Nicht der alten Heimat nachtrauern. Siebenbürgen neu entdecken!

Diesjähriges Sachsentreffen soll Jung und Alt, aus Siebenbürgen und Deutschland zusammenführen

Mittwoch, 19. April 2017

Martin Bottesch (l.) und Hans Gärtner (M.) während der Organisationstagung am 25. Februar im Kleinen Spiegelsaal des Forumshauses.
Foto: Michael Mundt

Die Sonne scheint, vom Großen Ring erklingt sächsische Musik und von den Grillständen weht der Geruch von Mititei herüber. Am nahen Huet-Platz sammeln sich Frauen und Männer in alten sächsischen Trachten. Sie kommen aus Wels, Augsburg und Stuttgart. Einige von ihnen sind vor Jahrzehnten das letzte Mal durch die Straßen und Gassen der Oberstadt gelaufen. Ein wenig abseits unterhält sich eine Gruppe in einer eigenartigen Mischung aus Sächsisch und Englisch. Die Vorfahren der einen haben Ungarn verlassen, die anderen selbst Rumänien und beide Siebenbürgen. Zehntausend Siebenbürger Sachsen in Hermannstadt zusammenzubringen, dass ist das Ziel von Hans Gärtner und Martin Bottesch. Das diesjährige Sachsentreffen, vom 4. bis 6. August, soll ein ganz besonderes werden. Eines, das Sachsen aus Siebenbürgen, Österreich, Deutschland, Amerika und Kanada zusammenbringt. Doch soll in der alten Heimat nicht einer längst vergangenen Zeit nachgetrauert werden. Sie soll wiederentdeckt, und sie soll den jungen Menschen nähergebracht werden. Den Kindern und Jugendlichen der ausgewanderten Sachsen, die in Deutschland leben, häufig auch in der Bundesrepublik geboren wurden. Sie sollen Siebenbürgen entdecken. Das Land ihrer Eltern und Großeltern.

Im Frühjahr vor drei Jahren klopften Hans Gärtner und der Verband der Siebenbürgisch-Sächsischen Heimatortsgemeinschaften (HOG-Verband) an die Tür von Benjamin Józsa. Der heutige Geschäftsführer des DFDR war damals noch für das Siebenbürgenforum verantwortlich. Ein halbes Jahr wurde im Forum über die Idee eines großen Sachsentreffens diskutiert, dann die Entscheidung: Das machen wir gemeinsam. Im März 2015 lud Martin Bottesch, der zusammen mit Benjamin Józsa und Winfried Ziegler das hiesige Organisationsteam bildet, zum ersten großen Planungstreffen nach Hermannstadt ein. Am letzten Februarwochenende trafen sich die Organisatoren und Verantwortlichen nun zum letzten Mal in dieser großer Runde. Mit dabei waren neben Hans Gärtner (Vorsitzender HOG-Verband) und Martin Bottesch (Vorsitzender DFDS) auch Manfred Schuller (Bundesvorsitzender der Siebenbürger Sachsen in Österreich), Alfred Gökeler (Vorsitzender HOG Mediasch), Winfried Ziegler (Geschäftsführer DFDS), Benjamin Józsa (Geschäftsführer DFDR), Christiane Neubert (Vorsitzende Kulturkommission DFDS), Franziska Fiedler (Verantwortliche Kinderprogramm), Andrea Rost (Vorsitzende Deutscher Jugendverein Siebenbürgen), Gerhild Rudolf (Leiterin Teutsch-Haus), Helmut Lerner (Kulturreferent DFDH), Jürg Leutert (Musikwart Evangelische Kirche), Dr. Hans Klein (Vorsitzender DFDH) sowie Stephanie Kepp und Bettina Mai von der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend in Deutschland (SJD) und Stefan Roth als Vertreter der Jugend in Österreich. Im Rahmen der Organisationstagung traf sich ADZ-Redakteur Michael Mundt mit Stephanie Kepp, Bettina Mai, Hans Gärtner und Martin Bottesch zum Gespräch.

Herr Bottesch, welche Erwartungen haben Sie an das Sachsentreffen in diesem Jahr?

Ich hoffe, dass durch die Teilnahme am Sachsentreffen das Interesse vieler junger Menschen an Siebenbürgen wächst, dass sie mehr über Geschichte und Gegenwart des Landes erfahren wollen und Siebenbürgen in ihrem Selbstverständnis wichtig wird. Wir möchten in ihnen Verbündete gewinnen, im Bemühen um die Erhaltung siebenbürgisch-sächsischer Kultur und wünschen, dass sie zu den Ortschaften, aus denen sie oder ihre Eltern kommen, die Verbindung herstellen und aufrecht erhalten.

Frau Kepp, wie ist denn der Bezug der jungen Menschen zu Siebenbürgen?

Die meisten Mitglieder der SJD kommen jährlich nach Siebenbürgen. Es gibt auch einige, die waren noch nie hier. Das sind auch gar nicht so wenige. Ich glaube, durch das Sachsentreffen sagt sich der ein oder andere: Es kommen jetzt so viele, das ist auch für mich die Möglichkeit, das Land kennenzulernen. Und zwar mit den Freunden, mit denen man auch in Deutschland zu tun hat. Dann ist es auch keine ungewohnte Umgebung mehr, was die Menschen betrifft. Man ist zwar in einem anderen Land, aber fühlt sich doch irgendwie sicherer.

Frau Mai, was ist denn die Motivation der Mitglieder, die noch nie in Siebenbürgen waren, sich in der SJD zu engagieren?

Nun, man ist zwar „deutsch“ sozialisiert worden, aber irgendwas in einem, in der Erziehung, beim Essen, beim Kochen ist eben noch „siebenbürgisch’“. Man ist nicht nur „bundesdeutsch“, man hat noch einen zweiten Teil in sich. Und Leute im gleichen Alter haben die gleichen Gesprächsthemen und Bedürfnisse. Ihnen muss ich nichts erklären, wenn ich sage, dass meine Eltern aus Siebenbürgen kommen. Der andere weiß dann, dass es zu Hause Hanklich oder Baumstriezel gibt und an Weihnachten gefülltes Kraut. Es sind Kleinigkeiten und es mag auf den ersten Blick nicht so wichtig erscheinen, aber es prägt. Sich nicht erklären zu müssen, ist ein Argument vieler, und deswegen engagieren sie sich in Tanzgruppen, Blaskapellen, Theatergruppen oder der SJD. Bei der Siebenbürgischen Jugend kann jeder mitmachen. Wir haben auch Freunde, die keine siebenbürgischen Wurzeln haben. Die fühlen sich aber bei uns wohl, kommen öfter mit uns mit und finden es spannend. Wir sind eine offene Gemeinschaft mit Bezug zu Siebenbürgen.
Hans Gärtner: Wir erwarten auch viele bundesdeutsche Jugendliche, die keinen Bezug zu Siebenbürgen haben, einfach über Bekanntschaften und Freunde.

Bettina Mai: Es ist eine Gelegenheit, Siebenbürgen anders kennenzulernen. Es ist was los. Es war zwar auch schon in den letzten Jahren viel los, nur hatte eben jede HOG ihr Treffen für sich. Dieses Mal kommen aber alle in Hermannstadt zusammen und man weiß, was vor und nach dem Sachsentreffen noch auf den Dörfern stattfindet.
Hans Gärtner: Bisher kamen die ausgewanderten Siebenbürger Sachsen oft nur mit ihren Kindern zurück, aber wenn du alleine in ein Dorf kommst, in dem alle Sachsen ausgewandert sind oder die meisten, dann war die Erfahrung zu 80 bis 90 Prozent negativ. Sie haben schnell festgestellt, dass sich das Dorf verändert hat und sie niemanden mehr kennen. Die Erwartungshaltung war in diesen Fällen eine falsche. Man fährt in ein Dorf heim, das es in dem Sinne nicht mehr gibt, und erwartet aber, dass man es so wiederfindet, wie man es verlassen hat. Doch das Ursprungsdorf gibt es nicht mehr. In der Zwischenzeit sind Rumänen und Zigeuner zugezogen. Mit unserer Heimatortsgemeinschaft haben wir festgestellt, dass, wenn man in der Gemeinschaft wieder hinfährt, das  dann ein ganz anderes Gefühl ist. Man zieht gemeinsam wieder in das Dorf ein, man trifft auf der Straße bekannte Gesichter, auch wenn es nur die Menschen sind, mit denen man aus Deutschland gekommen ist. Es entwickelt sich aber ein anderes Gefühl des Nachhausekommens. Mit dem Sachsentreffen möchten wir auch andere Heimatortsgemeinschaften zu gemeinsamen Fahrten ermutigen.

Bettina Mai: Mir erging es als Kind ähnlich. Ich bin mit meinen Eltern nach Siebenbürgen gefahren, aber bei uns im Dorf war die HOG nicht engagiert bzw. andere Eltern sind mit ihren Kindern nicht nach Siebenbürgen in den Urlaub gekommen oder nicht so oft. Dann langweilt man sich schnell, weil man den Anknüpfungspunkt als Kind nicht hat oder nicht immer so leicht findet. Mit der Tanzgruppe war es immer einfacher, weil Leute dabei waren, mit denen ich Spaß hatte.

Herr Bottesch, als Vorsitzender des DFDS laufen bei Ihnen die Fäden der Organisation zusammen. Wie verlief diese bisher?

Wegen der großen Dimension der Veranstaltung sind die organisatorischen Herausforderungen diesmal viel größer als bei normalen Sachsentreffen, aber durch die Mithilfe unserer Partner aus Deutschland und Österreich konnte ein reichhaltiges Programm aufgestellt werden. Das Ganze beruht auf freiwilligem Engagement vieler Menschen, denen die Intentionen des Treffens wichtig genug sind, um ihre Freizeit für dessen Vorbereitung zu verwenden. Dabei ist schon das gemeinsame Arbeiten ein Gewinn, denn dadurch kommt man einander näher.

Und in welcher Form beteiligt sich die Sächsische Jugend Deutschland, Frau Kepp?

Wir sind seit der ersten Sitzung mit eingebunden. Unser Hauptfokus liegt auf der Internationalen Volkstanzveranstaltung (ITV) am Freitag. Schon 2014 fand in Wels die erste ITV statt, mit Tanzgruppen aus Siebenbürgen, Österreich und Deutschland. Das gleiche Event möchten wir auch zum Sachsentreffen veranstalten. Außerdem wird es nach den Konzerten auf dem Großen Ring noch Jugendpartys geben.

Wie funktioniert denn die Organisation der Veranstaltungen aus der Ferne?

Stephanie Kepp: Die Ideen haben wir über Telefonkonferenzen gesammelt, denn unsere Mitglieder leben im gesamten Bundesgebiet verstreut. Innerhalb der Bundesjugendleitung haben wir Arbeitsgruppen für unsere Veranstaltungen. Da kann jeder mitmachen und seine Ideen einbringen. Vieles läuft über Telefonkonferenzen. Die ITV lässt sich gut aus Deutschland organisieren, also Tanzgruppen kontaktieren und Musik anfordern. Hier vor Ort ist es nur wichtig zu wissen, wie die Räumlichkeiten aussehen, wie die Technik funktioniert und welche Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden müssen. Diese Arbeiten kommen aber erst kurz vor dem Sachsentreffen auf uns zu.

Herr Bottesch, welche Arbeiten stehen in den kommenden drei Monaten bis zum Sachsentreffen denn noch an?

Außer dem Druck der Programmhefte, der bis Ende April erfolgen soll, sind viele Detailfragen zu klären. Zwar stehen Orte, Uhrzeiten und Inhalte der Programmpunkte fest, aber die einzelnen Abläufe müssen noch genauer bestimmt werden. Die Geschäftsstelle des Siebenbürgenforums ist mit allen beteiligten Institutionen: den Museen, Schulen, Kirchen, Verwaltern von Veranstaltungsräumen wie auch mit den Firmen, die für Verpflegung sorgen oder technischen Beistand leisten, in Kontakt. Die Verantwortlichen für Kultur und Jugend in unserem Vorstand bereiten zusammen mit den siebenbürgisch-sächsischen Partnerinstitutionen im Ausland jene Veranstaltungen vor, in die viele Teilnehmer aktiv einbezogen sind, wie zum Beispiel die Internationale Volkstanzveranstaltung. Es ist viel zu tun, aber wir sind zuversichtlich, dass es gut laufen wird.

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