„Nachholbedarf gibt es immer“

Gespräch mit Herbert Grün, Geschäftsführer des Caritas-Verbands der römisch-katholischen Diözese Temeswar

Mittwoch, 06. März 2013

Herbert Grün ist seit 20 Jahren Geschäftsführer der Caritas Temeswar.
Foto: Zoltán Pázmány

„Man muss diesen Drang haben, Menschen helfen zu wollen“: Herbert Grün, Geschäftsführer des Caritas-Verbands der römisch-katholischen Diözese Temeswar/Timişoara, ist überzeugt, dass nicht jeder für die Sozialarbeit bestimmt ist. Er selbst leitet seit 1993 die Caritas Temeswar – eine Hilfsorganisation, die im Banat zahlreiche Sozialprojekte fördert. Nicht nur Waisenhäuser, sondern auch Suppenküchen und Obdachlosenheime wurden in den vergangenen 20 Jahren im Banat eingerichtet. Für die Kommunen ist die Entlastung meist sehr groß. ADZ-Redakteurin Raluca Nelepcu traf den Caritas-Geschäftsführer und führte mit ihm folgendes Gespräch.

Seit 20 Jahren sind Sie Geschäftsführer des Caritas-Verbands der römisch-katholischen Diözese in Temeswar. Was war für Sie damals die größte Herausforderung?

1993 haben wir den Caritas-Verband der Diözese gegründet und seitdem bin ich Geschäftsführer des Caritas-Verbands, dessen Generaldirektor der römisch-katholische Generalvikar Johann Dirschl ist. Damals begannen wir, Sozialprojekte in unserer Diözese auf langfristige Zeit aufzubauen. Unser erstes Projekt war eine Hauskrankenpflege-Sozialstation in Temeswar, ein Pilotprojekt für Rumänien, das damals gemeinsam mit dem deutschen Caritas-Verband auf die Beine gestellt wurde. Solche Hauskrankenpflege-Sozialstationen wurden im Mai 1994 in Temeswar und in Reschitza eröffnet.

Heute betreut die Caritas Temeswar mehr als 20 Sozialprojekte im Banat. Wie kamen diese Projekte im Laufe der Jahre zustande?

Diese Projekte wurden immer dann initiiert, wenn wir den Bedarf in dem einen oder anderen Sozialbereich erkannt haben. Ausschlaggebend waren aber auch die Spender aus dem Ausland, die zu uns kamen und Projekte initiieren wollten. Ein zweiter Schwerpunkt nach der Hauskrankenpflege waren die Kinderheime. Wir haben bereits im Jahr 1994 die ersten Kinderheime auf familiärer Basis eröffnet, also keine großen Heime, wie wir sie in Rumänien gewohnt waren, sondern kleine Familienhäuser mit 15 bis maximal 20 Kindern. Diese Kinderheime entstanden infolge der Hilfslieferungen, die aus Deutschland und Österreich ins Banat gekommen waren. Das erste Kinderheim war jenes in Wetschehausen/Pietroasa Mare in der Nähe von Lugosch/Lugoj. Die Caritas Eisenstadt kam Anfang der 1990-er nach Rumänien und brachte Hilfsgüter nach Lugosch. In der Neuropsychiatrie-Abteilung des Kinderkrankenhauses in Lugosch fand man gesunde Kinder. Man erkannte sofort, dass man diese Kinder von dort herausholen musste. Eine andere Initiative kam über die Hilfsorganisation „Hilfe für Rumänien“ aus Nordrhein-Westfalen (NRW). 

Man eröffnete in Temeswar eine Schule zur Ausbildung der Krankenschwestern und Heilpädagogen – die „Sancta Maria Hilfe“-Schule. Man brachte aus NRW mehrere Fachlehrkräfte – Psychologen, Krankenschwestern, Sonderpädagogen u.a. Experten – und aus dieser Initiative entstanden drei weitere Projekte: die Kinderheime in Neupetsch/Peciu Nou, eine Kindertagesstätte für behinderte Kinder in Mercydorf/Carani und das Kinderheim in Neubeschenowa/Dudeştii Noi für schwerbehinderte Kinder, das auch heute noch von  Schwester Chiquita geleitet wird. Es kamen am Anfang sehr viele Spenden und viel Unterstützung aus dem Westen, aus Deutschland und Österreich. Inzwischen haben aber auch die Kommunen in Rumänien erkannt, dass sie sich bei diesen Sozialprojekten einbringen müssen.


In welchen Ortschaften bekommen Sie Unterstützung von der Kommunalverwaltung?

Wir bekommen Unterstützung von der Stadt Temeswar, mit der wir seit fünf Jahren eine gute Zusammenarbeit pflegen.  Nach dem Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union fiel die Finanzierung seitens des deutschen Caritas-Verbands und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit für die Hauskrankenpflege-Sozialstation aus, sodass wir plötzlich auf eigenen Beinen stehen mussten. Dann gingen wir zu den Gemeinden, um Unterstützung für diese Hauskrankenpflege zu verlangen. Heute bekommen wir Unterstützung von den Kommunalverwaltungen in Temeswar, Perjamosch/Periam, Reschitza, Karansebesch, Ferdinandsberg/Oţelu Roşu, Steierdorf-Anina, Berzeasca, Lăpuşnicel und Coronini.


Inwiefern gibt es in Rumänien Unterstützungskreise?

Auch aus Rumänien kommen in letzter Zeit Spenden. Aber auch hier geht es hauptsächlich um ausländische Firmen, die in Temeswar tätig sind. Es sind italienische oder österreichische Firmen, die uns immer wieder von ihrem Steuernablass Spenden zukommen lassen. Unsere Sponsoren sind Cottontex und Hartl Transporte Rumänien. Darüber hinaus gibt es auch kleinere Firmen, wie  z. B. Lasting, die ab und zu Laptops oder Computer für die Kinder aus den Kinderheimen spenden. Es gibt auch materielle Spenden, wie zum Beispiel von Smithfield Temeswar, die uns Lebensmittel fürs Kinderheim in Temeswar, aber auch für die Suppenküchen und das Nachtasyl immer wieder in den letzten zwei Jahren großzügig zur Verfügung stellten.

Manche Leute spenden auch für die Obdachlosen etwas. Das passiert meist um die Feiertage herum – Weihnachten oder Ostern. Was traditionell für die Rumänen ist, ist dieser Totenschmaus, die sogenannte „Pomana“. Einige kommen ins Nachtasyl und geben da mal ein Abendessen für die Obdachlosen zur Erinnerung an ihre Toten aus. Außerdem gibt es die Zwei-Prozent-Kampagne, wo man zwei Prozent der Einkommenssteuer an die Caritas Temeswar spenden kann. Das hat auch in den letzten Jahren zugenommen. Sonst hat sich hinsichtlich der Spendenfreundlichkeit der Rumänen nicht so viel verändert.

Wie ist es um die Finanzierung der Caritas für das Jahr 2013 bestellt?

Wir haben unsere festen Partner aus dem Ausland, mit denen wir jährlich Vereinbarungen treffen, denn es geht letztendlich um Spenden. Diese Vereinbarungen sind für dieses Jahr abgeklärt, die Spenden für unsere Projekte wurden zugesagt. Wir haben kein Großtopf-Spendenverfahren, sondern gezielte Projekte. Jede Organisation spendet gezielt für ein Projekt, das sie meist auch initiiert hat und weiterhin verfolgt. Außer den Spenden aus dem Ausland bekommen wir, wie bereits erwähnt, Unterstützung von den Kommunen, sowie eine Subvention vom Sozialministerium aus Bukarest, die von dem Gesetz Nr. 34 aus dem Jahr 1998 geregelt wird. Für dieses Jahr haben wir ungefähr 120.000 Euro für gezielte Projekte nach einem gewissen Budget-Schema, das wir auch einhalten müssen, bekommen. Ein wichtiger Partner für uns ist die Krankenkasse Temeswar, mit deren Hilfe wir das Hospiz in Temeswar zu ungefähr 80 Prozent finanzieren können. Wir bekommen für die Kranken Tagessätze von der Krankenkasse, die wir dann auch gesetzlich und gerecht nach dem System der Krankenkasse abrechnen müssen.

Die Sozialprojekte der Caritas decken unterschiedliche Gebiete ab, beginnend von der Betreuung von Waisenkindern über Unterstützung für obdachlose Menschen bis hin zur Krankenpflege. In welchem dieser Bereiche ist die aktuelle Unterstüzung der Caritas nicht ausreichend?

Nachholbedarf gibt es immer und in fast allen Bereichen. Wir müssen immer deutlich erkennen, was wir tun können und wofür unser Budget nicht ausreicht. Wir haben vor einigen Jahren auch eine andere Initiative – eine Selbstversorgung auf der Farm in Bakowa – begonnen. Hier arbeitet nicht nur ein Teil unserer Angestellten, sondern auch die Bewohner der Farm, alles obdachlose Menschen. Wir betreiben Landwirtschaft und Viehzucht, haben somit eine Selbstversorgung auf die Beine gestellt. Dadurch, dass wir Getreide ernten, Milchprodukte herstellen, Mehl und Fleisch haben, können wir also auch für uns etwas produzieren. Der Alltag auf der Farm ist wie in einem Unternehmen: Die Leute kommen zur Arbeit und jeder weiß, was er zu tun hat. Wir haben auch Werkstätten auf der Farm in Bakowa, denn es ist wichtig, dass man solche Leute, wie in diesem Fall die Obdachlosen, in ein geregeltes Programm bringt, damit ihnen bewusst wird: Wenn sie etwas bekommen, müssen sie dafür auch etwas tun. Wir produzieren hier auch Einwegpaletten, die von unserem Partner, der Firma SanSwiss, abgenommen werden.

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