Neue Fragestellungen an die Geschichtsschreibung

Zu der Tagung „Frauen in Siebenbürgens Geschichte: Geschlechterperspektiven“

Freitag, 09. November 2012

Die Idee hatte eine Frau gehabt. Vor drei Jahren schlug Dr. Gudrun-Liane Ittu, Soziologin und Kunsthistorikerin im Institut für Geisteswissenschaften der Rumänischen Akademie in Hermannstadt/Sibiu sowie Vorstandsmitglied der Rumänien-Sektion des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde (AKSL) vor, eine Tagung zum Thema Frauen in der Geschichte Siebenbürgens zu veranstalten.

Diese fand nun am 2. und 3. November als Kooperationsveranstaltung mit dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) München und dem Stadtmuseum in Schäßburg/Sighişoara statt. Gehalten wurden unter dem Tagungstitel „Frauen in Siebenbürgens Geschichte: Geschlechterperspektiven“ insgesamt 28 Vorträge von 12 Frauen und 6 Männern.

Getagt haben die rund vierzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Internat der Bergschule. Im Festsaal des Rathauses boten Melinda Samson (Sopran) und Ursula Philippi (Klavier) einen Liederabend, in dem u. a. Kompositionen von zwei Frauen mit Tangenz zu Siebenbürgen – Berta Bock und Bertha von Brukenthal – vorgetragen wurden. Gefördert haben die Veranstaltung das IKGS und die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Bukarest. 

Seines Wissen sei es die erste Tagung zu diesem Forschungsthema in der Geschichte des 1962 wiedergegründeten AKSL (der die Tradition des 1840  konstituierten Vereins für Siebenbürgische Landeskunde fortsetzt), sagte dessen Vorsitzender Dr. Ulrich Andreas Wien. Deswegen bat er die aus Siebenbürgen stammende Dr. Angelika Schaser, die am Historischen Seminar der Universität Hamburg eine Professur für Neuere Geschichte mit einem Forschungsschwerpunkt auf Gender-Studies innehat, das Grundsatzreferat zu halten.

Dr. Schaser bot einen Forschungsüberblick zum Thema, d. h. wie die Frauengeschichte begonnen und sich über die quasi antipodische Grundhaltung zu der von Männern dominierten Geschichte in den USA seit den1970er Jahren zu einer Geschlechtergeschichte gewandelt hat. Dr. Schaser trug sodann mit willkommenen Erklärungen und Konzeptualisierungen in den Diskussionen zum besseren Verständnis manch dargestellten Themas bei.

Trotz der sehr unterschiedlichen Ansätzen gehe es mittlerweile vorrangig um eine Überprüfung der vergangenen Historiografie bzw. der Klischees und uneingestandenen Prägekräfte, um daraus „mit neuen Fragestellungen eine geschlechterbewusste Geschichtsschreibung einzuspielen“, erläuterte Dr. Wien die Problematik. Zurückfallen wolle man nicht in eine Heroisierung einzelner Frauen, sondern man möchte feststellen, gibt es Material und ist es aussagekräftig genug, um eine Forschung daraus zu machen? Andererseits soll das bestehende Material unter dieser Fragestellung ausgereizt werden, um neue Informationen zu liefern.

In mehreren Sektionen wurde über Frauen unter kulturellem, historischem oder sozialem Aspekt referiert, und zwar aus allen drei siebenbürgischen Kulturgemeinschaften: der siebenbürgisch-sächsischen, der ungarischen und der rumänischen. Den Kontakt zur ungarischen Fachwelt hatten das Vorstandsmitglied Dr. Judit Pál sowie der Germanist Dr. András Balogh aus Klausenburg/Cluj hergestellt, ein anderes Vorstandsmitglied der Rumänien-Sektion, Dr. Vasile Ciobanu, lud Forscherinnen und Forscher von der „Casa Mure{enilor“ in Kronstadt/Braşov ein. Neben der sehr vielseitigen Thematik war genügend Zeit für Diskussionen eingeplant, die genauso informativ waren wie die Vorträge von sehr unterschiedlichem Niveau.

Thematisiert wurden die Frauen in der Geschichte Siebenbürgens in der Zeit des Ersten Weltkrieges und kurz danach (Dr. Vasile Ciobanu) sowie die Behauptung der Sächsinnen auf internationalem Parkett: 1921 nahm eine Abordnung der 1919 konstituierten siebenbürgisch-sächsischen Gruppe des Frauenweltbundes zur Förderung internationaler Eintracht am Kongress in Genf teil, bei dem die Minderheitenfrage in den Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie auf der Tagesordnung stand, berichtete Ingrid Schiel.

Ein kleiner Kreis sächsischer Frauen hatte bereits vor dem Ersten Weltkrieg dank persönlicher Kontakte und einschlägigen Publikationen die Ideen der Internationalen Frauenbewegung rezipiert, zum Freien Sächsischen Frauenbund schlossen sich die einzelnen Frauenvereinigungen jedoch erst 1921 zusammen. Dessen Aufgabe bestand in „der Förderung der Vereinigungen, der Erziehung der sächsischen Frauen im Sinne einer breit gefächerten Verantwortung für das Ethnikum und die Zusammenfassung aller Kräfte in eine gemeinsame Richtung“ (Schiel). Die Referentin bot einen Blick über die Tätigkeit der sächsischen Frauenverbände bis zu deren Untergang in der Nazizeit.
Weshalb das Entstehen der Frauenbewegung (auch) in Siebenbürgen schwierig war, konnte anhand des Vortrages von Dr. Helmut Baier, dem langjährigen Leiter des EKD-Archivs in Nürnberg, verstanden werden. Er stellte das Bild vor, welches Friedrich Teutsch (1852-1933) als Schriftleiter des „Siebenbürgisch-Deutschen Tageblattes“ sowie als Bischof der Evangelischen Kirche von den Frauen hatte. Er sang ein Hohelied auf die „reine“ Sächsin, die sich als Künstlerin oder Ärztin zwar versuchen dürfe, als Lehrerin aber untauglich sei. Als Gattin habe sie dem Mann den Rücken freizuhalten, d. h. sich um Haushalt und Kinder zu kümmern. Punkt.  

Wie schwer Frauen es hatten, selbst die heute als „typisch“ weiblich betrachteten Berufe auszuüben und dafür ausgebildet werden zu können, schilderte die Natur- und Umweltwissenschaftlerin Dr. Erika Schneider, anhand der Geschichte des Lehrerinnenseminars in Schäßburg. Durchgesetzt werden musste zunächst bei der Evangelischen Kirche A. B. die Anstellbarkeit von Lehrerinnen – was 1901 nach mehreren Anläufen geschah –, wonach 1904 auch die Gründung eines Lehrerinnenseminars beschlossen wurde.

Selbstverständlich lernten die Frauen nach einem anderen Lehrplan als die Jungen, jedoch war die Ausbildung mustergültig. So sehr, dass Mütter ihre Töchter auf diese Schule schickten, um als Hausfrau und Erzieherin ihrer Kinder – und also in der ihr vom Mann verpassten Rolle – zu entsprechen. Eine ständige Streitfrage blieb bis zum Zweiten Weltkrieg, ob die Lehrerinnen verheiratet sein dürfen.

Dieses Problem stellte sich im Fall der Diakonissen nicht – die ebenfalls einen Dienst außerhalb des Hauses ausüben wollten, der ihnen in der Familie selbstverständlich zustand: die Pflege der Alten und Kranken. Über die Gründung des ersten Diakonissenhauses in Hermannstadt und dessen Tätigkeit referierte Dr. Ulrich Wien, die deutsch-ungarischen Spannungen im Management des Diakonissenhauses „Bethesda“ in Budapest zu Beginn des vorigen Jahrhunderts stellte Dr. Juliane Brandt (München) vor.   

Anhand einer konfessionsgeschichtlichen Analyse erläuterte Dr. Edit Szegedi, dass die Geschlechterrolle im 17. Jahrhundert eigentlich unproblematisch war und erst nachträglich, im 19. Jahrhundert, in Frage gestellt wurde. Die Wende im Bild von der Frau erfolgte in der Gesellschaft dank der wirtschaftlichen Entwicklung, der Entstehung des Bürgertums sowie der Trennung von Wohn- und Arbeitsraum, erläuterte Dr. Angelika Schaser. Erstgenannter Bereich bleibt der Frau vorbehalten, die zudem die Kinder versorgen muss, die dank zunehmendem Wohlstand nicht von klein auf mitarbeiten müssen.

Ein dankbarer (Frauen) Bereich ist jener der Kunst, und daraus referierten Dr. Gudrun Ittu über bildende Künstlerinnen und die Klausenburger Germanistik-Dozentin Dr. Réka Sánta Jakabházi über die Lyrikerinnen Anemone Latzina, Ana Blandiana und Gizella Hervay und ihr Werk in den Endsiebziger Jahren. Über Karin Gündisch in Michelsberg sowie Bettina Schullers Erzählband „Transsilvanien – Spielplatz der Gedanken“ sprachen die Doktorandinnen Silvana Pop bzw. Beatrix Nicoriuc.

Dass auch in diesem Bereich tätige Frauen in das Visier der Securitate geraten waren – darunter Grete Löw und Hermine Pildner-Klein – zeigte Dr. Stefan Sienerth anhand von Urkunden aus dem CNSAS-Archiv sowie dem Nachlass in Gundelsheim. Doch hat es auch Frauen gegeben – wie „Marga“ – die Handlangerinnen des Repressionsapparates waren.   Viele der in den Vorträgen angesprochenen Themen hätten eine eigene Tagung verdient. Die nächste der Rumänien-Sektion des AKSL wird sich im Oktober 2013 jedoch Siebenbürgen im 18. Jahrhundert widmen. Die Rumänien-Sektion des AKSL zählt 120 Mitglieder, sieben neue kamen in Schäßburg dazu.

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