Negresco, Chagall und Pinocchio

Drei Schnappschüsse aus Frankreich

Samstag, 31. Januar 2015

Marc Chagalls Grab in Saint-Paul de Vence
Foto: der Verfasser

Kürzlich verbrachten meine Frau und ich drei Tage in Nizza. Am ersten Tag besuchten wir den Markt und die Altstadt, dann liefen wir die Promenade des Anglais entlang, atmeten die Meeresbrise ein und genossen das Sonnenlicht. Plötzlich sahen wir auf der anderen Straßenseite das Hotel Negresco. Henri Negresco, der Gründer dieses Hotels, wurde als Sohn eines Gastwirts in Rumänien geboren, wanderte mit 15 Jahren nach Frankreich aus und wurde dort Anfang des vergangenen Jahrhunderts vom Tellerwäscher zum Millionär. Das Hotel Negresco in Nizza ist ein ästhetischer Genuss und seine Lobby steckt voller Kunstschätze. Ich stellte mich vor den Hoteleingang und ließ mich von meiner Frau ablichten. Sollte beim Foto-Herumzeigen heißen: Guckt mal, was für ein raffiniertes Hotel! Und außerdem: Da schaut mal her, was einer, der aus Rumänien auswandert, so alles schaffen kann. Am zweiten Tag stiegen meine Frau und ich in den Bus nach Saint-Paul de Vence. Saint-Paul de Vence liegt 20 Kilometer von Nizza entfernt, und die Fahrt bis dorthin kostete nur 1,50 Euro. Darüber habe ich mich sehr gefreut, denn obwohl ich schon vor 37 Jahren aus Rumänien ausgewandert bin, bin ich leider im Gegensatz zu Negresco immer noch kein Millionär geworden.

Saint-Paul de Vence ist ein malerisches Dorf auf einem felsigen Hügel, mit Blick auf die Berge und das Mittelmeer, mit reichlich Kräuterduft und allen sonstigen Schikanen eines mediterranen Traumortes. Dort lebte auch Marc Chagall, um die 15 Jahren lang, wegen des magischen Lichts, und dort liegt er nun begraben in einem einfachen Steingrab auf einem kleinen Friedhof, umgeben von Zypressen und Pinienbäumen. Chagall emigrierte aus Weißrussland nach Frankreich, er war  damals 23 Jahre alt. Ließ sich in Paris nieder, bezog im 15. Arrondissement sein eigenes Atelier und ist nach und nach mit seinen magischen Bildern ins Bewusstsein der Menschheit vorgestoßen. Ich fotografierte Chagalls Grab und postete es bei Facebook mit dem Vermerk: Hier ruht Marc Chagall, geboren in Weißrussland. Seine Heimat war ihm die wichtigste Inspirationsquelle. Dazu bekam ich unzählige likes weltweit, die meisten aus dem Osten Europas. Dann spazierte ich durch die engen, mittelalterlichen Dorfgassen, und vor dem Eingang zu einer Kunstgalerie, neben einem kleinen Brunnen, traf ich Pinocchio, meinen alten Freund. Er lehnte lässig an der uralten Steinwand und war so groß wie ich. Pinocchio stammte nicht aus dem Osten Europas, wie Negresco oder Chagall, sondern aus Italien. Aber vor vielen Jahren, als ich noch ein Kind war, hat Pinocchio in meiner Heimatstadt Reschitza gelebt. Ich las damals das Buch, in dem er als Held vorkam, mindestens dreimal, danach lief ich mit ihm an der Hand durch die Straßen von Reschitza, und in der Grundschule saßen wir in derselben Bank. Ich allein konnte ihn sehen und mit ihm sprechen, und er sprach mit mir, auf Deutsch oder Rumänisch, weil ich damals noch kein Italienisch verstand.

Ich stellte mich in Saint-Paul de Vence neben Pinocchio und bat meine Frau, ein Foto von uns zu machen, aus dem Profil. Das Foto hängt nun in Postergröße in meiner Wohnung. Pinocchio steht rechts von mir und hat eine ellenlange Nase, woraus sich schließen lässt, dass er kurz vor diesem Schnappschuss heftig gelogen haben muss. Meine Nase ist hingegen normal groß. Und wenn ich mich jetzt im Spiegel betrachte, ist sie immer noch nicht gewachsen, was eindeutig heißen will: Alles, was ich hier erzählt habe, ist wirklich wahr.

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*