Musik als Ware

Dienstag, 17. Dezember 2013

Symbolgrafik: sxc.hu

Weil sie so viel Käse, Wurst, Makkaroni, Keks und Gewürze in meinem Einkaufswagen sieht, legt die Verkäuferin im Supermarkt auch eine Gratis-CD drauf. Ich winke ab und möchte die Scheibe nicht. Ein Blick voller Unverständnis trifft mich: Nu vă place muzica?/Lieben Sie Musik nicht? Ich murmele, was ich auch sonst als Antwort parat habe, dass ich Berufsmusikerin sei und in einer Kirche arbeite. Nu cântă bine Andra?/Singt Andra nicht gut? Die Verkäuferin will es jetzt wissen, schließlich ist es ihre Ware, die sie in die Körbe der Kunden legt. Um mich nicht bloßzustellen, erzähle ich etwas vom Unterrichten und Orgelspielen. Ich kenne Andra gar nicht, könnte nichts über ihre Musik sagen. Das wäre an diesem Ort ein unmögliches Geständnis. Jeder und jede scheint hier informiert. Es hätte auch Kunden gegeben, denen Andra nicht gefiele, meint die Verkäuferin, als sie die Karte aus dem Bezahlgerät entnimmt. Ich zucke die Achseln und schiebe meinen Einkauf Richtung Ausgang.

Wie war das doch gestern im Bus? In einer Endlosschleife rieselten drei Stunden lang colinde auf uns nieder, durchdrangen selbst die Ohrstöpsel. Eine Geige, ein taragot, ein unermüdlicher Sänger, sie alle verfolgten mit ihren Liedern von Engeln im Himmel die Reisenden von Klausenburg bis Hermannstadt, und wer eine Karte bis Bukarest gelöst hatte, durfte wohl auch fünf weitere Stunden hören, dass heute ein Kind geboren sei, dem Magier Geschenke bringen. Mehrere Male war ich drauf und dran gewesen, den Busfahrer zu bitten, seine Musik leise zu drehen. Ich habe mich dann nicht getraut. Schon wieder die dumme Erklärung, der Blick voller Verachtung, der Hinweis darauf, dass ich die Einzige sei, der die Musik nicht gefalle – nein, im Halbschlaf kam der Augenblick, da auch die heilige Gottesmutter mich nicht mehr erreichte.

Musik ist ein Geschenk, und es abzulehnen kann sehr kränken. Frühmorgens in der ersten Adventswoche versammelte sich der Hermannstädter Frauenchor am Parkplatz zum Einstieg Richtung Klagenfurt. Die beiden Busfahrer hatten etwas Mühe mit unserem Gepäck, aber schließlich waren alle Damen samt ihrer Habe verstaut. Sechzehn Stunden Fahrt über Ungarn und Slowenien lagen vor uns. Der Motor brummte, die Heizung wärmte und der Busfahrer drehte das Radio auf. Ein Sturm der Empörung aus achtzehn Kehlen brandete ihm entgegen. Wir bekamen auf der ganzen Fahrt keinen Ton Musik mehr zu hören. Mürrisch ertrugen die Fahrer Geschwätz und Stille, Profis eben, die auch die seltsamsten Gäste bedienen. Ob wir ihnen dann nicht wenigstens selber singen wollten? Nein, das sei nicht gut für uns? Einer von ihnen kam in Österreich ins Konzert. Aus Neugier, aus Langeweile? Danach war er wie ausgewechselt und meinte ehrlich, einen solchen Gesang habe er noch nie live erlebt. Und die Solistin, wie sei sowas menschenmöglich? Er war noch nie in einem Konzert gesessen und ab sofort gesprächig. Seinem Kollegen riet er, sich den nächsten Auftritt nicht entgehen zu lassen, sowas müsse man erleben. Auf der nächtlichen Rückfahrt haben wir ihnen dann doch gesungen, erleichtert, müde, ausgeflippt, bis auch die letzte von uns im Schlaf versank.

Nur wenige Stunden nach unserer Ankunft stürmten zwei Enkelkinder ins Haus. Ihnen gehörte das Wochenende! Grün, grün, grün sind alle meine Kleider. Oma und Opa wurden gnadenlos zum Klavier geschleppt und mussten alle Stücke aus der Liederfibel spielen. Nochmal und nochmal. Die Affen rasten durch den Wald, drei Japanesen mit dem Kontrabass verfolgten alle meine Entchen. Und am Adventskranz dann kling Glöckchen, klingeling. Leise rieselte der Schnee in Hermannstadt. Am letzten Tag ihres Besuchs mussten die beiden das Offene Liedersingen in der Kirche mitmachen. Kein Problem für Kleinkinder, die mit Proben, Singen, Tanzen und Zuhören aufwachsen.
Können Sie es verstehen, wenn ich im Supermarkt keine weihnachtliche CD geschenkt brauche?

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