, Porträt- und Werkfotos, 30.000 Drehbücher, 20.000 Plakate, 60.000 Filmprogramme, aber auch Eintrittskarten, filmografische und biografische Materialien, Architektur- und Kostümskizzen, Projektoren, Kameras und Zubehörgeräte aus dem vergangenen Jahrhundert bis heute. Im Filmhaus befinden sich mehrere Tausend deutsche und ausländische Stumm- und Tonfilme. Dadurch wurde möglich, dass die Retrospektiven der Berlinale seit ungefähr drei Jahrzehnten von der Deutschen Kinemathek organisiert werden. Die sehr lehrreiche Dokumentation hinterlässt einen bleibenden Eindruck: Das alte Berlin ist eine alte Filmmetropole.

Von den Gebrüdern Skladanowsky bis in die Gegenwart

Die verschiedenen Sektionen präsentieren Höhepunkte aus den letzten hundert Jahren - von den Pionieren und Diven Anfang des 20. Jahrhunderts über das „Cabinet des Dr. Caligari“ (1920), die Periode der „Weimarer Republik“(1918-1933), „Metropolis“ (1927), „Transatlantik“ (1918-1933) zu Marlene Dietrich (1901-1992), mit Schwerpunkten Nationalsozialismus und Exil (1933-1945) bis in die Gegenwart.

Die deutsche Filmgeschichte beginnt mit einer der ersten kinematografischen Vorführungen Ende des 19. Jahrhunderts, als die Brüder Skladanowsky im Wintergartenpalais von Berlin kurze Filme zeigten. Das Viertelstundenprogramm der Filmpioniere, das aus Filmen von 6 bis 16 Sekunden bestand, begeisterte das Publikum von Anfang an. Die projizierten Werke wie „Italienischer Bauerntanz“ mit der Kindergruppe Ploetz-Larella, „Komisches Reck“ mit den Milton Brothers, „Das boxende Känguruh“ mit Mr. Delaware, „Der Jongleur“ mit Paul Petras u.a. wurden von Klavierstücken musikalisch umrahmt. Die Szenen wurden im Sommer des Jahres 1895 in Berlin aufgenommen. Das neue Medium war ursprünglich sehr beliebt unter den höheren Gesellschaftsschichten.

Eine wichtige Figur ist auch Oskar Messter, der seine Filme im Kunstlichttheater in der Berliner Friedrichstraße ausstrahlte, dem ersten fest eingerichteten Kino Deutschlands. Anfang des 20. Jahrhunderts vermehrten sich die Kinos im rasenden Rhythmus - von 16 im Jahre 1905 zu 206 im Jahre 1913. In relativ kurzer Zeit wurde es zu einer erfolgreichen Kunstform. Bald erschienen die ersten Stars des neuen Industriezweiges, wie Asta Nielsen oder Fern Andra.

Weiter geht es mit Schlüsselfilmen wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (Regie: Robert Wiene), dem im Rahmen der Ausstellung viel Platz gewidmet wird. Eine kleine Modellanfertigung zeigt,wie die Effekte in diesem expressionistischen Stummfilm geschaffen wurden. Faszinierend ist die Art und Weise, wie ausführliche Informationen zu den Filmen dargestellt werden: Besucher haben die Chance, den Filmen näher zu kommen und hautnah den Drehprozess vor mehreren Jahrzehnten erleben zu können. Man sieht hinter Glas ein Drehbuch mit Notizen und Kommentaren, die die Szenen beschreiben, die man aus dem Film kennt. Zur Ausstellung gehören sogar Kameras, die beim Drehen benutzt wurden.

Einen weiteren überraschenden Raum betritt der Besucher, als der Film „Metropolis“ (Regie: Fritz Lang, 1927) in den Mittelpunkt rückt. Wieder wird mit Effekten gespielt, mit verspiegelten Wänden und zahllosen Bildschirmen. Die Ikone des 20. Jahrhunderts, Marlene Dietrich, genießt im Museum besondere Aufmerksamkeit. Abgesehen von dem Flur, der mit Fotos von ihr bedeckt ist, gibt es auch einen Raum, wo man ihre berühmten Kostüme betrachten kann.

In der Abteilung Filme nach 1945 sind sowohl Ausschnitte aus den präsentierten Filmen als auch Erinnerungsstücke aus dem Bühnenbild zu sehen, wie zum Beispiel die Flügel aus dem Film „Der Himmel über Berlin“ oder ein Schuh aus dem Film „Das weiße Band“. Das einzige, was man jetzt noch braucht, ist vielleicht ein Stuhl, damit man die Abschnitte aus den Filmen auch gemütlich betrachten kann.

Berlin ist nicht nur gefragte Kulisse und Produktionsstandort. In Berlin kann man leicht in einen wahren Filmrausch verfallen. In den vergangenen Jahren haben mehrere in Berlin gedrehte oder produzierte Filme einen Oscar gewonnen: „Das Leben der Anderen“, „Das weiße Band“, die Hollywoodproduktionen „Inglourious Basterds“ oder „Der Vorleser“.

Durch den  Zeittunnel von Berlin

Wenn man nicht bereit ist, die Welt des deutschen Filmes zu verlassen, kann man mit dem gläsernen Lift die Zeitreise schnell vorwärts oder rückwärts vorantreiben: Die Räumlichkeiten des Museums umfassen mehrere Etagen. Warum nicht darin umherwandern? Der Spiegelsaal und die Architektur der Fernsehabteilung im Museum sollen auch nicht vernachlässigt und reichlich betrachtet werden.

Berlin bringt einen durch die  Vielfalt seiner Attraktionen ganz schön durcheinander. Am Ende des Besuchs braucht man einen Moment, um sich zu fragen, was das war: Eine umwerfende Zeitreise? Ein ausgeklügelter Kunst- und Geschichtskurs? Auf dem Gehsteig vor dem Filmhaus mit zwei riesen Rotstreifen ist alles unverändert. Ein paar Passanten trotzen dem hartherzigen Wind. Autos warten vor der Ampel. Touristen fotografieren eine riesige Lego-Giraffe in der Nähe. Im Nu kann man von hier aus eine andere solche Kultureinrichtung finden, die ihre Besucher auf eine andere Zeitreise führt, mit ihrem eigenen Bühnenbild.

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