Neue Überlegungen bezüglich der mittelalterlichen Geschichte von Kronstadt möglich

Schlussfolgerungen am Rande der am Hof der Schwarzen Kirche vorgenommenen archäologischen Grabungen in einem Sammelband zusammengefasst

Samstag, 24. Oktober 2015

Im Herbst 2012 konnten die Ausgrabungen im Rahmen eines Tages der Offenen Türen besichtigt werden. Die Führung übernahm Dr. Daniela Marcu Istrate selbst (links im Bild) und erläuterte anhand von Schautafeln den Stand der Ausgrabungen sowie die Lage und Beschaffenheit der ersten Funde.
Foto: Hans Butmaloiu

Kürzlich fand im Kapitelzimmer der Honterusgemeinde die feierliche Vorstellung des Bandes „Redescoperirea trecutului medieval al Braşovului“ (Die Wiederentdeckung der mittelalterlichen Vergangenheit von Kronstadt)  in Beisein der Autorin und Archäologin Dr. Daniela Marcu Istrate, die die Grabungen am  Hof der Schwarzen Kirche  innerhalb von 13 Monaten der Jahre 2012/2013 geleitet hat, statt. Nach mehreren Berichten, die während der Grabungen in den Medien erschienen sind, wird nun durch diesen Band das Ergebnis dieser Arbeiten der Öffentlichkeit durch diesen ersten Band der Serie „Redescoperirea trecutului medieval al Transilvaniei“ (Die Wiederentdeckung der mittelalterlichen Vergangenheit Siebenbürgens) zugänglich gemacht.

Die Autorin dieses Bandes, Dr. Daniela Marcu Istrate, hat sich in Fachkreisen längst einen Namen gemacht durch  die in Hermannstadt, Bistritz, Schäßburg u.a. Ortschaften durchgeführten archäologischen Grabungen. An der feierlichen Präsentation beteiligten sich Stadtpfarrer Christian Plajer, Dr. Agnes Ziegler, Leiterin des Denkmalressorts, die stellvertretende Bürgermeisterin von Kronstadt, Adina Durbacă, als Vertreterin der Institution, die die Finanzierung des Bandes übernommen hat und auch zum Teil für die Kosten der Grabungen aufgekommen ist, der Historiker Gernot Nussbächer, Vertreter der Medien, Mitglieder der Honterusgemeinde. In einer Kurzfassung wurde dieses Ergebnis auch als Broschüre herausgebracht, die unentgeltlich in Schulen verteilt werden soll.

Der nun vorgestellte, über 250 Seiten umfassende Band ist reich illustriert, umfasst 13 Studien, zum Großteil von Dr. Daniela Marcu Istrate gezeichnet, und ist zweisprachig, rumänisch und englisch, erschienen. Nicht auch in deutscher Sprache, was irgendwie  verwunderlich ist, da es um die Geschichte der Inneren Stadt geht, die von deutschen Siedlern gegründet und bewohnt war. Zudem war der Hauptansprechpartner die Leitung des Evangelischen Pfarramtes A.B. der Honterusgemeinde.  Allerdings gibt es am Ende  des Sammelbandes eine Zusammenfassung in deutscher Sprache,  die auf die wichtigsten Aspekte der Grabungen und der dabei gezogenen Schlussfolgerungen eingeht.

In der Einleitung hebt Daniela Marcu Istrate die Bedeutung  des Umfeldes der Schwarzen Kirche,  als Honterus-Hof bekannt, hervor, da hier im Mittelalter bis um das Jahr  1800 die bedeutendsten Kirchenglieder beigesetzt  worden sind. Die Restaurierung des Honterushofes durch ein vom Bürgermeisteramt 2011 ausgeschriebenes Projekt hat die Möglichkeit  archäologischer Grabungen geboten. Mitfinanziert vom Verein zur Rettung  des historischen Zentrums von Kronstadt wurden zu Tage  zahlreiche Informationen  und Funde wie Gräber, Überreste von Wohnungen,  Feuerstellen,  Steinbauten, Mörtel, Keramikfragmente, Gegenstände aus Metall, Glas, Stein oder Knochen zu Tage gefördert.

Dieses sind Beweise, dass auf dem Honterushof sich die Anfänge der Stadt befinden und die ersten Wohnungen um 1200 aus Erde und Holz errichtet wurden, denen dann die aus Stein und Mörtel folgten. Letztere haben voraussichtlich  dem Prämonstratenserorden, 1235 laut Quellen, gehört  und nach 1388 den Zisterziensern. Über 12.000 Objekte sind durch diese Grabungen ans Tageslicht gekommen. Auch haben die über ein Jahr dauernden Grabungen am Honterushof  sowohl Stadtpfarramt, wie auch Schule, Anwohner aber auch die Stadtleitung auf eine harte Probe gestellt. Täglich fand sich auf der Grabungsstelle auch der Historiker Gernot Nussbächer ein, der mit seinen Kenntnissen über die Geschichte der Stadt und Siebenbürgens dem Forscherteam mit seinen  Ratschlägen zur Seite gestanden ist. Das Buch geht auf die ausführliche Erforschung der gemachten Funde ein, die allerdings noch nicht abgeschlossen worden sind. Das Buch wendet sich an die Bewohner in diesem Teil Europas, ist aber besonders  aufschlussreich für die Geschichte der Stadt und der Siebenbürger Sachsen. 

In  einer einleitenden Studie geht Dana Jenei auf die Geschichte der Kolonisation, auf die der Schwarzen Kirche, der Gebäude am Honterushof und dem Umfeld, bis hin zu dem großen Brand von 1689, ein. Dr. Daniela Marcu Istrate bezieht sich dann auf die Strategie der vorgenommen Grabungen, um alle materiellen Beweise  der vorangegangenen Zeiten,  die nicht bekannt sind, zu sichern. Auch während der Periode, in der die Grabungen stattgefunden haben, mussten immer wieder neue Stellen in Angriff genommen werden, da praktisch auf Schritt und Tritt immer wieder neue Funde ans Licht kamen.

Dabei sollte mit den Grabungen nicht zu nahe an die bestehenden Gebäude gekommen werden. Auch wurde der Touristenstrom während dieser Zeit nicht verboten, sondern stellenweise nur eingeschränkt. In einer weiteren Studie geht Dr. Daniela Marcu Istrate dann auch auf das Problem der unterirdischen Leitungen ein, die auf dem Honterushof gelegt worden sind, unter denen sich weitere Funde befanden. Die Grabungen haben ergeben, dass die Kirche auf einem angeschwemmten Gelände, bestehend aus Stein und Sand, errichtet worden ist.

Die Autorin bezieht sich anschließend auf die verschiedenen Bauetappen der Kirche. In einem nächsten Beitrag stellt dann die Autorin die ersten mittelalterlichen Spuren der Wohnungen vor, die aus Lehm und Holz  auf Holzfundamenten errichtet worden sind, später auf einem Trockenfundament aus Bachstein und Mörtel. In einem weiteren Kapitel befasst sich die Archäologin und Leiterin der Grabungsstätte  exklusiv mit  den Steinbauten mit Mörtel aus dem 13. - 14. Jahrhundert. Derartige Bauten kamen immer wieder bei den Grabungen zum Vorschein  und haben große Flächen eingenommen. Bauteile von Wohnungen  wurden an der nordwestlichen und der südöstlichen Ecke  gefunden. Mörtelreste sind an der ganzen nördlichen Seite  und an der südwestlichen Ecke  des Hofes zu sehen, was auf das Verschwinden ehemaliger Strukturen hinweist.

In einer weiteren Studie widmet sich Dr. Daniela Marcu Istrate ausschließlich der Baugeschichte der Schwarzen Kirche, da, laut ihrer Meinung, sich bisher dieser imposanteste Bau der Stadt noch keiner zusammenfassenden archäologischen Erforschung erfreut hat. Auf die Antwort der Archäologen wie der Bau, Etappe für Etappe errichtet wurde, muss teilweise noch gewartet werden.  Die jetzigen Grabungen konnten darüber auch nicht Aufschluss geben, da diese nur in einigen Punkten bis  an die Mauern der Kirche kamen. 2013 wurden sie auch untersagt, um nicht den Bau zu gefährden. Um vom archäologischen Standpunkt Meinungen zu äußern, muss man einen Blick auf das Fundament bekommen, das aber auch durch die vielen Gruften versteckt geblieben ist. Daten über Chor und die gegenwärtige Sakristei, da die ehemalige  1938 abgetragen worden ist, bieten weitere Einblicke in die Baugeschichte der Schwarzen Kirche.

In einer separaten Studie nimmt sich Daniela Marcu Istrate den archäologischen Materialien an, vor allem der Keramik, die in großen Mengen als Überreste aus verschiedenen Epochen gefunden wurde.  Aber auch Nadeln und Spangen aus Kupfer oder Silber, Münzen, aber auch tierische Überreste bieten den Forschern noch viel Material, das analysiert werden muss.  Gemeinsam mit Sebastian Dobrotă bezieht sich die Leiterin der Grabungen auf den mittelalterlichen und neueren Friedhof. Es wurden  über 1400 Gräber registriert und erforscht, davon sind die meisten Einzelgräber. Die Toten wurden  mit dem Kopf nach Westen  und den Beinen nach Osten begraben, meistens mit gekreuzten Armen. In den Gräbern wurden Münzen, aber auch Reste von Kleidung  und Schmuck gefunden. Doch zu 90 Prozent wurde  in den Gräbern keine Gegenstände außer  Gebeinen entdeckt. Annamaria Diana befasst sich in ihrem Beitrag mit dem demographischen und pathologischen Profil der beigesetzten Personen. Die Forschungen ergaben eine  Sterblichkeitsrate bei  erwachsenen Jugendlichen. Bei anderen sind pathologische Ursachen aber auch schwerwiegende Schläge zu verzeichnen. Um aber Alter und Geschlecht der Verstorbenen festlegen zu können, gibt es mehrere Facharbeiten, laut denen man diesbezüglich vorgehen wird.

Ausführlich berichtet Georgeta Elsusi über das Skelett eines Pferdes, das in einer Vorratskammer eingegraben worden war, was aus den Keramiküberresten zu schließen ist. Emanoil Pripon  bezieht sich in seinem Beitrag auf die Methoden zur Restaurierung von Metallgegenständen, die anlässlich solcher Grabungen entdeckt werden. Schlussfolgernd betont Dr. Daniela Marcu Istrate, dass die am Honterushof vorgenommenen Grabungen  ein sehr reiches und vielseitiges mittelalterliche Leben illustrieren. Die Gründung der Siedlung  wurde einer Gruppe deutscher „Gäste“/Siedler zugesprochen, die sich da  um 1200 niedergelassen hat. Das Studium der während der Grabungen gefundenen Gegenstände und menschlichen Überreste wird noch andauern,  und wird wichtige Erkenntnisse über das Leben der hiesigen Bevölkerung in der Stadt und in diesem Teil Europas mit sich bringen.

Der Band, der sich konkret auch auf die Grabungen und bisherigen Forschungsergebnisse  im Umfeld der Schwarzen Kirche bezieht, wendet sich an Fachleute aus dem Bereich, ist ein weitere Baustein zu den Anfängen der  Geschichte Kronstadts und deren Interpretation. Die darin enthaltenen Studien  sowie die endgültige Auswertung der gemachten Funde werden Anlass  für neue Überlegungen bezüglich der Geschichte der Stadt bieten. Der Band wird in Bibliotheken und Museen zur Dokumentation ausliegen. Die Herausgeberin des Bandes hat gemeinsam mit dem Team, das sich an den Grabungen beteiligte, eine bleibende Arbeit zur genaueren Kenntnis der Stadtgeschichte geleistet.

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