Neue Wurzeln in der alten Heimat

Globetrotter, Naturschützer, Reiseleiter – doch für Dietmar Gross liegt das Zentrum der Kraft in einem kleinen siebenbürgischen Dorf

Sonntag, 05. Juli 2015

Im heimischen Paradiesgarten

Neues Glück mit Gerhild

BN-Reise 2010, Donaukarpaten: Eine Ulme im Urwald

Als Reiseführer für Naturschützer

Fotos: George Dumitriu (2), privat (3)

Sanft wiegen sich die Farne unter den Obstbäumen in der leichten Morgenbrise. Rotblühende Geranien ergießen sich üppig aus dem irdenen Krug ins Gras. Eine schillernde Eidechse huscht zwischen Sukkulenten in einen Spalt in der Steinmauer. Licht und Schatten. Hellgrün und Dunkelgrün. Ringsum nur die Geräusche der Natur hinter den hohen Mauern des alten, sächsischen Hofs. Eine junge Frau kommt aus dem Haus und klemmt die Nudelmaschine an den Tisch. Sie dreht an der Kurbel und die weiße Masse schlängelt sich in eine blaue Wanne. Dietmar Gross wirft seiner Gerhild einen flüchtigen Blick zu. Als wolle er sich versichern, dass sein selbstgeschaffenes Paradies nicht unversehens wieder verschwindet...

Deutsch-Weißkirch/Viscri. Der Siebenbürger Sachse, den es zuerst mit aller Macht in die Welt hinausgedrängt und dann sanft in die alte Heimat zurückgespült hat, stammt nicht aus diesem Dorf. „Ich kann noch nicht mal richtig Sächsisch“, lacht er und verrät, dass Vorfahren seiner Mutter auch aus dem Sudentenland und dem Banat nach Siebenbürgen kamen. Zuhause wurde Deutsch gesprochen. Aus seiner Kindheit in Fogarasch erinnert er sich am liebsten an die Ausflüge mit seinem Vater in die nahen Berge. Sie erweckten in ihm eine Bindung zur Natur, die ihn ein Leben lang begleitete. Sie war ausschlaggebend für die Wahl des Studiums der Forstwirtschaft in Kronstadt/Bra{ov, aber auch für seine spätere Karriere bis zum Forstdirektor in Deutschland, in der er Ökologie stets vor rein wirtschaftliche Aspekte stellte. Eine Haltung, die ihm manchmal Konflikte mit Vorgesetzten einbrachte - aber auch eine hohe Auszeichnung: Am 20. Mai wurde dem Vordenker und Wegbereiter im Einsatz für Wald und Natur (siehe ADZ vom 12. Juni) die Karl-Gayer-Medaille des BUND-Naturschutz und der Arbeitsgemeinschaft naturgemäße Waldwirtschaft verliehen. Gross, der sich in Deutschland auch in der Lokalpolitik für die Umwelt engagiert hatte, bekennt: „Es war immer mein Ziel, den Mitgeschöpfen, die keine Vertretung in den Parlamenten haben, zu helfen.”

Ruf der weiten Welt

In den 70er Jahren, im kommunistischem Rumänien: Während Klassenkameraden  an „zukunftsträchtige“ Studiengänge denken, sucht der junge Dietmar in der Forstwirtschaft Gelegenheit, Zeit in der Natur zu verbringen. Doch durch seine Ferienjobs am Schwarzen Meer und die damit verbundenen Zusammentreffen mit Touristen aus aller Welt reift eine zweite Sehnsucht: der Wunsch, ferne Länder zu entdecken! Doch erst nachdem sich die politische Lage nach dem Besuch Ceau{escus in China immer mehr zuzog, fasste er den Entschluss, die Heimat zu verlassen. „Meine Eltern waren zuerst nicht so gewillt, aber ich machte Druck“, erinnert er sich, wie er die Familie überzeugte, den Ausreiseantrag nach Deutschland zu stellen. Nicht ohne Risiko - es gab Fälle, in denen man sofort vom Studium entfernt wurde.

Im Spätherbst 1973, im letzten Studienjahr, war es so weit: die heißersehnten Pässe kamen. Dietmar wählte München als neuen Studienort, wo ihm ein großer Teil des rumänischen Studiums anerkannt wurde. Der Prüfungsausschuss riet ihm zu weiteren vier Semestern für das Hauptdiplom. „Die erste Zeit war toll“ erinnert sich der Siebenbürger Sachse. Endlich Freiheit - vor allem Reisefreiheit! 1975 zog es ihn in den Semesterferien nach Amerika. Mit einem Kommilitonen ging es drei Monate lang mit Rucksack und Zelt per Autostopp den Highway 1 von der südkalifornischen Westküste bis nach Kanada und zurück über New York. „Wir brauchten kaum Geld, der Flug war das Teuerste“, erinnert er sich an das Abenteuer. Ein Teil wurde sogar als Praktikum angerechnet, denn die Studenten hatten Kontakte zur dortigen Holzindustrie geknüpft und kamen mit wertvollen Einblicken in das nordamerikanische Forstwesen zurück.

Auch später zog es Dietmar Gross immer wieder in die Ferne: Sieben Wochen Mittelamerika, um die Entwicklung der dortigen Waldwirtschaft zu studieren; Aufenthalte in Mexiko, Bekanntschaft mit der faszinierenden Maya-Kultur; in Südamerika die Berge bestiegen, auf den Spuren von Alexander von Humboldt; brasilianischer Urwald; Alaska; dann Afrika... Ein rastloses Leben. „Bis die Kinder kamen“, erklärt er. „Dann versuchte ich, zumindest immer wieder als Kurzzeitexperte im außereuropäischen Ausland zu sein.“ Als Forstamtsleiter nahm er oft ausländische Studenten unter seine Fittiche. „Ich wollte die Erfahrung, die ich gemacht hatte, auch anderen ermöglichen“, meint der begeisterte Globetrotter, der heute von Deutsch-Weißkirch aus Reisen für BUND-Naturschutz-Mitglieder in alle Welt organisiert und Forstfachleute durch die rumänischen Urwälder führt.

Hin- und hergerissen

In der ersten Phase in Deutschland stand Begeisterung im Vordergrund: „Ich war überrascht, wie viel Geld es gab!“ erinnert sich Dietmar Gross. „Die Kollegen klagten, das Stipendium reicht nicht, aber ich kam prima zurecht und konnte sogar für Reisen etwas sparen.“ Aber auch Unsicherheit: Amüsiert erzählt er von seiner ersten Standortbeschreibung im Wald, zu der ihn der Professor vor versammelter Runde aufforderte. Wie ihm das Herz in die Hose rutschte, weil er die Pflanzen nur auf Lateinisch und nicht auf Deutsch benennen konnte!
„Doch auch Negatives wurde bald deutlich“, schiebt er nachdenklich hinterher. „Du merkst, du bist in einer anderen Welt angekommen. Auch in Deutschland ist nicht alles positiv. Autobahnen sind praktisch, trennen aber Lebensräume. Mir fiel auf, wie begradigt die Flüsse sind, wie hart die Kanten der Felder. Auch die menschliche Art, miteinander umzugehen ist anders: kalkulierter, verbindlicher, korrekter - aber kalt. Die Herzlichkeit hat mir gefehlt.“

Zuerst kehrt Dietmar Gross fast jedes Jahr zurück nach Rumänien. Doch dort veränderten sich die Dinge. Plötzlich durfte er nicht mehr bei Freunden übernachten, sondern nur bei Verwandten ersten Grades. Die hatte er nicht mehr, also im Hotel. Nach einer üblen Schikane durch die Polizei in Fogarasch stellte er 1984 seine Reisen schweren Herzens ein.

Mit der Wende kam die Neugierde auf die alte Heimat dafür umso stärker zurück. Begeistert half er bei der Organisation der ersten Hilfstransporte. Die Enttäuschung ließ nicht auf sich warten. Auf staatliche Überwachung  folgte nun totales Chaos. Man sah keine Polizei mehr auf den Straßen, in Häuser wurde eingebrochen, das Rechtsvakuum verunsicherte die Menschen. Langsam bauten sich neue Strukturen auf. Der Kontakt mit alten Freunden belebte sich - und damit der Wunsch, wieder ein Standbein in Rumänien zu haben. „Doch in Fogarasch war alles zerstört worden, was mir früher lieb und teuer war - der Alt begradigt und zubetoniert, Wohnblocks wurden neben der alten Burg errichtet“, erkennt Gross und sehnt sich nach einem Haus auf dem Dorf. Seine Wahl fällt auf das nahe Kleinschenk/Cincşor. „Eines Tages rief mein Freund Hansi K. aus Fogarasch an und sagte, jetzt kannst du für nur 5000 Mark sächsische Häuser kaufen!“

Die Freude währte kurz. Zwar fand er Häuser zum Kauf, doch das Dorf war fast verlassen. „Welchen Sinn hat es, über Rückkehr nachzudenken, wenn alle andern wegziehen?“ fragte er sich verunsichert.

Eine neue Gemeinschaft

Dass es doch noch sächsische Gemeinschaft in der alten Heimat gibt, sollte Dietmar Gross erst Jahre später durch Zufall erfahren. Als Forstamtsleiter in Lichtenfels fuhr er 1995 im Rahmen einer Partnerschaft mit dem Forstamt in Lugosch mit einer Gruppe bayrischer Förster nach Rumänien. Auf der Rückfahrt hatte man beschlossen, drei Tage dranzuhängen, um Siebenbürgen kennenzulernen. „Am letzten Tag kamen wir durch Bodendorf. Ich sah das Schild ‚Viscri 7 km‘ und sagte‚ ‚kommt - da ist auch noch eine schöne Kirchenburg!‘“ Es war ein wunderschöner Herbstnachmittag, schmunzelt Dietmar Gross. Unter einem Nussbaum im Pfarrhof gelandet, erzählte ihnen Burgführerin Sara Dootz ergreifende Geschichten von früher, bis es Abend wurde...
Er kam privat wieder. 1998 mit 38 deutschen Forstleuten, die zuerst  die rumänischen Urwälder besucht hatten. Dann im Winter 2000. „Es war der totale Gegenpol zu der Hektik der  Vorweihnachtszeit in Deutschland. Ruhe, eine schöne Schneelandschaft, wir sind zur Kirchenburg hochgegangen und haben Kerzen angezündet. Es war genau, was ich suchte!“

Mit Saras Tochter Caroline Fernolend und deren Mann Walter ging er danach durch die Straßen, auf der Suche nach einem Hof. „Dann fuhr ich nach Frankfurt und stand vor dem Block, wo die Besitzer meines heutigen Hauses wohnten. Und fragte mich: Wie können sie hier glücklich sein?“ Der Kauf des Hofs, mit Möbeln und allen darin zurückgelassenen Sachen, wurde am selben Tag mit Handschlag besiegelt.

In der Natur zuhause

Es dauerte gut zehn Jahre, bis Dietmar Gross seinen Lebensschwerpunkt ganz nach Deutsch-Weißkirch verlegen konnte. „Ich bin kein Aussteiger“, erklärt er diesen Schritt, „doch ein Grund für meine  Rückkehr ist auch die intakte Natur.“ Mit Besorgnis beobachtet er daher, dass der Druck auf diese zunimmt: Begradigungen, Staustufen, Vermüllung, eine starke Privatisierung des Waldes. „Doch wer ihn zurückerstattet bekommt, will nicht Wald, sondern Geld sehen!“ diagnostiziert der Forstmann. Die westliche Wohlstandsgesellschaft liefert das Vorbild. „Wir leben in einer Konsumwelt, auf Kosten der Zukunft, und verbrauchen mehr, als die Natur erzeugen kann“, kritisiert er das auch in Deutschland vorherrschende Wachstumsdenken. Und meint selbstkritisch: „Unser ökologischer Fußabdruck ist viel zu groß, er wirkt über politische Grenzen und ist alles andere als nachhaltig!“

Sein Engagement für den Erhalt der rumänischen Urwälder versucht er auch an hiesige Kollegen zu vermitteln. „Sie machen rund zwei Drittel der gesamteuropäischen Urwälder aus und sind von besonderem Wert! Sie verdienen, ins UNESCO-Welterbe aufgenommen zu werden. Doch in einer geldgesteuerten Welt müsste man auch der EU-Kommission klar machen, dass Länder, die der Ökologie zugunsten auf Nutzung  verzichten, in irgendeiner Form honoriert werden sollten.“

Seine Oase in Deutsch-Weißkirch ist keine Insel für den Rückzug, sondern ein Ort, um Kraft zu tanken. „Ich will mir von meinen Kindern nicht vorwerfen lassen, dass ich nichts getan habe, obwohl ich das Wissen hatte“, begründet  Gross sein umweltpolitisches Engagement.

Wieder streift sein Blick über die Steinmauern, die Farne, die Blumen. Bleibt liebevoll an der Frau an der Nudelmaschine hängen. An jenem schicksalhaften Weihnachtsabend, 2000, als er „sein persönliches Deutsch-Weißkirch“ entdeckte, war er ihr erstmals begegnet. „Nichtsahnend!“, lacht er laut auf. Denn erst Weihnachten 2004, als Caroline ihn bat, ihre Schwester mit dem Auto aus Deutschland mitzubringen, lernten sie sich näher kennen. Und auch Gerhild zog mit Freuden zurück nach Deutsch-Weißkirch.

Heute fassen zwei Sinnsprüche an der Fassade ihres Hauses ihre gemeinsame Lebensphilosophie zusammen: „Lasset uns am Alten, so es gut ist, halten. Aber auf dem alten Grund Neues wirken jede Stund!“ Und, mittlerweile ebenso wichtig: „Carpe Diem et Respice Finem“. Pflücke den Tag und sei dir bewusst, dass alles ein Ende hat.

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