Musizieren für ein besseres Leben

Der Verein „Concordia Transilvania“ engagiert sich für arme Familien in Holzmengen und Neudorf

Montag, 21. Januar 2013

Christlicher Glaube und soziales Engagement gehören für Ruth Zenkerth zusammen.

In der Holzmengener Grundschule üben Kinder und Jugendliche Volkstänze für das Dorffest am 20. Juli.

Der renovierte Bauernhof Nr. 225 ist das Concordia-Sozialzentrum und Anlaufstelle für Menschen mit Sorgen und Fragen.
Fotos: Holger Wermke

In der winzigen Sporthalle der Grundschule in Holzmengen/Hosman drängen sich trotz Ferienzeit fast 50 Kinder. In einer Ecke bollert knisternd ein Ofen. Er sorgt an diesem kalten Januartag für ein wenig Wärme in dem hohen Raum. In der Mitte der Halle dirigiert ein älterer Herr die ungeduldige Kinderschar. Zwei Gruppen hat er gebildet, die sich in Reihen aufstellen. Dann bugsiert er die Kleinen an den Rand, die Großen kommen in die Mitte, abwechselnd ein Junge und Mädchen.

Es dauert eine Weile, bis Gheorghe Grama Ordnung in das Gewusel gebracht hat und die Tanzstunde beginnen kann. Auf dem Programm steht ein rumänischer Volkstanz aus der Hermannstädter Gegend, Gramas Kollege Constantin spielt ein paar Takte auf dem Akkordeon. Die Kinder beginnen, den Grundschritt zu üben: Einander an den Händen fassen und dann vier Schritte nach rechts, vier Schritte nach links und wieder von vorn...

Ruth Zenkerth beobachtet das Spektakel mit sichtlichem Vergnügen. Sie hat Grama aus Ploie{ti in die Abgeschiedenheit des siebenbürgischen Harbachtales geholt bzw. ist er ihr gefolgt zu ihrem neuen Projekt. Vor einem Jahr verließ Zenkerth die Metropole Bukarest, wo sie 20 Jahre lang das Sozialzentrum „Sankt Lazarus“ der Hilfsorganisation „Concordia“ leitete. Nach zwei Jahrzehnten war für sie die Zeit gekommen, die Verantwortung vollständig abzugeben an die einheimischen Mitarbeiter. Gleichzeitig fühlte sich die 50-Jährige stark genug, noch einmal etwas Neues aufzubauen.

Hilfe für arme Familien im ländlichen Raum

Während die bisherige Arbeit vor allem hilfsbedürftigen Kindern gewidmet war, reifte in ihr schon länger der Wunsch, auch etwas für die Familien zu tun, aus denen die Kinder stammen. „Wir wussten, dass vor allem hier im ländlichen Raum sehr viele Familien sind, die in Armut leben, die wenig Perspektiven haben und wo es noch keine Ideen gibt, wie man diesen Leuten eine Zukunft baut“, berichtet Zenkerth.

Ins Harbachtal brachte sie letztlich ein Zufall. Über den Kontakt zum in Rothberg/Roşia lebenden Pfarrer und Schriftsteller Eginald Schlattner kam sie in diese wenige Kilometer nordöstlich von Hermannstadt/Sibiu gelegene Gegend, wo sie und einige Mitstreiter Anfang 2012 mit der Betreuung von Roma-Familien begannen. Zur selben Zeit gründete Zenkerth den Verein „Concordia Transilvania“, womit sie auch die organisatorische Trennung zum bisherigen Projekt klar absteckte.

Über Umwege fand die engagierte Frau ein Haus in Holzmengen, die heutige Casa Ilie, wo sie das Zentrum des neuen Vereins etablierte. Hier befinden sich mittlerweile ein Sozialzentrum, das Büro sowie Unterkünfte für Freiwillige und Gäste. Nur eine Straße entfernt wird derzeit ein weiteres Haus als Gäste- und Mitarbeiterhaus renoviert. „Und dann haben wir um die Ecke ein Grundstück gekauft, wo wir eine kleine Musikschule bauen wollen. Auf dem gleichen Grundstück wollen wir auch ein Waschzentrum einrichten, wo vor allem die Mütter kommen können, um Wäsche zu waschen, und auch Duschen wird es geben“, informiert Zenkerth. Außerdem ist die Einrichtung eines so genannten „Tiger-Shops“ geplant.

„Tiger“-Geld als Arbeitslohn

In dem Laden können mit der  Concordia-eigenen Währung „Tiger“ Lebensmittel und Produkte des täglichen Bedarfs eingekauft werden. Die „Tiger“ werden auch in anderen Projekten eingesetzt und haben sich als Entlohnung oder Taschengeld für Kinder oder die geleisteten Stunden in Arbeitsprojekten bewährt. Es handelt sich um eine unbürokratische Lösung für die Mitarbeit im Rahmen der Projekte, erläutert Zenkerth, die den betreuten Menschen Zugang zu günstigen Waren ermöglicht.

Außerdem verhindert man damit, dass beispielsweise Väter das Geld verwalten und davon Alkohol kaufen – den es in Tiger-Shops nicht gibt. Neben Holzmengen arbeitet der Verein schwerpunktmäßig noch im nahen Neudorf/Nou, wo er die ehemalige evangelische Schule kaufte. Ähnlich wie in Holzmengen sollen dort ein Sozialzentrum und eine Musikschule entstehen. Außerdem „will ich, dass da auch irgendwann eine Gruppe von uns lebt und wohnt“, wünscht sich Zenkerth.

Anders als andere Hilfsorganisationen setzt die Concordia-Stiftung auf langfristige und permanente Betreuung der hilfsbedürftigen Menschen vor Ort. Zenkerth und ihre Mitarbeiter besuchen regelmäßig ausgewählte Familien. Im direkten Kontakt hat sie ein tiefes Verständnis für die Situation der Roma, die sich oft selbst als Rumänen betrachten, entwickelt.

Die am Rande der Dorfgemeinschaften lebenden Familien bestreiten ihr Leben unter widrigsten Umständen, beobachtete Zenkerth. Alltägliche Dinge wie heizen, Wasser holen oder Wäsche waschen benötigen so viel Zeit und Energie, dass kaum mehr Kraft für anderes bleibt. „Ihr Leben ist unvorstellbar mühsam“, meint Zenkerth. Ohne Hilfe von außen sei es schwer, dem Loch an Armut zu entrinnen.

Oft geht es um banale Dinge, etwa dass die sechs Mitarbeiter des Vereins versuchen, den Menschen die Sinnhaftigkeit von Ordnung beizubringen, ihr Leben zu strukturieren oder regelmäßig zu waschen. Ein Prozess, der „unglaublich lange dauert“, so Zenkerth. Diese Besuche sind aber auch nur ein Teil ihres Ansatzes. Besonderen Wert legt man bei Concordia Transilvania auf Sozialerziehung über Musik. Die Musik steckt in den Menschen, hat Zenkerth beobachtet. Beim gemeinsamen Musizieren kommen vor allem Kinder zusammen. Sie lernen, aufeinander zu hören oder miteinander zu arbeiten.

Für dieses Projekt konnte sie sechs Musiker der Hermannstädter Philharmonie gewinnen, die regelmäßig Stunden in Holzmengen, Rothberg und Neudorf geben.

Dörfer zu neuem Leben erwecken

Zenkerth ist ambitioniert. Man denkt im Gespräch mit ihr unwillkürlich an Caroline Fernolend in Deutschweißkirch/Viscri oder Barbara Schöfnagel in Probstdorf/Stejărişu, die jede auf ihre Weise die Entwicklung von Dorfgemeinschaften voranbringen möchten. „Die Dörfer müssen wieder zu Leben kommen“, ist ihr Wunsch. Es geht ihr um eine Stimmungsänderung vor Ort, die auch bei Besuchern Eindruck hinterlässt.

Als Beispiel führt sie den Besuch einer Kirchenburg an. „Jetzt ist es so, dass alles verschlossen ist. Ein Sachse sperrt heute die Tür auf und weint, dass hier alles zugrunde geht. Das ist die Stimmung bei den Kirchenburgen.“ Sie möchte die vorhandenen Potenziale nutzen. Die Bewohner sollen ihre Arbeitskraft einsetzen, vom Tourismus profitieren. Das kulturelle Leben soll durch die musikalischen Aktivitäten gestärkt werden. „Vielleicht kommen dann sogar ein paar Sachsen zurück“, meint sie schmunzelnd.

Doch zunächst geht es in kleinen Schritten weiter. In diesem Jahr sollen alle Häuser des Vereins zum Laufen gebracht werden. Derzeit sucht Zenkerth neue Mitarbeiter für ihre zahlreichen Projekte, darunter Sozialarbeiter, Pädagogen und Menschen mit kreativen Fähigkeiten. Am 20. Juli ist das zweite Dorffest für die Bewohner von Holzmengen geplant.

„Wir hatten letztes Jahr ein großes Dorffest, wo alle im Dorf eingeladen wurden, gegen jeden Ratschlag der Rumänen – und das war am Ende sehr, sehr gelungen“, freut sich Zenkerth. Für das nächste Fest proben bereits die Kinder – ihre Tanzvorführung soll einer der Höhepunkte werden.


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Wer ist Ruth Zenkerth?

Geboren 1961 in Schwäbisch Hall trifft sie 1984 in einer Bibelschule in Israel auf Pater Georg Sporschill. Durch ihn ließ sie sich für die Bibel begeistern. „Er hat einen tollen Umgang mit und Zugang zu der Bibel, sodass es einfach lebensnah ist – da hat für mich die Bibel begonnen, ein lebendiges Buch zu sein, aus dem man viel Kraft herausholen kann.“

Sie studiert Religionspädagogik und arbeitet als Volontärin in einem Sozialprojekt von Sporschill mit. Zwischen 1988 und 1992 leitet sie das Jugendhaus der Caritas in Wien, anschließend geht sie nach Bukarest, wo sie die nächsten 20 Jahre lebt. Woher sie Kraft und Motivation bezieht, ihr Leben den Armen und Schwachen der Gesellschaft zu widmen, sei sehr leicht zu beantworten, meint Zenkerth, wenn man mit den Menschen zusammen ist, sieht, wie etwas zurück kommt und wie sie wachsen. 2012 hat sie sich in Holzmengen niedergelassen, um „ein Zeichen zu setzen, dass wir nicht einfach nur daher kommen und kurz etwas machen“. Sie hat für sich entschieden, ganz in dem Dorf zu leben, was nach ihren Worten dazu führte, dass sie und ihr Projekt im Dorf gut angenommen wurden.

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Die Concordia-Stiftung

Die Concordia-Stiftung wurde von dem österreichischen Jesuitenpater Georg Sporschill ins Leben gerufen. Man orientiere sich an der Bibel, gehe dorthin, wo die Not am größten ist und sei „Sozialunternehmer“, heißt es auf der Internetseite der Stiftung. Im Laufe der Jahre hat die Stiftung eine Reihe von unterschiedlichen Projekten auf den Weg gebracht. 1991 kam Sporschill im Rahmen der Caritas nach Rumänien, wo er zunächst das Sozialzentrum „Sankt Lazarus“ nach dem Vorbild eines Wiener Projektes gründete, eine Anlaufstelle für Straßen- bzw. elternlose Kinder.

Die Stiftung betreibt mehrere Kinderhäuser in Ariceşti, Ploieşti und Dorohoi. Zusätzlich gibt es Ausbildungswerkstätten, Wohngemeinschaften und Hilfe beim Weg in ein selbstständiges Leben. 2003 weitete die Stiftung auf Drängen der rumänischen Mitarbeiter ihre Aktivitäten in die Republik Moldau aus, wo sie ebenfalls Kinderhäuser, Sozialzentren und Suppenküchen betreibt. Seit 2008 gibt es auch ein Sozialzentrum in der bulgarischen Hauptstadt Sofia.

In den drei Ländern sind derzeit rund 1000 Kinder und 5000 alte Menschen in Betreuung. Finanziert werden die Projekte über Spenden. Die Stiftung hat einen Freundeskreis aufgebaut, der die verschiedenen Projekte unterstützt.

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