„Nicht jedes Lob ist ein Kompliment“

Gespräch mit der Schauspielerin und Theaterautorin Lia Bugnar

Sonntag, 03. August 2014

Lia Bugnar macht Karriere als Schauspielerin und Theaterautorin.

Szene aus der Aufführung „Două liniuţe”. V.l.n.r: Lia Bugnar, Marius Manole, Medeea Marinescu, Istvan Teglas, Irina Antonie.
Fotos: Adriana Gioadă

Der auch als Filmdrehbuchschreiberin erfolgreichen Theaterautorin und Schauspielerin Lia Bugnar gelingt es immer, sich seriösen Themen auf heitere Weise anzunähern. In ihren Stücken geht es meistens über menschliche Beziehungen und über die Probleme des alltäglichen Lebens. Die Inszenierungen dieser Stücke nehmen sich nicht vor, die Welt zu verändern oder in den Himmel hebende Kritiken in wichtigen Theaterzeitschriften einzusammeln. Trotzdem haben sie oft mehr Publikumserfolg als hochgelobte Theater-Hits. Manch ein Zuschauer erkennt sich selbst in den von Bugnar erfundenen Personen. Und öfters kommt es vor, dass man sich vor Lachen krümmt und gleich in der nächsten Sekunde einen Kloß im Hals hat. Die Stücke von Lia Bugnar werden sowohl in  Staats- als auch in privaten Theatern in ganz Rumänien aufgeführt und ziehen jedes Mal das Publikum wie ein Magnet an.

So ein Stück ist auch „Două liniuţe” („Zwei Striche”). Die Inszenierung, wo Bugnar selbst Regie führt und auch mitspielt, tourte Ende Juli durch mehrere Städte in Rumänien und war vor einer Woche in der Kronstädter Redoute zu sehen.

Das Stück wurde als Auftrag für einen pharmazeutischen Konzern geschrieben und spricht über das sensible Thema der Abtreibung anhand der Geschichte von zwei Paaren, die sich auf einer Parkbank in Bukarest treffen und verlieben. Bugnar erzählt die Geschichte auf originelle Weise: neben den Menschen kommen auch Gegenstände oder Gedanken zum Reden, etwa die Parkbank, ein Abendkleid, ein Kondom oder der obsessive Hochzeitsgedanke eines Mädchens. Neben Lia Bugnar waren Marius Manole, Medeea Marinescu, Cătălin Babliuc, Anghel Damian, Irina Antonie und Istvan Telgas auf der Bühne zu sehen. Über die Geschichte die hinter der erfolgreichen Inszenierung steht und nicht nur, sprach mit Lia Bugnar KR-Redakteurin Elise Wilk.


Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Theaterstück? Warum glauben Sie, dass viele Schauspieler anfangen, fürs Theater zu schreiben?

Mein erstes Stück habe ich vor 17 Jahren geschrieben. Es war sehr schlecht. Es war die Idee einer Freundin, die auch Schauspielerin ist. Sie meinte, dass ich im normalen Alltag eine amüsante Person bin und war davon überzeugt, dass ich gut schreiben würde. Letztendlich haben wir den Text zusammen geschrieben. Obwohl er wirklich sehr schlecht war, wurde er gleich im Cassandra-Studio in Bukarest mit Schauspielabsolventen inszeniert. Warum andere Schauspieler Theaterstücke schreiben, weiß ich nicht. Ich bin sicher, dass jeder einen eigenen Grund dazu hat.

Führen Sie am liebsten selbst Regie oder überlassen Sie es auch gern einem anderen? Ist es vorgekommen, dass Sie in einer Inszenierung Ihren Text nicht mehr erkannt haben?

Ehrich gesagt, setze ich meine Texte viel lieber selbst in Szene. Ich vermeide den Ausdruck „Regie führen“.  Ich bin der Story und den Beziehungen zwischen den Schauspielern viel näher als ein Regisseur. Ich will nicht verallgemeinern, aber viele Regisseure wollen auf eine Art und Weise „Regie führen“ die mir absolut nichts bedeutet. Sie suchen immer nach einem versteckten Sinn, ohne das Wesentliche zu bemerken und, was mich am meisten ärgert, sie kümmern sich wenig um den Schauspieler.

Meine Stücke sind nicht „klassisch“, man kann sie nicht „anders“ in Szene setzen wie zum Beispiel Stücke von Caragiale oder Shakespeare. Es sind nagelneue Stories, die so inszeniert werden müssen, dass alle sie verstehen. Es ist passiert, dass ich wie die Kuh vor dem neuen Tor bei einer Inszenierung stand, wo der Text von mir stammte. Es war zum Heulen. Erfreulicherweise hat es der Leitung  des Theaters auch nicht gefallen und sie haben einen neuen Regisseur eingesetzt und mich als Regie-Assistentin angestellt.

In Interviews erzählen Sie immer, dass es eine Freude ist, zusammen mit Freunden Theater zu machen. Aus diesem Grund arbeiten Sie immer mit bestimmten Schauspielern. Schreiben Sie die Rollen speziell für sie? Wenn Sie eine Person erfinden, denken Sie immer an einen bestimmten Schauspieler?

Fast immer denke ich an einen bestimmten Schauspieler. Meistens übernimmt die Person viele Charaktereigenschaften des Schauspielers. Es kommt auch vor, dass ich mich selbst überrasche.
 Ich erfinde eine Person von der ich am Anfang nicht weiß, zu wem sie passt, aber, während ich den Text schreibe, wird es offensichtlich. Bis jetzt habe ich mich nie verfehlt.

Sie werben auf Ihrer Facebook-Seite sehr originell für Ihre Inszenierungen. Wie wichtig ist ein gutes Marketing in der Theaterwelt?

Ich weiß nicht, wie wichtig ein gutes Marketing ist, wir sind nicht sehr gut darin. Bei den meisten Aufführungen haben wir nicht einmal ein Plakat. Facebook ist der einzige Kanal, wo ich Werbung mache. Vielleicht gefällt es den Leuten, dass ich uns niemals lobe. Ich schreibe immer über uns als Gruppe, dass wir uns gut verstehen, dass wir viel miteinander und übereinander lachen, dass wir uns gegenseitig bewundern. Die Leute auf Facebook mögen uns dann und wollen uns auch auf der Bühne sehen. Was Marketing betrifft – ich glaube nicht an Lob, das schlecht formuliert ist. Wenn jemand auf meine Facebook-Seite eine lobende und schlecht geschriebene Anmerkung stellt, lösche ich sie. Ich habe Angst, meine intelligenten Zuschauer damit zu verjagen. Nicht jedes Lob ist ein Kompliment. Es ist besser, dass jemand dich meisterhaft kritisiert als dass dich jemand lobt, der nichts aus deiner Aufführung verstanden hat.

Sie haben mit Sicherheit viele Fans. Kommen die Leute nach den Aufführungen hinter die Kulissen? Welches war die rührendste Reaktion eines Zuschauers? Aber die unerwartetste?

Ich weiß nicht, ob wir viele oder wenige Fans haben. Es kommt darauf an, mit wem man uns vergleicht. Auf jeden Fall gibt es Leute, denen es gefällt, was wir machen. Viele wollen uns mehr als Applaus schenken. Wir bekommen wunderbare Blumensträuße (ich habe jedes Mal ein merkwürdiges Gefühl im Magen, weil ich weiß, dass sie sehr teuer sind), oder manchmal nur eine einzige Blume (mein Magen reagiert auf die gleiche Weise), oder kleine Gegenstände (einmal habe ich ein Glas Zacusca bekommen), oder wir erhalten ganz  nette Privatnachrichten auf Facebook. Die unerwartetste Reaktion? Vielleicht ein Zuschauer bei der Aufführung „Wir Vier“/„Noi4“. Er hat bei einem witzigen Dialog plötzlich angefangen, laut zu lachen, und konnte einfach nicht mehr aufhören. Nicht einmal dann, als auf der Bühne ein trauriger Monolog gesagt wurde. Er hat sich entschuldigt und ist aus dem Saal hinausgegangen. Man konnte ihn hören, wie er weiter lachte, ganz allein auf dem Flur. Nachher ist er zurückgekommen und hat sich noch einmal entschuldigt.

Erzählen Sie uns die Geschichte der Aufführung „Două liniuţe”. Wie war es, ein Auftragsstück zu schreiben? Wie hat das Publikum darauf reagiert?

Ich wurde von einer Agentur angerufen. Es war jemand vom Verein „Cercul fetelor deştepte” (Kreis der klugen Mädchen). Das hat mich irritiert. Ich weiß, dass kein kluger Mensch auf dieser Erde wirklich von sich selbst denkt, er sei klug.  Also war ich eher skeptisch. Bis zum Schluss traf ich mich mit den Vertretern dieses Vereins und fand, dass es sehr wichtig ist, was sie tun. Ich habe auch verstanden, woher das Wort „klug” stammt. In Rumänien ist die am meisten verwendete Verhütungsmethode die Abtreibung. „Cercul fetelor deştepte” informiert auf ihrer Webseite in einer freundlichen und annsprechenden Weise über die Methoden die es vermeiden, auf dem Operationstisch zu landen. Ich fand ihre Initiative gut. Nachher habe ich auch was über meine Rolle in der ganzen Geschichte erfahren. Sie dachten, dass Theater ein guter Träger für ihre Botschaft wäre und dass ich die Person bin, die ein Theaterstück über diese Idee schreiben könnte. Sie haben mir ganz viel Freiheit dabei gelassen. Niemand merkt, dass es ein Auftragsstück ist. Und das Publikum liebt die Aufführung, der Saal war immer voll. Man weint, man lacht und vielleicht, wenn man wieder zu Hause ist, sucht man auf Google, was in meiner  Geschichte wahr ist und was ich erfunden habe.

Warum sollte man „Două liniuţe” sehen?

Erstens hat das Publikum die Chance, viele junge und sehr gute Schauspieler zu sehen. Auf unserem Plakat sind die großen Namen von morgen. Es sind Leute, die ich für ihr Talent sehr bewundere. Nicht alle erscheinen im Fernseher, deshalb sind sie dem breiten Publikum weniger bekannt. Zweitens ist es eine schöne Aufführung. Sicher findet jeder etwas darin, das zu ihm passt. Willst du lachen? Es gibt viel zum Lachen. Willst du weinen? Auch zum Weinen ist vieles. Willst du über manche Sachen mehr nachdenken? Es ist ein guter Anlass. Willst du sehen, wie zeitgenössische rumänische Autoren schreiben? Lia Bugnar ist ausschlaggebend, in diesem Moment gibt es in Rumänien etwa zehn Aufführungen nach ihren Texten zu sehen. Vielleicht wird es dir nicht gefallen, aber du solltest wenigstens aus Neugierde kommen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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