Musik aus Siebenbürgen in der Leipziger Thomaskirche

Uraufführung einer Komposition für Orgel von Klaus Dieter Untch

Samstag, 27. Mai 2017

Eine neue Komposition für Orgel aus der Feder des Siebenbürgischen Komponisten Klaus Dieter Untch wurde am Freitag, 19. Mai 2017, an einem besonderen Ort uraufgeführt: Peter Kleinert aus Frauenstein (Sachsen) brachte Untchs Variationen über das Lutherlied „Ein feste Burg ist unser Gott“ in der Thomaskirche zu Leipzig, der langjährigen Wirkungsstätte von Johann Sebastian Bach, erstmals zu Gehör. Diese Uraufführung erfolgte im Rahmen der jeweils am Freitagabend bzw. Samstagnachmittag durchgeführten „Motette“, einer vor allem durch das Wirken des Thomanerchors weltweit bekannten Reihe musikalischer Gottesdienste, die bei Abwesenheit des Thomanerchors durch Gastensembles oder durch renommierte Gastorganisten (in diesem Fall in der Form einer Orgelvesper) gestaltet werden. Klaus Dieter Untch wurde 1969 in Elisabethstadt/Dumbrăveni geboren und wuchs im nahen Scharosch/Şaroş auf. Er erhielt seinen ersten Orgelunterricht bei seinem Vater und übernahm mit 16 Jahren (nach dem frühen Tod des Vaters) das Amt des Organisten. 1990 wanderte er nach Deutschland aus, wo er sich musikalisch weiterbildete. Nach sechs Jahren kehrte er nach Siebenbürgen zurück und wurde Organist in Fogarasch. Er setzte seine Ausbildung als Orgelschüler von Prof. Erich Türk fort und studierte schließlich bei Prof. Hans Eckart Schlandt an der Musikhochschule Kronstadt; 2000 übernahm er die Organistenstelle in Zeiden/Codlea. Untch etablierte sich als Komponist, Chorleiter und Musikpädagoge. Als Organist trat er (auch auf Konzertreisen in Deutschland und in der Schweiz) u.a. mit eigenen Kompositionen (in verschiedenen Stilrichtungen) sowie mit Improvisationen hervor.

Sein neues Werk besteht aus den Sätzen Toccatina, Pedalsolo, Variationen und Fuge und verbindet zwei Lieder Martin Luthers mitei-nander: „Ein feste Burg ist unser Gott“ und „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“. Zu diesen beiden Psalmliedern tritt die Tonfolge B-A-C-H, wobei die einzelnen Zeilen der beiden Liedmelodien und das B-A-C-H-Motiv dicht aufeinander folgen und häufig sogar in verschiedenen Stimmen gleichzeitig erklingen. Durch die Verbindung der beiden Lieder entsteht einerseits ein wirkungsvoller Kontrast zwischen den verschiedenen Tonarten, ande-rerseits ein schöner inhaltlicher Zusammenhang: In beiden Lieder ist vom Vertrauen auf Gott die Rede. Durch die Verbindung der beiden Liedern entsteht zwischen spielfreudigen und virtuosen Passagen auch eine dichte und nachdenkliche Musik, die zum Thema Vertrauen und Zuversicht besser passt als jene zahlreichen anderen Bearbeitungen des Liedes „Ein feste Burg“, die weniger von dessen Inhalt geprägt sind, sondern mehr von dessen Wirkungsgeschichte als Kampflied der Reformation und – später – als nationales Symbol. Peter Kleinert, der Interpret der Uraufführung, nennt das neue Werk wegen der Verbindung dreier Themen „Tripel-Partita“ (dreifache Partita) und hebt hervor, dass es „keinen Ton zu viel und keinen zu wenig“ hat. Er bewundert, „wie die verschiedenen cantus firmi (die Liedmelodien) miteinander kommunizieren, sich ergänzen und einander gelegentlich ins Wort fallen, unvermutet auch als Spitzentöne aus virtuosen Passagen herausscheinen“.

Der 1959 im damaligen Karl-Marx-Stadt (dem früheren und heutigen Chemnitz) geborene Peter Kleinert ist (nach Studien an der Kirchenmusikschule und der Musikhochschule in Dresden) seit 1984 Kantor und Organist in Frauenstein, einer Stadt in Sachsen, die als Ursprungsort der bedeutenden Orgelbauersippe Silbermann bei Organistinnen und Organisten schon lange sehr gut bekannt ist. Kleinert hat in vielen europäischen Ländern Orgelkonzerte gespielt, ist mit Rundfunk- und CD-Einspielungen hervorgetreten und leitet im Rahmen der Frauensteiner Kirchenkonzerte auch Aufführungen der großen Oratorien des 18. und 19. Jahrhunderts. In Siebenbürgen ist er als Konzertorganist sehr bekannt geworden – er hat mehr als 20 Konzertreisen nach Siebenbürgen unternommen. Seit Jahren setzt er sich für die Musik von Klaus Dieter Untch ein; ein besonderes Ergebnis der Zusammenarbeit von Komponist und Interpret ist die Uraufführung von Untchs Kantate „Erwartung“ 2014 in Frauenstein. In der Thomaskirche spielt Kleinert vor der Uraufführung von Untchs Partita eine Fantasie des u.a. am Leipziger Konservatorium ausgebildeten Württembergers Christian Fink (1831-1911), die ebenfalls den Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ bearbeitet. Auf die Uraufführung der Tripel-Partita sowie auf Predigt und Gemeindelied folgen Werke von Johann Sebastian Bach.

Matthias Wamser
Basel/Schweiz

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