Neue Wohnblocks und schlechte Straßen

Im Kronstädter Tractorul-Viertel sieht der Alltag anders als in den Werbebroschüren aus

Samstag, 14. April 2018

Kronstadt wächst, nicht so sehr an Einwohnern, sondern eher in Bezug auf die Stadtfläche. Neue Wohnviertel sind entstanden, andere expandieren. Ein Paradebeispiel in diesem Sinn ist das Tractorul-Viertel. Es heißt noch immer so, weil es rund um das ehemalige Traktorenwerk entstand. Dieses war ein Vorzeigemodell der sozialistischen Industrialisierung. Das Werk ist sang- und klanglos untergegangen. Auf seinem Gelände entstand eines der größten Einkaufszentren Siebenbürgens – Coresi Shopping Resort.

Straßen, die noch nicht städtischer Boden sind

Der Norden der Stadt wurde schon kurz nach der Wende von vielen bevorzugt, die sich da eigene Häuser bauen und auch leisten konnten. Nachher zogen große Firmen nach – Immobilienentwickler, die ganze Wohngegenden schlüsselfertig zum Verkauf anboten. In den bunten Werbeprospekten sah alles sehr schön, ja idyllisch aus: moderne Wohnblocks, gepflegte Grünflächen, schöne Spielplätze, genügend Parkplätze für Pkw. Die Realität entspricht diesem Wunschdenken aber bei Weitem nicht. Inzwischen ist es zu einem Paradox gekommen: Da, wo der neuste Teil der Stadt steht, gibt es noch Nebenstraßen, die eher den Gassen eines verlassenen Dorfes ähneln. Keine Spur von einer Wohlfühlatmosphäre! Vor allem bei Schlechtwetter vermisst man da den Asphaltbelag oder sogar den Gehsteig. All dieses soll ja nur eine Zeit lang dauern, bis die Bauarbeiten beendet sind. Diejenigen, die aber bereits in den neuen Wohnblocks leben, wollen sich nicht auf ungewisse Zeit vertrösten lassen und fordern Maßnahmen, nicht nur von den Baufirmen, sondern auch vom Bürgermeisteramt, da sie ja auch Kronstädter Steuerzahler sind.

Bei den Bürgerbegegnungen mit dem stellvertretenden Kronstädter Bürgermeister Lászlo Barabás (die ADZ berichtete) war der Zustand der Straßen das dominante Thema. Dabei mussten die Bewohner hören, dass es leider so manches bürokratische Hindernis in dieser Angelegenheit zu überwinden gilt. So seien manche Flächen im Privatbesitz und demzufolge können diese nicht asphaltiert werden, bis sie nicht zu öffentlichem Stadteigentum erklärt werden. Es gehe auch nicht an, Straßen stückweise instand zu setzen oder auf das bewährte Prinzip von einst („Enteignung im öffentlichen Interesse“) zurückzugreifen.

Was erwartet werde, sei, laut dem stellvertretenden Bürgermeister, Schenkungen der in Frage kommenden Grundstückstreifen an die Stadt. Die Stadtverwaltung mache da kein großes Geschäft – es sei letztendlich auch im Interesse der Grundstückbesitzer, dass sie auf guten Straßen schnell und sicher verkehren können. Inwieweit in dieser Hinsicht Überzeugungsarbeit notwendig ist, steht noch offen. Aber: kommt es auf diesen improvisierten Straßen zu einem Unfall, haften die Grundbesitzer dafür, nicht die Stadt, heißt es warnend vom Bürgermeisteramt. Fakt ist, dass zwecks Asphaltierung so manche Straße ins Visier genommen wurde und dass dafür bereits Machbarkeitsstudien ausgeschrieben werden. Ein – zugegeben kleiner – Schritt in Richtung Straßenkomfort kam auch zustande: Die Baufirmen sollen ab nun, auf Kosten der Immobilienentwickler, die Zufahrtswege zur Baustelle aus Erdstraßen in Kieselsteinstraßen umwandeln. Weniger Staub und weniger schmutzige Reifen, die dann auf die stark befahrene Petersberger Straße (Str. 13 Decembrie) gelangen, werden dadurch erhofft.

Was noch alles folgen sollte

Aber es geht beim Tractorul-Coresi-Viertel nicht nur um die Straßen. Immobilienentwickler sollten da bereits in der Entwurfsphase genügend Parkplätze sichern. Denn nicht alle Appartement-Eigentümer wollen zusätzlich für einen Parkplatz zahlen. So kommt es vor, dass manche Straße zur „Parkstraße“ wird, in der die Autos einfach am Wegrand abgestellt werden. Grünflächen sollten ebenfalls vorgesehen werden, auch wenn sie dem Immobilienentwickler theoretisch zunächst kein großes Geld einbringen. In der im Stadtrat zur Debatte stehenden Heizungs-Strategie Kronstadts sollte für die Zukunft auch erwogen werden, ob für solche kompakte Wohngegenden nicht die Fernheizung die ökologisch und vielleicht auch wirtschaftlich bessere Variante wäre. Denn gerade „Tractorul“ ist das Viertel, wo die alte Fernheizung in Kronstadt bisher am besten überlebt hat. Rund 40 Prozent der noch funktionierenden Kronstädter Fernheizung läuft in diesem Viertel, geben die statistischen Daten an.

Die Liste der Infrastruktur für ein neues Viertel lässt sich auch weiter ergänzen mit Schulen und Kindergärten, mit Geschäften, mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Haltestellen, mit Apotheken und ärztlichen Praxen. All dieses scheint man in der Planungs- aber auch Bewilligungsphase nicht vorrangig in Erwägung gezogen zu haben. Es galt eher das Prinzip: Zuerst bauen wir Wohnblocks und diese bringen dann, mehr oder weniger von allein, all das mit sich, was eine gehobene Lebensqualität in einem modernen Wohnviertel voraussetzt. Diese Rechnung geht leider nicht ohne Weiteres auf und ist durchaus kein Selbstläufer. Ja, sogar Wohnungsverkauf oder -vermietung sind infolge von Finanzkrisen und diversen Makler-Spekulationen nicht überall und sofort garantiert.

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