Neue Blicke auf die sächsischen Kirchenburgen

Jürgen van Buers Fotografien aus Siebenbürgen

Freitag, 13. Juli 2018

Der befestigte Glaube. Kirchenburgen in Siebenbürgen. Herausgegeben von Jürgen van Buer und Josef Balazs. Berlin: Logos Verlag 2018, 319 Seiten, ca. 260 s/w-Fotografien, 26,5 x 27,5 cm, 55 Euro, ISBN 978-3-8325-4613-7

Die Wiederentdeckung Siebenbürgens und vor allem seiner Kirchenburgenlandschaft in den letzten rund zwei Jahrzehnten ist inzwischen keine Nachricht mehr wert. Und in dem Maße, wie dieser vormals fast vergessene Prototyp eines Paradieses wieder ins Bewusstsein der europäischen Öffentlichkeit rückte, in dem Maße nahm auch die Zahl der Bücher über die Kirchenburgen zu: touristische Augenöffner, wissenschaftliche Grundlagenwerke, Stimmungs- und Untergangsverarbeitungsbücher, Fotografenbände ganz unterschiedlicher Ausrichtung. Selbst die Fachleute verloren irgendwann den Überblick.

Nun kommt ein neuer Titel auf den Markt: „Der befestigte Glaube“ zeigt die Kirchenburgen so, wie Jürgen van Buer sie sieht. Es ist der Blick eines nebenamtlichen Profi-Fotografen, denn eigentlich ist van Buer kürzlich emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik der Humboldt-Universität Berlin. Als Fotograf stellt er jedoch bereits seit zwanzig Jahren aus, wobei er Siebenbürgen für sich erst vor wenigen Jahren entdeckt hat. Um dann bei zwei offenbar recht intensiven Reisen 2015 und 2017 das Bildmaterial entstehen zu lassen, das in diesen Band Eingang gefunden hat. Es ist ein unüblicher Blick, weswegen sich auch der Band deutlich von den zahlreichen anderen zum Thema abhebt. Es sind Schwarz-Weiß-Aufnahmen, bei denen Licht und Schatten neben den Objekten selbst die Hauptrolle spielen. Wohltuend wirkt gleich zu Beginn, dass hier keinesfalls versucht wird, einen weiteren Beitrag zur „Elendsfotografie“ zu leisten, die so en vogue und die man inzwischen mehr als leid ist. Im Gegenteil, hier geht es um die Ästhetik der historischen Bauwerke, immer im Bestreben, die Schönheit der Form, die historische Eleganz wirken zu lassen. Selbst die wenigen Bilder, auf denen der Verfall nicht übersehen werden kann, rufen kein Endzeitgefühl hervor. Sie zeigen vielmehr, dass selbst die Endhaftigkeit des Irdischen wohlproportioniert ist, ja sogar schön sein kann. Die Aufnahmen finden sich im „Nach-Schauen“ benannten Hauptteil des Buches, den van Buer in zwölf „Bildepisoden“ aufteilt: Außenhaut, Innenhaut, Kirchenbänke, Emporen, Fundsachen, Erinnerung sind einige der die Gliederung begleitenden Begriffe.

Im abschließenden Abschnitt „Nach-Denken“ befassen sich drei Autoren aus theoretischer Perspektive mit Fragen der Fotografie: Andreas Kohring stellt als Historiker die Narrationsfähigkeit von Fotografien in Frage, der Kulturwissenschaftler Thomas Düllo befasst sich mit der Kommunikationsfähigkeit von Fotografien und Jürgen van Buer versucht zu erklären, „Warum man nicht neben oder hinter ein Bild schauen kann“. Doch blicken wir noch etwas eingehender auf den ersten Abschnitt „Nach-Spüren“. Als Siebenbürgen-Fachmann konnte Jürgen van Buer für dieses Buch Josef Balazs gewinnen, der ihm schließlich auch als Mit-Herausgeber zur Seite stand. Balazs stellt kundig „historische und geographische Merkwürdigkeiten“ über Siebenbürgen und die Siebenbürger Sachsen zusammen und zeichnet die Genese der Legende von den Hamelner Kindern nach und wie der Irrtum hinzugedich tet wurde, dass sie in Siebenbürgen aus der Erde wieder herausgekommen seien. Den historischen Kontext für die Entstehung der Kirchenburgenlandschaft stellt anschließend Konrad Gündisch her, wobei sein Beitrag eigentlich mehr, nämliche eine anschauliche Geschichte des Wehrwesens der Sachsen seit der mittelalterlichen Ansiedlung bis in die Frühe Neuzeit bietet.

Dennoch gibt es ein Monitum, das unerwähnt bleiben könnte, wenn der Titel nicht das Versprechen gäbe, den „befestigten Glauben“ zu thematisieren. Es fehlt jedoch jede Bezugnahme auf das Hauptwort des Titels, auf den Glauben, um den es gehen soll, selbst in der Bildepisode 6 „Des Glaubens Innenraum“. Aber welcher Glauben? Der christliche, soviel können wir mehr indirekt erschließen – aber sonst? Muss da nicht etwas mehr dazu gesagt werden, wenn man den Glauben oben drüberschreibt? Was ist das, Glaube? Westkirchlicher Glaube an der äußersten Grenze zur Ostkirche, beide expansiv und bald bedroht vom Islam? Dann reformatorischer und bald explizit lutherischer Glaube in Abgrenzung zu zahlreichen anderen Konfessionen im Rahmen der lange Zeit größten europäischen Vielfalt überhaupt? Schließlich Glaube an sich im Kontrast zu atheistischer Ideologie? Man kann natürlich auch nur die Bauwerke und die Ästhetik der Architektur oder der Landschaft sehen, wie das heute oft geschieht. Aber dann darf der Glaube nicht als das, was es zu befestigen galt (nur durch steinerne Wehrhaftigkeit?), so prominent im Titel stehen. So aber fehlt dann doch der zentrale Inhalt – der Schlussstein, um in der Sprache der Baugeschichte zu bleiben. Der Qualität der Bilder und dem neuen, frischen Blick tut dies freilich keinen Abbruch.

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