Musiktheken und Leichenarien

Außergewöhnliche Eröffnung einer Ausstellung im Teutsch-Haus

Mittwoch, 26. Februar 2014

Musikwart Kurt Philippi führte anhand der „Musikthek“ (dem offenstehenden Schränkchen) aus Klosdorf in die evangelische kirchenmusikalische Tradition ein.

Beim Choralbuch von 1788 (oben) und der Klavierschule des Organisten Michael Ludwig Nr. 16 handelt es sich nicht um Drucke sondern Handschriften.
Fotos: Hannelore Baier

Hermannstadt - Es widerstrebe ihm über Musik zu sprechen, sagte der Musiker Kurt Philippi, zu Beginn seiner Präsentation. Am Schluss der Ausstellungseröffnung von Freitagabend im Teutsch-Haus musste festgestellt werden, dass die Exposition ohne die Einführung durch den Musikwart der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien, die seine Gattin Ursula Philippi ins Rumänische übersetzte, schlichtweg fade wirkt. In Schaukästen zu sehen sind Notensätze, Choralbücher, Handschriften über und von Musikern aus drei Jahrhunderten evangelischer Kirchenmusik in Siebenbürgen, darunter die Partitur eines Dictums von Johann Sartorius d. Ä. (1682-1756) aus Großschenk/Cincu, ein Choralbuch von 1788 in wunderschöner Schrift, das Manuskript „Aus dem Leben des Organisten Michael Schuster Nr. 5 (1804-1895)“ aus Schweischer/Fişer oder Ernst Irtels Meditation für Orgel über „Der alte Brunnen“, 1986 verfasst. Erst das Singen mit Instrumentalbegleitung des Dictums auf den 1. Sonntag nach Epiphanias für Canto, Alto, Tenor, Basso, 2 Violinen, Alto Violin, 2 Corni und Orgel von Johann Knall jedoch ließen erkennen, welch klangliche Schätze sich hinter den Noten verbergen. Selbst wenn sie von Komponisten stammen, von denen man kaum gehört hat.

Mit den Partituren und Komponisten verflossener Zeiten intensiv zu befassen begonnen hat sich Musikwart und Bachchor-Dirigent Kurt Philippi, nachdem im Zuge des Einsammelns der Kirchenarchive aus den Dörfern nach der massiven Ausreise von 1990 und ihrem Sicherstellen in Sammelstellen bzw. dem Zentralarchiv der Evangelischen Landeskirche, vor seiner Bürotür im Landeskonsistorium Bananenschachteln voller verdreckter und ungeordneter Musikalien abgestellt wurden. Darüber war er zunächst nicht glücklich, sagte Philippi. Er sollte die Partituren säubern und zusammenfügen, was durch wiederholtes Umlagern auseinandergerissen worden war. Das Ergebnis ist eine „Bestandsaufnahme des nicht verlorenen Notenmaterials“, denn anzunehmen ist, dass manche Handschriften auf unterschiedliche Weise abhanden kamen. Der Verlust sei zu verschmerzen, meinte jedoch der Musikwart: Die Sachsen benötigen nochmals über 800 Jahre Existenz, um alle Kompositionen aufzuführen, deren Notenmaterial erhalten blieb. Allein an „Leichenarien“ seien so viele vorhanden, dass sich jeder in der verbliebenen Gemeinschaft eine andere auswählen kann und immer noch welche bleiben.    

Das musikalische Leben in den Dorfgemeinschaften stellte Kurt Philippi anhand der „Musikthek“ aus Klosdorf/Cloaşterf vor, einem Kästchen (dies von 1819), in dem die Noten der Adjuvanten untergebracht waren. Dergleichen Musiktheken gab es in sozusagen allen Gemeinden, in ihnen befanden sich Abschriften aus Werken von Haydn oder Mozart, aber eben auch Partituren einheimischer Musiker. Die Kästchen geben Antwort auf die Frage, was auf den Dörfern an Musik gespielt worden ist.
An zentraler Stelle standen in Klosdorf die „Leichenarien“, vierstimmige Chöre mit oder ohne Instrumentenbegleitung, deren Produktion sehr groß war, wie Philippi feststellen konnte. Ebenfalls zu den Begräbnissen gehörten die „Leichenmärsche“. Es gab „Kirchenleichen“ und „Marschleichen“ – wohl Begräbnisse aus der Kirche oder vom Haus des Verstorbenen aus –, die den Adjuvanten unterschiedlich „entlohnt“ wurden, was selbstverständlich festgeschrieben stand. Das tiefere Fach des Kästchens war der Kategorie „Polka, Walzer und Märsche“ vorbehalten, die zu weltlichen Festen gespielt worden sind. Der wichtigste Stoß jedoch waren die „Gesänge“, d. h. die Noten für den Sonntagsgottesdienst.

Allein in Klosdorf, einem der reichsten der heute bekannten Musikarchive, sind 46 verschiedene Dicta auf Sonn- und Festtage erhalten. Bei der Ausstellungseröffnung mitsamt dem Publikum (darunter viele Bachchor-Mitglieder), Gesangs- und Instrumentalsolisten aufgeführt wurde ein Dictum von Johann Knall (1734-1794) aus dem Gemeindearchiv Großschenk, einem Zeitgenossen von Carl Philipp Emanuel Bach, und in dessen Stil verfasst. Als „Ausdruck der siebenbürgischen Seele“ bezeichnete Kurt Philippi die Dicta, die von den evangelischen Dorfgemeinschaften mit Unterstützung der Adjuvanten in den Gottesdiensten gesungen wurden, traurig muss man sein, angesichts der verlorengegangenen kirchenmusikalischen Kultur. Die Ausstellung im Terrassensaal des Teutsch-Hauses kann man bis zum 28. Februar besichtigen.

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