Nationswerdung

Montag, 02. Januar 2012

1978 wurde ich, als Frendsprachenlehrer, zum Dolmetschen im Internationalen Kinderlager Năvodari delegiert. In den Sommerferien sollte ich für die deutsch sprechenden Gäste als Dolmetscher und Begleiter arbeiten. Wegen der miserablen Unterkunfts- und Verpflegungsbedingungen hauten bald mehr als die Hälfte der Dolmetscher ab und plötzlich stand ich auch als Dolmetscher der französisch sprechenden Tunesier und Algerier da.

So hatte ich meist rechterhand „Kinderland-Junge Garde“ der Austro-Kommunisten des Franz Muhry und die Pioniere der DDR – bzw. deren Begleiter – linkerhand die beiden Delegationsleiter aus Tunesien und Algerien, die sich untereinander überhaupt nicht vertrugen. Hassan, der Tunesier, warnte mich, wenn wir unter vier Augen waren, vor dem „Schweinefleisch(fr)esser“, dem Berber, während der Algerier Mohammed jede Gelegenheit nutzte, mich vor allzu großer Freundschaft mit Hassan zu warnen, der ein arabischer Fundamentalist sei.


Erst viel später, als ich Lucian Boias „Două secole de mitologie naţională“ (=Zwei Jahrhundete nationaler Mythologie) las, erinnerte ich mich an die Episode mit den zwei Nordafrikanern, patente Kerle und bald meine guten Freunde.

Boia schreibt im Kapitel „Eine Nation – eine Sprache“ über die Nationswerdung der Türken und ihre – bis heute nachklingenden – Probleme mit den Armeniern und Griechen. Wie die Türken erst Mal 1915 die Armenier „los wurden“, was bis heute die Frage aufwirft, ob das nun Völkermord oder Deportation mit tragischen Folgen war (600.000 bis 800.000 Armenier kamen um – man lese Franz Werfels „Die vierzig Tage des Musa Dagh“) und wie sie in der „Kemalistischen Offensive“, rund anderthalb Millionen Griechen – bis dahin war die Küste Kleinasiens vorwiegend griechisch – verjagten oder in einem Bevölkerungstausch „transferierten“. Die Kurden wurden kurzerhand zu Türken deklariert.
 

Ähnlich erging es den nordafrikanischen Berbern. Offiziell sind sie heute in Marokko 33 Prozent, in Algerien 25 Prozent der Bevölkerung. Sie sind Nordafrikas Ureinwohner. Sie widersetzten sich zäh der arabischen Eroberung und hatten im marokkanischen Mittelalter lange ein berberisches Königreich. Trotzdem sind heute Marokko und Algerien arabische Staaten, statt sich arabisch-berberisch zu nennen.


Die zwei letzten Jahrhunderte des abgelaufenen Jahrtausends waren Jahrhunderte der Nationen. Dafür suchen wir noch nach Ersatz. Die EU? Eine der Lehren der Geschichte ist, das ein In-den-Schatten-Stellen einer Kultur, ihr Vergessen-Machen, effektive Assimilationen begleitet oder ankündigt. Auch das schreibt Lucian Boia, der statistisch nachweist, wie die Nationen im 20. Jahrhundert „wuchsen“, zuungunsten von Ethnien oder Minderheiten. Dass die Rumänen in der Dobrudscha binnen 100 Jahren zur Mehrheitsbevölkerung wurden, wie die rumänische Mehrheitsbevölkerung in Siebenbürgen, im Banat und im Partium wuchs und wie die anderen „Nationen“ schrumpften.
 

Unsere Deutschen Foren sollten intensiver über Assimilationsdruck und Kulturpflege nachdenken.

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