Musik zwischen Krieg und Diktaturen

Ein Rückblick auf das Festival „musica suprimata – Konzerte für Siebenbürgen“

Samstag, 08. November 2014

Hannenheims Großnichte Marianne Boettcher und Björn Lehmann spielen die Uraufführung der Violinsonate Nr. 4 von Norbert von Hannenheim. Die Geigerin und der Pianist lehren an der Universität der Künste Berlin.

Bereits zum dritten Mal zieht das ambitionierte Projekt „musica suprimata“ durch die Spielstätten Siebenbürgens, um durch Krieg und Diktaturen zu Unrecht vergessene Komponisten und deren Werke aus Archiven und Schubladen in die Konzertlandschaft zu reintegrieren. Dabei liegt ein besonderer Schwerpunkt der Veranstalter auf dem Hermannstädter Komponisten Norbert von Hannenheim (1889-1945), dessen Leben von zwei Kriegen geprägt und schließlich beendet wurde.

Den Auftakt zu den zweiwöchig laufenden Konzerten bildete zunächst der jüdische Komponist Viktor Ullmann mit seiner im Konzentrationslager Theresienstadt entstandenen Oper „Der Kaiser von Atlantis“. Die Aufführung am 16. Oktober 2014 in Hermannstadt/Sibiu war gleichzeitig der 70. Jahrestag der Deportation von Ullmann nach Auschwitz. Die sensibel gestaltete Inszenierung von Herbert Gantschacher als Puppentheater wurde musikalisch von einer Aufnahme der Erstaufführung des „Kaisers“ in Theresienstadt 1995 begleitet. Viktor Ullmann konzipierte dieses Musiktheater zusammen mit Peter Kien als eine Persiflage auf das sinnlose Massenmorden in Kriegen, wobei er 1943 und 1944 in Theresienstadt, auf den nahenden Tod wartend, auch seine Erfahrungen an der Front im Ersten Weltkrieg verarbeitete.

Das in diesem Jahr vielfältig bedachte 100-jährige Jubiläum des Ersten Weltkrieges steht programmatisch auch über den Veranstaltungen dieser Konzertreihe. Zu diesem Anlass trug der Schriftsteller und Rezitator Oskar Ansull als Pendant zu den Komponisten selten rezitierte Texte aus den Kriegsjahren von zum Beispiel dem im Ersten Weltkrieg gefallenen Alfred Liechtenstein vor. Umrahmt wurden die Gedichte im ersten Teil des Konzerts mit einer Auswahl stimmungsvoller Klavierstücke. Besonderen Eindruck hinterließ Brechts „Legende vom toten Soldaten“, deren Beschreibung über die Perversitäten in Zeiten eines Krieges Ansull eindrucksvoll vortrug. Etwas bizarr und verwirrend war das von Arthur Lourié vertonte Dramolett „Der Irrtum der Frau Tod oder der 13. Gast“, das von dem russischen Futuristen Welimir Chlebnikow verfasst wurde. Das überschaubare Publikum am Samstagabend im Kinder- und Jugendtheater Gong in Hermannstadt/Sibiu schien durch das auf Deutsch vorgetragene Programm verunsichert zu sein. Die Konzerte hatten insgesamt einen hohen Anspruch an ihr Publikum, wenn man bedenkt, dass viele Besucher hier wahrscheinlich zum ersten Mal sogenannter Neuer Musik begegneten.

Die Ankündigung einer Beethoven-Sonate lockte am Abend darauf ein paar mehr Musikliebhaber in den kleinen Saal des Gong-Theater. Die erste Hälfte des Klavier-Recitals mit dem Pianisten Moritz Ernst gestalteten wiederum Ullmann und Hannenheim, deren Werke trotz biografischer Nähe sehr unterschiedlich ausfallen. Beide Komponisten sind im Jahr 1898 geboren und haben als Soldaten den Ersten Weltkrieg erlebt. Zudem wurden sie durch den Unterricht bei Arnold Schönberg und seine Zwölftonmusik beeinflusst. Hannenheim, der während des Zweiten Weltkriegs unter anderem durch die Bearbeitung von Volksliedern überleben konnte, wurde aufgrund einer psychiatrischen Krankheit Opfer der umfangreichen Euthanasie der Nationalsozialisten. Inwiefern seine Krankheit zur eigenwilligen Tonsprache seiner Musik beigetragen hat, kann ähnlich wie im Fall von Robert Schumann nur vermutet werden. Im Gegensatz zu Ullmanns Oeuvre ist es bei Hannenheim aber weitaus schwieriger, inhaltliche Bezüge in seiner Musik festzustellen.

Das zauberhafte und mystische Stück „Masques“ vom russischen Futuristen Arthur Lourié stand durch seine klangliche Nähe zu Debussy den Werken der Schönberg-Schüler gegenüber. Der Pianist Moritz Ernst, der in seinem Repertoire neben Alter Musik viele Raritäten des 20. Jahrhunderts bereithält und bereits mehrere Uraufführungen bestritt, spielte Beethoven so frech und flott, dass man meinen könnte, der Wahlwiener hätte seine Werke mindestens 100 Jahre später komponiert. Diese frische Interpretation der Beethoven-Sonate Nr. 31 konkurrierte jedoch leider mit einem verstaubten Flügel und einer wenig brillierenden Raumakustik.

Die verschiedenen Programme und Besetzungen des Festivals wurden jeweils zweimal vorgetragen: in Klausenburg/Cluj und in Hermannstadt/Sibiu. Den Höhepunkt für die Hermannstädter stellte sicherlich das Konzert der Geigerin Marianne Böttcher dar, deren Familie aus Hermannstadt/Sibiu stammt. Die Großnichte von Norbert von Hannenheim führte zusammen mit dem Berliner Pianisten Björn Lehmann die 4. Sonate für Violine und Klavier ihres Verwandten zum ersten Mal auf. Besonders angetan war das Hermannstädter Publikum in der Philharmonie aber von den „Variationen und Fugato über ein eigenes dorisches Thema“ Erwin Schulhoffs, die Björn Lehmann solistisch am Klavier herausragend interpretierte. Zusammen mit den „6 rumänischen Volkstänzen“ von Béla Bartók, die Marianne Boettcher mit sichtlichem Spaß und Inbrunst auswendig vortrug, bildeten diese Werke den Höhepunkt des sehr abwechslungsreichen Programmes und rundeten das gesamte Festival mit einem gelungenen Ausklang in Hermannstadt/Sibiu und in Klausenburg/Cluj ab.

Auch im nächsten Jahr will sich der 2013 gegründete Verein „musica suprimata“ für die Wiederbelebung der durch nationalsozialistische und kommunistische Gewaltherrschaften unterdrückten Musik in Siebenbürgen einsetzen. Das Jahr 2015 enthält durch den 70. Todestag Hannenheims wiederum eine programmatische Bedeutung, die in mindestens einem Konzert aufgegriffen werden soll. Im Zuge des Ersten Weltkrieges jährt sich 2015 auch der Völkermord an den Armeniern zum 100. Mal. Ähnlich wie in diesem Jahr soll das geschichtspolitische Jubiläum in der Programmkonzeption mitbedacht werden. Musikalischer Höhepunkt im nächsten Jahr stellt die Aufführung von Ullmanns Klavierkonzert dar. Bis dahin ist den Beteiligten und auch dem Anliegen ihrer Sache eine noch größere Aufmerksamkeit im Veranstaltungsraum Siebenbürgen zu wünschen.

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