Nathan in der Postmoderne?

Armin Petras inszeniert Lessings Klassiker in deutsch-rumänischer Co-Produktion

Dienstag, 16. Juni 2015

Am Montag und Dienstag zogen im Rahmen des Internationalen Theaterfestivals in Hermannstadt die mysteriös anzusehenden Trommler der britischen Truppe „Worldbeaters Music“ mit rythmischen Klängen durch die Heltauergasse/Str. Nicolae Bălcescu.
Foto: Robert Pfützner

Ein Ereignis besonderer Art, und sicher einer der Höhepunkte des diesjährigen Internationalen Theaterfestivals in Hermannstadt/Sibiu, konnten die Besucher am Montag Abend im ausverkauften Radu-Stanca-Nationaltheater erleben. Unter der Regie von Armin Petras wurde ein Klassiker der deutschen Aufklärung, Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ aufgeführt. Der Produktion, die gemeinsam vom Radu-Stanca-Nationaltheater und dem Schauspiel Stuttgart verwirklicht wurde, gelingt es auf außergewöhnliche Weise, die Aktualität des über 200 Jahre alten Stoffes zu verdeutlichen. Petras und sein Team transponieren Lessings Stück in einen aktuellen Kontext und setzen den Ur-Text – gesprochen in deutsch, rumänisch und englisch - in ein vielschichtiges Spannungsverhältnis zum schauspielerischen Ausdruck und einem brachialen, zerbombten Bühnenbild. Starke Bilder bleiben in Erinnerung. Bühne, Maske, Beleuchtung und die musikalische Begleitung durch Marius Mihalache setzen das hochkarätige rumänisch-deutsche Schauspielteam (unter anderem Ofelia Popii, Peter Kurth und Katharina Knap) beeindruckend in Szene.

Immer wieder wird der Gang der Handlung unterbrochen, mal von surrealen Tanzdarbietungen des Derwischs, von Bombenalarm und Explosionen oder am Ende von einem E-Gitarrensolo Sultan Saladins („Highway to Hell“). Slapstickhafte Komik wechselt mit bitterem Ernst, ironische, an Zynismus grenzende Abgrenzung von der Vorlage Lessings mit pathetischer Identifikation. Daja steht am Bühnenrand und rezitiert ihren Text aus einem gelben Reclam-Heft. Inmitten der rauchenden Bombentrümmer setzt die psychisch zerstörte Recha zu einer Hymne an: „Ich liebe diesen Ort! Ich liebe den Staub! Ich liebe die Bomben! Da ist das Heilige Land! Ich höre die Bomben, ich höre den Klang der Zukunft!“ Freilich bietet auch der altehrwürdige Kaufmann Nathan in diesem apokalyptischen Ambiente keine positive Identifikationsfigur, er erinnert eher an einen, dem Mafiösen nicht fern stehenden, Businessman. Diese Brüche, die ein schonungsloses Abbild der Realität von Krieg und Terror auf die Bühne bringen, kontrastieren mit Lessings Optimismus eines toleranten Miteinanders der Religionen und Kulturen. Und auch wenn nicht postmoderne Beliebigkeit, sondern ein starkes Statement gegen die Verheerungen der Gewalt am Ende steht, bleibt die Frage nach dem Weg in eine bessere Welt offen, das Versprechen der Aufklärung uneingelöst.

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