Nicht mehr nur Symptome kurieren

Interview mit dem Chemienobelpreisträger Stefan Hell

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Chemienobelpreisträger Stefan Hell: „Das Banat ist ein Teil von mir.”

Schon zwei Nobelpreisträger stammen aus dem Banat. Nachdem die Schriftstellerin Herta Müller 2009 den Literaturnobelpreis erhalten hat, wurde nun der Physiker Stefan Hell mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Der aus der Arader Kleinstadt Sanktanna gebürtige Forscher erhielt den Preis für die Entwicklung superauflösender Fluoreszenzmikroskopie gemeinsam mit Eric Betzig und William E. Moerner. Astrid Weisz, Chefredakteurin der deutschen Sendung von Radio Temeswar, sprach mit Stefan Hell über die Auszeichnung und welche Rolle seine Herkunft dabei spielt.

Wie fühlen Sie sich nach der Nachricht Ihres Nobelpreisgewinns?

Das ist natürlich eine tolle Sache. Der Nobelpreis ist die höchste wissenschaftliche Auszeichnung und das zeigt, dass die Arbeit, die ich mit meinen Leuten gemacht habe, auch sehr wichtig ist, und so eine Auszeichnung zu bekommen ist natürlich was ganz Besonderes.

Was, hoffen Sie, kann Ihre Entdeckung der Menschheit bringen?

Um das ganz einfach zu umschreiben: Ich habe herausgefunden, dass man mit einem Lichtmikroskop viel schärfere Details sehen kann von dem, was man lange Zeit nur geahnt hat. Das ist deswegen wichtig, weil man nur mit einem Lichtmikroskop in eine lebende Zelle hineinschauen kann. Das heißt, man kann das, was sich in einer lebenden Zelle abspielt, ganz detailliert unter dem neuen Mikroskop erkennen und beobachten. Es ist einmal wichtig, um zu verstehen, wie eine Zelle überhaupt funktioniert, das heißt, wie letztendlich auch ein Mensch auf molekularer Skala funktioniert, wie unser menschliches System aufrecht erhalten wird, aber es ist auch sehr wichtig, um zu verstehen, was passiert, wenn zum Beispiel eine Zelle krank wird. Man kann so herausfinden, warum eine Krankheit entsteht oder ein Virusinfekt oder wenn eine Zelle entartet und so Krebs entsteht. Deshalb ist es für uns alle wichtig und das war auch der Grund, weshalb das Nobelkomitee – wie es auch einst Alfred Nobel sagte – es als den wichtigsten Fortschritt auf dem Gebiet der Chemie ansieht.

Was hat Sie ursprünglich dazu bewegt, in diesem Bereich zu forschen?

Ich hatte Spaß an der Physik. Ich besuchte das Nikolaus-Lenau-Lyzeum in Temeswar und habe dort meinen ersten Kick in Richtung Physik bekommen. Ich hatte da an der lokalen Olympiade teilgenommen. Wir hatten einen sehr guten Physiklehrer. Ich war aber nur insgesamt sieben oder acht Monate im Lenau-Lyzeum und bin dann nach Deutschland ausgewandert, wo ich meine hervorragende Physik- und Mathematikausbildung, die ich mitnahm, in Deutschland gut einsetzen konnte. Ich hatte also einen guten Start, um in der Schule sehr, sehr gut zu sein. Ich bin dann weiter gefördert worden und habe in Deutschland angefangen, Physik zu studieren. Die Forschung, an der ich gearbeitet habe, war letztend-lich physikalischer Art. Lichtmikroskopie ist ein physikalisches Problem, reicht aber in die Chemie hinein, darum ist es dann ein Chemiepreis geworden.

Glauben Sie, dass Sie als Forscher in Rumänien diese Auszeichnung bekommen hätten?

Wahrscheinlich nicht. Was ich aus dem Banat mitbekommen habe, ist schon die Faszination für Naturwissenschaften. Die Ausbildung war damals auch – das muss ich sagen – sehr streng und sehr gut. Ich hatte das Glück, viele Lehrer zu haben, die wirklich toll waren, die sich wirklich engagiert haben, die sich für ihre Schüler eingesetzt haben. Ich glaube auch nicht, dass es ein Zufall ist, dass es zwei Nobelpreisträger gibt, die aus dem Banat kommen, die de facto an der gleichen Schule waren. Ich glaube, das ist auch darauf zurückzuführen, dass es ganz hervorragende Lehrer in der damaligen Zeit gegeben hat, die den Spaß am Lernen und am Erfolgreich-Sein gefördert haben und das ist sicher ein Teil des Erfolgs.

Also Sie rechnen ihrer Kindheit und ihrer schulischen Ausbildung hier in Rumänien einen Anteil an Ihrem Nobel-Preisgewinn bei?

Es ist ein Baustein des Erfolgs. Es kommen noch viele andere Faktoren hinzu. Klar, wenn ich nicht nach Deutschland gegangen wäre, wenn ich nicht die hervorragende, zusätzliche Ausbildung in Deutschland gehabt hätte, wenn ich nicht an einer hervorragenden Universität studiert hätte und auch dort Förderer gehabt hätte, wenn ich nicht die Möglichkeiten gehabt hätte, die ich am Ende am Max-Planck-Institut hier gehabt habe, hätte ich diese Auszeichnung heute wahrscheinlich nicht. Es sind alles Komponenten, die hinzukommen. Aber ein Baustein ist sicherlich auch die damalige Ausbildung im Banat.

Vor drei Jahren hat Ihnen die Arader Universität den Titel Doctor Honoris Causa verliehen, letztes Jahr hat es das Politechnikum Bukarest getan. Welche Rolle spielen denn Rumänien und das Banat oder eben Sanktanna, die Stadt Ihrer Kindheit, heute noch in Ihrem Leben?

Ich bin 1978 aus Rumänien ausgewandert und bin dann über 30 Jahre lang nicht mehr zurückgekehrt. Vor drei Jahren war ich zum ersten Mal wieder im Banat und habe auch meine Familie mitgebracht. Meine Frau kommt aus Norddeutschland und es war natürlich ein schönes Erlebnis, die alte Heimat noch einmal zu sehen. Temeswar habe ich leider nicht besucht, ich war nur in Sanktanna und Arad, wo ich aufgewachsen bin. Das Banat ist ein Teil von mir. Es ist ohne Frage so. Im täglichen Leben spielt es keine so große Rolle mehr, obwohl ich auch Freunde habe, die auch Banater Wurzeln haben, die übrigens in Deutschland auch sehr erfolgreich sind. Es sind natürlich inzwischen so viele Jahre vergangen, seitdem ich von dort weg bin, aber es spielt letztendlich eine Rolle. Man könnte mich nicht verstehen, wenn man das nicht weiß.

Wissen Sie schon, was Sie mit dem Preisgeld machen werden?

Ich habe mir keine tiefen Gedanken darüber gemacht. Mein Wunsch ist es, dass man diese Entdeckung, mit der man jetzt sehr genau in die Zelle hineinschauen kann, allen Forschern der Welt zugänglich macht. Weil es am Ende eher um ihre Forschungsarbeiten gehen wird. Es wird wichtig sein, dass medizinische Forscher die Ursachen für Krankheiten auf molekularer Ebene entdecken werden. Dank dem neuen Lichtmikroskop erhalten sie einen völlig anderen Zugang dazu. In einigen Jahren wird es nicht mehr darum gehen, die Symptome zu kurieren, sondern wirklich zu verstehen, was sich im Einzelnen abspielt. Aber das werden wir nur dann tun können, wenn wir auch die Werkzeuge dazu haben, um das zu analysieren, um in die Zellen hineinzuschauen. Darum wird bestimmt ein Teil meines Preisgeldes dafür verwendet werden, diese Mikroskope allen zugänglich zu machen. Und natürlich in ihre Weiterentwicklung.

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