„Mythisches Transsylvanien“

30. Siebenbürgische Akademiewoche tagte in Katzendorf

Sonntag, 13. September 2015

Die 93-jährige Ilona Neni erzählt gerne von ihren jungen Jahren in Katzendorf

Festvortrag von Hon.-Prof. Dr. Konrad Gündisch Fotos: Thomas Şindilariu

Unter einer mächtigen Linde im Pfarrhof Katzendorf/Caţa hört eine Gruppe von etwa 30 Leuten gespannt den Erzählungen der 93-jährigen Dorfbewohnerin Ilona Neni zu. Die Ungarin schildert in einem fast  perfekten Deutsch wie das Leben in dem kleinen Dorf in der Nähe von Reps früher war. Es ist der letzte Tag der Siebenbürgischen Akademiewoche, die vom 16. bis zum 21. August in Katzendorf organisiert wurde. Die diesjährige Ausgabe trug das Motto „Mythisches Transsylvanien“.

Die Veranstaltung von Studium Transylvanicum (ein im Jahr 1987 entstandener offener Kreis junger Studenten, Akademiker und an Siebenbürgen Interessierter), dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e. V. an der LMU München sowie dem Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde e. V. Heidelberg findet seit 2008 in Rumänien statt - fast jedes Mal an einem anderen Tagungsort.

Das Ziel der Internationalen Siebenbürgischen Akademie ist, Studierenden und Jungakademikern, die sich mit der Region beschäftigen, die Möglichkeit zu bieten, ihre Projekte zur Diskussion zu stellen und Kontakte zu knüpfen. Die Akademiewoche richtet sich hauptsächlich an den akademischen Nachwuchs aus den Bereichen der Geschichts-, Politik-, Sozial-, Literatur-, Kunst- und Kulturwissenschaften sowie der Archäologie, der Geografie und der Religionsgeschichte. Referenten können Postdoktoranden, Doktoranden, Studierende oder Siebenbürgen-Interessierte im weitesten Sinne sein.

Von Vampiren bis Social Media

Schon immer haben Mythen die Entstehung von Gemeinschaften in Siebenbürgen geprägt. Heute ergeben sich daraus zahlreiche Fragen: Wie kommt ein Gemeinschaftsgefühl oder die Überzeugung, zu einer „überlegenen“ Gruppe zu gehören, zustande? Welche konkurrierenden Mythen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft finden sich in den siebenbürgischen Literaturen? Auf diese und weitere Fragen zum Zusammenhang zwischen Mythen und Gruppen- oder Gemeinschaftsbildung in und um Siebenbürgen hat man in der diesjährigen Jubiläumsausgabe der Akademiewoche versucht, Antworten zu finden.

Die Teilnehmer wählten für ihre Vorträge spannende Themen wie „Legendäre Erscheinungen und Personen in der Buchgeschichte“, „Legenden der rumänischen Revolution 1989“, „Carmen Sylva“, „Identitätsbildung im Märchen“, „Buffalo Bills Tournee durch Siebenbürgen“, „Vampire aus geschichtlich-wirtschaftlicher Perspektive“ oder  „Social Media als Veröffentlichungsplattform von Abstammungstheorien“.

Den rund 30 Teilnehmern aus Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Österreich, Rumänien, Schweden und Ungarn, die am 16. August auf dem Pfarrhof von Katzendorf/Caţa Quartier bezogen haben, wurde neben den Vorträgen auch ein umfassendes Rahmenprogramm angeboten: Lesungen mit den Schriftstellern Frieder Schuller und Jürgen Israel, Ausflüge nach Draas/ Drăuşeni und Hamruden/Homorod, Besichtigung des Bethlen-Schlosses aus Unter-Krebsdorf/ Racoşul de Jos, Baden trotz kalten Wetters im See von Krebsdorf/Racoş. Außerdem hatten die jungen Leute die Gelegenheit, interessante Dorfbewohner kennenzulernen, ihnen Fragen zu stellen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Auf dem Programm standen ein Besuch beim orthodoxen Pfarrer des Dorfes und das Gespräch mit Ilona-Neni.

Eine multiethnische und plurikonfessionelle Region

In seinem Festvortrag am letzten Tag der Akademiewoche betonte  Hon.-Prof. Dr. Konrad Gündisch vom Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München die Wichtigkeit Siebenbürgens als multiethnische und plurikonfessionelle Region. Anschließend wurde eine Festschrift, die zum Anlass der Jubiläumsausgabe erschienen ist, an die Teilnehmer verteilt. Die Zeitschrift bietet einen Rückblick auf die vorherigen Editionen. Diese fanden in Deutsch-Weisskirch/Viscri, Wolkendorf/Vulcan, Julius-Römer-Hütte auf dem Schuler/Postăvaru, Kallesdorf/ Arcalia, Michelsberg/ Cisnădioara und Probsdorf/Stejărişu statt. Dabei wurden Themen wie „Kulturgeschichte Siebenbürgens“, „Der Donau-Karpaten-Raum und Europa“, „Nationale Erinnerungskulturen“, „Lesen und Lernen“, „Kronstadt und das Burzenland“, „Personengeschichtliche Zugänge zu Kultur und Geschichte Siebenbürgens“, „Europaweite Rezeption Siebenbürgens“, „Siebenbürgen in Konflikten, Krisen und Kriegen“ oder „Alltag und Koexistenz in Siebenbürgen“ aufgegriffen.

Ebenfalls durch  einen Rückblick - diesmal durch Foto-Strecken, die Thomas Şindilariu nach dem Abendessen präsentierte - erinnerten sich die Teilnehmer an die vorherigen Auflagen, in denen das Thema „Siebenbürgen“ immer eine zentrale Rolle gespielt hat.

Gefördert wird die Siebenbürgische Akademiewoche von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages sowie dem Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration/HDO München.

Kommentare zu diesem Artikel

dan, 24.09 2015, 09:30
ich bezweifle, daß die die dargebotenen Präsentationen und das Motto "Mythisches Transsylvanien" viel über die Geschichte und Aktualität in Siebenbürgen aussagen.

Es scheint sich hier mehr um eine pseudowissenschaftliche Veranstaltung gehandelt zu haben, die Nichtsiebenbürgern oder vor langer Zeit Ausgewanderten irgendwelche beliebigen Vorträge präsentiert hat..

Es ist lächerlich, daß insbesondere Themen, die Nichtsiebenbürger bzw. Südrumänen auch nicht mehr interessieren sollten, bei so einer "wissenschaftlichen" Veranstaltung auf den Tisch kommen wie "Carmen Sylva" "Vampire" ...
obwohl es überfällig ist, Themen wie z.B. geschichtliche und zukünftige Zusammenleben der Ethnien in Siebenbürgen, die Gründung des rumänischen Nationalismus in Siebenbürgen oder die Rolle der Sb. Sachsen bei der Entwicklung eines rumänischen Nationalbewußtseins anzusprechen.

So aber geht es munter weiter im "Mainstream"-Vermitteln an die ausländischen Gäste..
Ob das zu einem realistischeren und nüchternen Bild Rumäniens und der Rumänen bei den Westeuropäern beiträgt wage ich zu bezweifeln.

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