´Nestbeschmutzer`

Mittwoch, 30. Januar 2013

„Die Gegenwart ist ein Werk der Vergangenheit“, schreibt der wichtigste rumänische Zerstörer nationalkommunistischer Geschichtsklischées, Lucian Boia, in seinem jüngsten, viel und kontrovers diskutierten Buch „De ce este România altfel?“(=Warum ist Rumänien anders?), erschienen bei Humanitas Ende 2012, das meistverkaufte Buch auf der jüngsten Bukarester Weihnachts-Buchmesse. Das Buch, das erstmals seit 1907 offen die Frage stellt: „Sind die Rumänen (noch) eine Nation?“ (implizite der Infragestellung von Verfassungssentenzen) behandelt Heikles und Nationalismenberührendes in der kompromisslos entmythisierenden Manier des in Frankreich lehrenden Rumänen, „verzweiflungsfördernd, verärgernd, provozierend und unbequem“, wie es der Klausenburger Ovidiu Şimonca in einer der vier Rezensionen dazu charakterisiert, die im „Kulturellen Beobachter/Observator Cultural“ veröffentlicht wurden (drei Rezensenten lobend, einer meckert, allerdings ohne überzeugende Argumente).

Lucian Boia lässt in seinem jüngsten Buch – eine Art Synthese vorgegangener – die rumänische Geschichte Revue passieren und stellt „Gewissheiten“ in Frage. Anders als sein älterer Kollege Neagu Djuvara, der Einzelfälle herausgreift (etwa Ursprung der walachischen Fürstengeschlechter oder den Seitenwechsel Rumäniens bald nach Stalingrad) und apodiktisch entmythisierend (aber in der Argumentation überzeugend) in Buchform behandelt, geht Boia eher den Weg der synthetischen Behandlung der Gesamtgeschichte mit Infragestellung „allgemein akzeptierter `Wahrheiten´“, die nie hinterfragt wurden. Boia macht dabei hochgradig Mentalitätsgeschichte – schließlich fragt er zwar, warum Rumänien anders ist, meint aber auf fast jeder Seite offensichtlich die Rumänen“ – und kommt damit in die Nähe zweier anderer unbedingt lesenswerter Autoren (für jene, die Rumänien besser verstehen möchten), von D. Drăghincescu mit seinem 1907 veröffentlichten Buch „Din psihologia poporului român“(=Aus der Psychologie des rumänischen Volkes) und der Bücher des aus Oltenien stammenden Soziologen und Psychologen C. Rădulescu-Motru. Beide Autoren vom Beginn des 20. Jahrhunderts haben wissenschaftlich, ergebnisoffen und unvoreingenommen schon vor Lucian Boia Fragen gestellt und sind zu untereinander verträglichen Schlussfolgerungen gekommen. Und beide Wissenschaftler sind bis zum heutigen Tag weder in der rumänischen Populär- noch in der akademischen Wissenschaft sehr beliebt (ob die Politik sie überhaupt kennt, bleibt dahingestellt) – wie alle, die als „Nestbeschmutzer“ gelten, wenn sie ehrliche Wahrheitsfindung betreiben und ihre Ergebnisse den Subjekten ihrer Untersuchungen un-verblümt ins Gesicht sagen.

Unvorstellbar, dass ein Akademiemitglied Dinu Giurăscu (mit 86 bei den jüngsten Wahlen erstmals ins Parlament gelangt) oder Dan Berindei, der unter Spitzelverdacht stehende ebenfalls gut über 80jährige Vorsitzende der Geschichtsabteilung der Akademie, jemals auch nur gedacht hätten wie Boia. Wen wundert`s, dass sich die Schulgeschichte Rumäniens nicht ändert?

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