Neue Erkenntnisse zum deutsch-rumänischen Verhältnis während des Zweiten Weltkrieges

Hildrun Glass über Deutschland und die Verfolgung der Juden im rumänischen Machtbereich 1940-1944

Dienstag, 08. September 2015

Die Münchner Autorin Hildrun Glass trat bereits durch eine Monografie zum deutsch-jüdischen Verhältnis in der Zwischenkriegszeit (1996) und einer Geschichte der Juden Rumäniens zwischen 1944 und 1949 (2002) hervor. Die vorliegende Analyse zum rumänischen Holocaust beruht auf einer sehr umfangreichen Auswertung von Quellen: Außer den Akten des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes und des Berliner Bundesarchivs hat sie viele neue Quellen aus rumänischen Archiven, aus Beständen des United States Holocaust Memorial Museum, den National Archives in Washington und anderen Archiven herangezogen. Glass wertete auch die Unterlagen aus dem Verfahren der Staatsanwaltschaft Frankenthal gegen Gustav Richter aus, den Vertreter des Reichssicherheitshauptamtes in Bukarest. Dadurch kann sie das Beziehungsgeflecht zwischen den Politikern aus dem Deutschen Reich und aus Rumänien klar bestimmen.

Sie entwickelt die von Jean Ancel gestellten Fragen nach der Planung der Schritte zur Vernichtung von Juden in Rumänien weiter. Wie sie in der Einleitung festhält, steht im Mittelpunkt dieses Buches die Interaktion zwischen deutschen und rumänischen Politikern in der sogenannten Judenpolitik. Sie untersucht sehr genau, welches die zentralen Kontaktkanäle waren und durch welche Ereignisse sich der Handlungsrahmen änderte. Nach einer kurzen Einführung über den schnell wachsenden Wirtschaftsaustausch zwischen dem Deutschen Reich und Rumänien ab 1937 analysiert Glass die immer engere politische Verflechtung. Sie teilt die deutsch-rumänischen Beziehungen in ihrer Haltung gegenüber den Juden in drei Phasen ein: die Jahre 1940/1941 kennzeichnet sie als Kongruenz bezüglich der Verfolgung und Vernichtung von Juden, ab Herbst 1942 beginnt die Phase des Dissens und mündet 1943/1944 in eine Divergenz.

Bereits in den dreißiger Jahren unterstützten Parteifraktionen der NSDAP mit Geld und Propagandamitteln rechte Kräfte in Rumänien. Doch stand noch 1939/1940 für die Reichsregierung die Lieferung von rumänischen Erdölderivaten im Vordergrund, die zur Kriegsführung unabdinglich waren. Die brutale Gewalt gegen Juden ging seit September 1940 von Horia Sima, dem Führer der Legionäre (Eisernen Garde) und stellvertretenden Staatsführer, aus. Die Legionäre versuchten mit ihrem Putsch im Januar 1941 die Alleinherrschaft anzutreten. Einige Vertreter der NSDAP und SS in Bukarest hatten sie unterstützt. Doch Hitler setzte auf Ion Antonescu, weil sich die Führung der rumänischen Armee hinter ihn stellte. Nun verlangte der neue Gesandte Manfred von Killinger in mehrwöchigen Verhandlungen von Himmler und Heydrich, dass Vertreter des Reichssicherheitshauptamtes in Rumänien nur unter seiner Kontrolle agieren sollten. Richter, der „Berater für Judenfragen“, schickte seine Berichte danach über die Bukarester Gesandtschaft an Eichmanns Abteilung.

Ion Antonescu hob 1940/41 als Ziel des militärischen Bündnisses mit dem Deutschen Reich hervor, dass es die Rückeroberung der an die Sowjetunion im Sommer 1940 zwangsweise abgetretenen Provinzen Bessarabien und die Nordbukowina ermögliche. Bei dem Treffen zwischen General Antonescu und Hitler im Juni 1941 wurde vor allem über militärische Aspekte des geplanten Angriffs gesprochen. Auch wenn die Behandlung der Juden im Frontgebiet nicht in den Protokollen erwähnt wird, geht Glass davon aus, dass eine informelle Vereinbarung über die Vertreibung der Juden aus dem Nordosten Rumäniens getroffen wurde. Über ein hartes Vorgehen gegen sie bestand Konsens, daher wurde nichts schriftlich festgehalten. Glass hebt hervor, dass sich seit Februar 1941 Antonescus Haltung gegenüber den Juden radikalisiert hatte. Er verlangte brutale Maßnahmen, um Rumänien „von dem ganzen Geschmeiß, das die Lebenssäfte des Volkes ausgesaugt hat“ zu befreien. Er äußerte: „Die internationale Lage ist günstig, und wir dürfen diesen Moment nicht verpassen.“ (S. 60).
Als die rumänische Armee an der Seite der Wehrmacht im Sommer 1941 die an die Sowjetunion abgetretenen Provinzen zurückeroberte, begannen Massenmorde an Juden, die als „Reinigung des Terrains“ bezeichnet wurden. General Antonescu stimmte zu, dass zwei deutsche Berater neue Verwaltungsgesetze für Bessarabien und die Bukowina ausarbeiteten. Sie versuchten, auch darauf Einfluss zu nehmen, dass nicht zu viele Juden sofort ostwärts ins rückwärtige Frontgebiet vertrieben würden.

Glass nennt als Kern der Kongruenz die deutschen und rumänischen Pläne zur Deportation der Juden aus Bessarabien und der Bukowina im Herbst 1941. Zum Zielgebiet in Transnistrien zwischen Dnjestr und südlichem Bug schlossen Vertreter des Oberkommandos des Deutschen Heeres und des Großen Generalstabs der Armee Rumäniens den Vertrag von Tighina am 30. August 1941 ab. Über die Vernichtung der Juden in Transnistrien ist in diesem Buch wenig zu finden, weil die zwischen rumänischen und deutschen Politikern nicht umstritten war. Glass hat sich dazu in der Einleitung zum Band 7 mit Dokumenten zur „Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden“ geäußert, der 2011 erschien.
Der erwähnte Vertrag hatte den „Abschub der Juden“ aus Transnistrien ostwärts über den Bug nach Abschluss der militärischen Operationen vorgesehen. Die Rumänen hielten an dieser Planung fest und versuchten 1942, immer mehr Juden ostwärts in das Reichskommissariat Ukraine zu vertreiben. Doch das Deutsche Reich hatte inzwischen seine Pläne verändert. Ohne mit den Rumänen darüber zu verhandeln, war bei der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 auch die Auslieferung aller Juden aus Rumänien anvisiert worden. Gustav Richter verwies auf den Bedarf von Arbeitskräften im Generalgouvernement und erhielt am 22. Juli 1942 vom stellvertretenden Ministerpräsidenten Mihai Antonescu eine schriftliche Zustimmung über die Deportation von Juden aus Südsiebenbürgen. Glass verweist darauf, dass dieses Schreiben zwar nicht gefunden wurde, doch es wird in einem Telegramm des deutschen Gesandten Killinger vom 12. August 1942 zitiert.

Eine zentrale Rolle spielt für Glass die Ankündigung der Deportation aus Südsiebenbürgen im „Bukarester Tageblatt“, das die deutsche Gesandtschaft finanzierte. Nach dem 8. August begannen einerseits viele Interventionen der bedrohten Juden. Andererseits sahen sich die rumänischen Politiker auch überfahren, weil sie nur der Auslieferung von Juden aus Südsiebenbürgen zugestimmt hatten, in dem Artikel aber stand, dass Rumänien bis 1943 „judenrein“ würde. Während Richter am 15. September 1942 einen Plan vorlegte, der auf die Deportation aller Juden aus Rumänien abzielte, setzte sich der rumänische Judenkommissar Radu Lecca plötzlich für eine Begrenzung ein. Mihai Antonescu begann vor allem nach dem Treffen mit Hitler und Ribbentropp am 22./23. September auf Distanz zu gehen. Laut Glass öffnete ihm das Gerede vom bevorstehenden „Endsieg“ die Augen. Am 29. September äußerte er erstmalig im Ministerrat, dass bald ein Kompromissfrieden angestrebt werden müsse. Im „Bukarester Tageblatt“ erschien unter dem Titel „Judenknechte“ am 11. Oktober ein heftiger Angriff, der auf Mihai Antonescu abzielte. Marschall Antonescu stand zu seinem Stellvertreter und verfügte einen vorläufigen Stopp aller Deportationen. Am 13. Oktober wurden auch einige Juden freigelassen, die nach Transnistrien wegen Verstößen bezüglich der Zwangsarbeit deportiert werden sollten.

Dieser Dissens in der Frage der Behandlung der Juden ging in den Jahren 1943/1944 in eine eindeutige Divergenz über. Nach dem Verlust vieler Tausender Soldaten in Stalingrad war für Ion und Mihai Antonescu die zentrale Frage, wie Finanzmittel für die Ausrüstung neuer Divisionen erzielt werden könnten. In dieser Situation begannen Gespräche darüber, wie etwa 80.000 überlebende Juden aus Transnistrien gegen Geld nach Palästina zu schaffen seien. Die Verhandlungen darüber mit Vertretern der Jewish Agency werden von Glass nur sehr kurz angerissen, weil sie mit ihrer Fragestellung nach den Vernichtungsplänen der Deutschen und Rumänen nicht verbunden sind. Sie führt die Tätigkeit von Vertretern des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz zugunsten der Deportierten in Transnistrien an, weil diese eine Zählung der Überlebenden durchsetzten und dadurch bekannt wurde, dass über eine Viertelmillion durch Hunger und Epidemien von Mangelkrankheiten umgekommen war.

Unter Divergenz fasst Glass vor allem die Denkschrift der rumänischen Regierung vom 26. März 1943 zusammen, in der die Emigration zur „Lösung des jüdischen Problems“ erklärt wurde. Dagegen liefen die Vertreter des Auswärtigen Amtes Sturm. Beim Treffen zwischen Hitler und Marschall Antonescu am 12./13. April 1943 wurde die unterschiedliche Haltung zur Judenfrage im deutschen Protokoll festgehalten. Besonders die Entscheidung von Marschall Antonescu, einige Tausend Deportierte aus Transnistrien im Dezember 1943 zu repatriieren, war für die Deutschen völlig unakzeptabel. Der Plan zur Verschiffung möglichst vieler Juden nach Palästina kam durch deutsche Drohungen erst ab März 1944 voran. Glass erwähnt, dass Manfred von Killinger bis August 1944 mit dem Judenkommissar Radu Lecca kooperierte, da er von ihm Informationen und vermutlich auch Geld bezog.

Die Rezensentin findet es schade, dass Glass die Bemühungen zur Rettung von Juden der Jewish Agency und anderer Organisationen nur auf wenigen Seiten streift. So bleibt die Frage offen, warum Mihai Antonescu diese Aktion unterstützte und Marschall Antonescu sie tolerierte. Es gibt Hinweise, dass sich einige Rumänen für die Rettungsaktion einsetzten, weil sie die Juden in den USA für sehr einflussreich hielten. Von denen erhofften sie sich Unterstützung bei der zukünftigen Friedenskonferenz, wenn die Zugehörigkeit Nordsiebenbürgens auf die Tagesordnung käme.
Durch die klaren Ausführungen gelingt Glass ein differenzierteres Gesamtbild der deutsch-rumänischen Beziehungen in den Kriegsjahren. Angesichts des breiten Titels fehlt aber eine Auseinandersetzung mit den Hemmnissen in der Forschung über die Vernichtungspolitik in Rumänien. Glass geht nicht auf den Kult um Antonescu in Rumänien ein, der die Forschung nach 1990 lange Zeit behindert hat. Als Mitglied der „Internationalen Kommission zur Erforschung des rumänischen Holocaust“ hätte sie dazu viel zu berichten gehabt. Erst nach der Publikation des Abschlussberichtes dieser Kommission 2005 entstand in Bukarest das Institut „Elie Wiesel“, das mit staatlichen Mitteln die Forschung zum rumänischen Antisemitismus und seinen Folgen fördert.

Der Beitrag erschien 2015 in Jerusalem in englischer und hebräischer Sprache in Yad Vashem Studies vol. 43 (1).

Hildrun Glass: „Deutschland und die Verfolgung der Juden im rumänischen Machtbereich 1940-1944“, Oldenbourg Verlag München 2013.

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