Neue Chancen einer anderen Zeit

Gespräch mit Uwe Seidner, evangelischer Pfarrer in Wolkendorf

Freitag, 22. November 2013

Pfarrer Uwe Seidner Foto: Ralf Sudrigian

Blick auf den Turm der evangelischen Kirche in Wolkendorf. Foto : Waldemar Stadler

Pfarrer Uwe Seidner wurde nach seinem Theologiestudium und dem Vikariatsabschluss im April 2008 vom Landeskonsistorium der evangelischen Kirche A.B. in Rumänien als Pfarrer nach Wolkendorf entsandt und im Juni desselben Jahres ordiniert. Er betreut seelsorgerisch auch die Gemeinden Neustadt und Weidenbach. Im nachfolgendem Gespräch spricht Pfarrer Uwe Seidner über die Wolkendorfer Kirchengemeinde mit ihren neuen Herausforderungen – eine Kirchengemeinde, die heute 115 Mitglieder zählt und deren Kurator Reinhard Beer ist.

Was für eine Gemeinde fanden Sie in Wolkendorf vor, als Sie da zum Pfarrer ordiniert wurden?

Als ich nach Wolkendorf kam, lernte ich eine ganz andere Gemeindestruktur kennen, wie wir sie gewohnt sind. 1989 war ich erst neun Jahre alt, also habe ich knapp etwas mitgekriegt von den alten Strukturen, den Traditionen und Bräuchen, den althergebrachten Strukturen der Siebenbürger Sachsen. Nach der Wende sind dann alle diese eingebrochen – im Alten Land, in Stolzenburg, wo ich aufgewachsen bin, mehr als hier, im Burzenland. Es war deshalb attraktiv für einen jungen Pfarrer, seine Tätigkeit da beginnen zu können. Die drei Gemeinden - Wolkendorf, Neustadt, Weidenbach – brachten 2008 um die 300 Seelen zusammen, was für unsere heutige Verhältnisse schon fast ein Luxus ist, nachdem ja über 90 Prozent der Gemeinschaft abgewandert ist.

Die Frage stellte sich: wie geht man mit solchen Gemeinden um? Man lernt zunächst die demografische Struktur der Gemeinde kennen. Sind es alte Menschen, aber auch Menschen die im besten Arbeitsalter stehen; gibt es eine heranwachsende Ge-neration, gibt es Kinder? Das alles konnte ich in kurzer Zeit feststellen. In Wolkendorf ist es ja wie überall in unseren Gemeinden, dass die ältere Gruppe, die Senioren, sehr gut vertreten ist. Aber in Vergleich zu Neustadt, wo die junge Gemeinde etwas fehlt, so ist sie in Wolkendorf doch da. Welche Herausforderungen bringt die Arbeit  mit dieser  heranwachsenden Generation?

In Wolkendorf gab es viele Mischehen. Diese Eheleute sind dann auch nicht ausgewandert. Die meisten der Kinder (über 90 Prozent) stammen aus Mischehen. Einer der Elternteile ist entweder rumänischer oder ungarischer Abstammung. Diese Kinder sind zwischen zwei Welten hin- und hergerissen. Werden sie konfirmiert? Bleiben sie orthodox? Wo sind sie zu Hause? Die meisten sprechen auch deutsch. Bis Anfang der 2000er Jahre gab es auch deutsche Schulklassen; heute gibt es eine deutsche Kindergartenabteilung die Beatrice Tittes betreut. Nicht alle Kinder erlernen Deutsch von klein auf. Das muss hauptsächlich schulisch vermittelt. In wenigen Fällen bringen sie auch das Siebenbürgisch-Sächsische mit. Ein Teil dieser Generation erlebt die deutsche Sprache in der Anfangszeit als Fremdsprache. Zudem besteht die Möglichkeit, in Zeiden oder auch in Kronstadt die deutsche Schule zu besuchen.

Die Gemeindearbeit als Pfarrer unter jungen Menschen muss auch identitätsstiftend sein, also den Kindern ein Zuhause schaffen. Erfolg hat diese Arbeit wohl dann, wenn sie sich bewusst werden, dass nicht nur die Ausflüge der Gemeinde und die gemeinsamen Treffen „cool“ sind, sondern wenn man sich auch verantwortlich für die Geschichte, die Gebäude, die Kirche fühlt, wenn sie sich im Gottesdienst auch heimisch fühlen.

Wie können solche Erwartungen auch erfüllt werden?

Ich suche mir gezielt jedes Jahr eins-zwei Themen aus. Es handelt sich meistens um religiöse Thematik, aber auch um das, was  uns  etwas für die heutige Zeit bringt. So zum Beispiel entdeckten wir den Apostel Paulus auf unserer Griechenlandreise im Vorjahr als Grenzgänger: einer der Grenzen gesprengt hat, um eine Gemeinschaft für die ganze Welt zu öffnen. Ähnlich müssen wir auch heute denken bezüglich unserer zahlenmäßig klein gewordenen evangelischen Kirche: Inwieweit öffnen wir uns und wem öffnen wir uns.
Zuerst sollten wir uns mal denen öffnen, die schon etwas mitbringen. Wenn wir an die alten Zeiten der Siebenbürger Sachsen denken, so war es kaum denkbar, dass Kinder aus Mischehen oder aus ganz anderen konfessionellen Umständen in die Gemeinde hineingewachsen sind. Heute ist es anders. Heute ist es eine Chance – diese Leute zu mobilisieren, sie zu motivieren, sie in der Nähe zu halten.

Trauert man in Wolkendorf nicht den „alten Zeiten“ nach?

Viele stellen die Frage: Wie ist es heute für euch? Ist es schlechter als früher. Denn früher war so viel los: Blasmusik, Kirchenchor, Traditionen. Ja, in Wolkendorf ist das alles weggefallen, wir haben keinen Kirchenchor mehr. Es gibt zwar eine Blasmusik im Ort, sie gehört aber der politischen Gemeinde. Sie ist jederzeit bereit, die Lieder bei unserem Kirchenfest zu spielen. Und selbstverständlich auch bei den Begräbnissen. Wir merkten, man musste vieles reduzieren weil es an Menschen fehlte. Es ist einiges verloren gegangen. Aber mein Spruch ist: Es ist nicht schlechter als früher, es ist auch nicht besser. Es ist halt anders. Jede Zeit bringt ihre Vor- und Nachteile. Genau so ist es in einer Kirchengemeinde.

Heute haben wir Chancen, die hatten wir früher nicht. Zum Beispiel die Chance einer Gastgeberkirche. Ich will da das Bild von Pfarrer Cosoroabă aufgreifen. Auch heute noch prägen die Kirchenburgen das Bild Siebenbürgens. Die Kirche galt anfangs als einfacher, schlichter Sakralbau wo man sich zum Gottesdienst einfand. Dann kamen die Siedler nach Siebenbürgen. Das brachte neue Herausforderungen. Die Kirche erlebte eine Metamorphose – aus dem Sakralbau wurde eine Kirchenburg, ein Schutzraum. Eine Gewichtsverlagerung war notwendig. Irgendwann waren die Türken nicht mehr vor den Toren. Nachdem sie ihre Schutzfunktion verloren hatten, wurden die Kirchenburgen verstärkt zu Kulturbegegnungsstätten.

Die Räumlichkeiten wurden eingerichtet, umgebaut. Es entstanden Gemeindehäuser, die Blasmusik, der Kirchenchor, der Konfirmandenunterricht trafen sich da. Also eine Art Begegnungsstätte. Nach 1989, nach der große Abwanderung fiel das jedoch weg. Die Kirchenburgen standen leer, liefen Gefahr zu Museumsstücken zu werden. Doch ist es richtig, dass Steine lebendig bleiben. Lebendig sind sie nur, wenn sich darin Menschen bewegen, ein- und ausgehen. In den letzten zehn Jahren ist der Tourismus für uns zu einer Chance geworden. Auch deswegen die Metamorphose von der Volkskirche zur Gastgeberkirche.

War das auch in Wolkendorf möglich?

Auch für Wolkendorf ist das ein Glücksfall. Ermöglicht wird dieser Wandel durch das Erholungsheim der Landeskirche, die nicht nur innerkirchliche Gäste empfängt und betreut. Die Wolkendorfer Kirchengemeinde selber hat sich auch in dieser Hinsicht weiterentwickelt und ein eigenes Gästehaus eingerichtet und eröffnet. Das ehemalige  Heim für pensionierte Kirchenangestellte wurde praktisch damit ad acta gelegt. So konnte dem Gebäude eine neue Bestimmung verliehen werden. Es sind nicht immer nur evangelische oder deutschsprachige Gäste.

Es kommen Leute nach Wolkendorf, nicht unbedingt nur zum Übernachten. Sie wandern, besichtigen die Kirchenburg. Sie werden von einer gastfreundlichen Burg empfangen mit Spezialitäten wie Baumstriezel, dem eigenen Hausbrand, Erfrischungsgetränken. Hinzu kommt die nötige Information zu der Geschichte und der Vergangenheit dieser Kirche und ihrer Gemeinschaft. Wir konnten uns mit unserer Kirchenburg gut einbringen – auch wenn es nicht, wie in Tartlau, die Vorzeige-Kirchenburg ist, aber wir konnten die nötige Infrastruktur bieten, um die Reisegruppen empfangen zu können. Die Führungen mache ich selber, wenn die Gruppen nicht eigene Führer haben. Einer der treusten Besucher ist Hermann Kurmes mit seinen Reisegruppen, der auch Mitglied in unserem Gemeindekirchenrat ist. Ideal wäre es, die junge Generation als Kirchenburgführer zu gewinnen und dafür auszubilden. Damit könnten sie sich in den Sommermonaten auch ein Taschengeld hinzuverdienen. Das wäre ein nächstes Projekt. Es gibt in dieser Hinsicht gute Beispiele in der Honterusgemeinde und in Zeiden, wo das gut funktioniert. Nur ist dort die Auswahl größer; in Wolkendorf ist die Auswahl bescheidener und auch vom Sprachlichen her müsste es besser klappen.

Wie steht es um das ehemalige Eigentum der Kirchengemeinde?

Wie alle siebenbürgisch-sächsischen Kirchengemeinden, vor allem die Burzenländer Gemeinden, haben wir ein sehr reiches Erbe, in Wolkendorf sogar zum großen Teil zurückerstattet bekommen. In Sachen Immobilien dürfen wir uns nicht beklagen. Sie sind in Nutzung, zum Teil wurden sie vermietet, die Mieten werden regelmäßig eingestrichen. Der einzige wunde Punkt ist die ehemalige deutsche Schule. Die wurde ebenfalls rückerstattet. 2006 hat das Bürgermeisteramt auf deren Nutzung verzichtet, was sich nachträglich als großer Fehler erwiesen hat. Es hatte sich ein Pächter gemeldet, der großartige europäische Bildungsprojekte versprochen hatte – das Gebäude durfte nämlich nicht zweckentfremdet werden. Seit 2009 bemühen wir uns in Zusammenarbeit mit dem Bürgermeisteramt diesen Pachtvertrag zu lösen und dem Gebäude wieder die alte Bestimmung zu übertragen.

Das Bürgermeisteramt wird dafür nur eine symbolische Miete begleichen, dafür aber das gesamte Gebäude sanieren. Wir als Kirchengemeinde haben dieses einzige Ziel – wir wären froh, wenn da Kinder, unabhängig ihrer Abstammung, wieder ein- und ausgehen. Ein erfreuliches Erlebnis war die Rückgabe des Kirchenwaldes. Die Kirchengemeinde besitzt jetzt 182 Hektar Wald, der vom staatlichen Forstamt verwaltet wird. Mit Einverständnis der Gemeinde darf es das Schlagrecht versteigern. Der Erlös wird an die Kirchengemeinde als Pacht bezahlt, abzüglich die Verwaltungskosten. Wir bemühen uns des Weiteren um die Rückgabe von Acker- und Weideland. Die Kirchengemeinde selber muss noch knapp etwas über 98 Hektar bekommen. Das scheint schwieriger voranzukommen.

Der Landwirtschaftsverein „Bona fide“ ist verpachtet an einen Agronom-Ingenieuren. Der verwaltet den Kirchengrund der z.Z. im Besitz der Kirchengemeinde ist und den Grund der Vereinsmitglieder. Jährlich wird den Vereinsmitglieder der Ertrag pro Hektar in natura oder bar ausgezahlt. Wir hoffen auf die Rückgabe weiterer landwirtschaftlichen Flächen. Da ist aber der Staat am Zug – es wurden Flächen zugesprochen im Repser Land. Der Staat hat zwar die Rückgabe genehmigt aber nicht die Vermessungen vorgenommen. Und dafür fehlt uns das Geld.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Heimatortsgemeinschaft der Wolkendorfer in Deutschland? Gibt es auch andere Partner?

Die Zusammenarbeit mit der Wolkendorfer HOG ist sehr gut. Wir werden auch regelmäßig nach Deutschland eingeladen zu den Heimattreffen der Wolkendorfer die in Friedrichroda stattfinden. Nächstes Jahr im August planen wir ein großes Treffen in Wolkendorf. Wir hoffen, dass mehr als 150 Personen anreisen. Die HOG unterstützt regelmäßig die Friedhofspflege. Eine gute Partnerschaft gibt es zur evangelischen Kirchengemeinde Schönefeld in Brandenburg. Diese besteht seit über 20 Jahren; es gab über 30 Besuche in dieser Zeit. Eines der größten Unterstützungsprojekte seitens unserer Partner aus Brandenburg war auch die Einrichtung unseres Gästehauses, wo sie fast die Hälfte der Gesamtkosten übernommen haben. Erwähnt werden sollte auch der „Kontaktkreis Siebenbürgen“ aus Ottobrunn, geleitet von Altbürgermeisterin Dr. Sabine Kudera. Die Unterstützung ist regional, umfasst auch die evangelischen Kirchengemeinden. Wir bilden dann die Brücke zu anderen Institutionen und Volksgemeinschaften.

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

Die Fragen stellte Ralf Sudrigian

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