Mut zur Diskussion!

Über die Vorzüge der Heimat, aus der Ferne betrachtet

Donnerstag, 15. Juni 2017

Zu den wesentlichen Vorteilen meines Rumänienaufenthalts zählt für mich, dass man auch damit beginnt, über seine eigene Heimat nachzudenken. Dinge, die normalerweise alltäglich und selbstverständlich sind, erscheinen aus der Ferne in einem ganz neuen Licht. Ein Beispiel dafür ist natürlich die deutsche Bürokratie, auf die so gerne geschimpft wird. Die starren Regeln würden keinen Raum für Flexibilität und Spontanität lassen, lautet der Vorwurf. Wirklich zu schätzen weiß ich sie erst, seitdem ich erlebt habe, wie an der Universität in Klausenburg Prüfungstermine plötzlich verlegt werden oder das Seminar jede Woche zu einer anderen Uhrzeit stattfindet. Funktionierende Regeln bedeuten Planungssicherheit, Flexibilität schlägt schnell in Willkür um.

Ähnlich ist es im Bereich der Notengebung, die auch an deutschen Universitäten immer wieder kontrovers diskutiert wird. Die Noten seien zu gut, lautet der allgemeine Vorwurf und tatsächlich gibt es zumindest in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern nur wenig Studenten, die wirklich „schlechte“ Zensuren bekommen. In Rumänien scheint dieser Trend noch deutlich stärker zu sein. In meiner letzten Prüfung erhielten sechs der elf teilnehmenden Studierenden die maximale Punktzahl und damit auch die bestmögliche Note, wobei die anderen fünf Studenten nur wenig schlechter abschnitten. Man könnte sich nun darüber freuen, dass wir alle scheinbar exzellente Nachwuchswissenschaftler sind und die guten Resultate dementsprechend genießen, andererseits fällt schnell auf, dass sich rumänische Professoren scheinbar nur selten trauen, „ehrliches“ Feedback zu geben.

An deutschen Universitäten ist es beispielsweise vollkommen selbstverständlich, nach einem Referat mit dem Vortragenden zu besprechen, was gut gelungen war und wo noch Verbesserungspotenzial besteht. Das ist zwar manchmal unangenehm, weil die eigenen Fehler offengelegt werden, zweifellos hilft es jedoch dabei, sich zu verbessern. In Rumänien habe ich es bisher noch nie erlebt, dass überhaupt Feedback gegeben wurde. Selbst bei schlecht recherchierten, un-übersichtlichen und komplett abgelesenen Präsentationen wird dem Referenten artig gedankt und anschließend kommentarlos das Seminar fortgesetzt. Auch für unsere Professoren ist es in Deutschland völlig selbstverständlich, sich am Ende des Semesters Feedback von den Studierenden einzuholen. Das gibt es in den rumänischen Kursen de facto gar nicht. Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass meine Kommilitonen hier weniger diskutierfreudig sind als wir in Deutschland. Damit will ich auf gar keinen Fall sagen, dass an deutschen Universitäten permanent weltverändernde Debatten zwischen Professoren und Studenten stattfinden. Allerdings ist es dort selbstverständlich, mit Professoren zu streiten und mit Argumenten zu versuchen, ihre Hypothesen zu entkräften. Diese kritische Grundhaltung vermisse ich hier sehr!

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